06.09.2010 · Erst durfte sie nicht Ökonomie studieren. Später erhielt Elinor Ostrom als einzige Frau bislang den Wirtschaftsnobelpreis. Sie forscht bis heute über die Bewahrung natürlicher Ressourcen.
Von Philip PlickertEin Ökonomiestudium ist nichts für Frauen. Das bekam Elinor "Lin" Ostrom zu hören, als sie sich Anfang der fünfziger Jahre an der University of California in Los Angeles für ein wirtschaftswissenschaftliches Seminar einschreiben wollte. Eine akademische Karriere als Ökonomin sei doch ausgeschlossen. Es schade auch dem Ruf der Universität, wenn aus ihren Absolventen nichts werde. Aus Elinor wurde aber doch etwas: eine Politikwissenschaftlerin und Umweltökonomin von Weltrang. Seit 45 Jahren lehrt sie an der Indiana-Universität im gleichnamigen amerikanischen Bundesstaat. Ihre akademische Karriere krönte 2009 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, den sie als erste und bislang einzige Frau erhielt.
Es war eine denkwürdige Szene, als Elinor Ostrom in Stockholm in einem afrikanischen Batikkleid auf die Bühne trat und aus der Hand des schwedischen Königs die goldene Nobel-Medaille überreicht bekam. Was hätten ihre Professoren von früher dazu gesagt? Ostrom sucht das Rampenlicht nicht. Sie gilt unter Kollegen und Studenten als äußerst bescheiden, eine Wissenschaftlerin, die um der Sache willen forscht. Für ihre bahnbrechende Forschung hat sie fast vierzig Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden erhalten. Auf den Nobelpreis angesprochen, lacht sie: "Ich halte mich wirklich nicht für ein Genie", sagt sie, "ich kann einfach gut mit empirischen Daten umgehen und daraus Schlüsse ziehen." Ostrom hat gezeigt, warum die Menschen Ressourcen manchmal zerstören und manchmal bewahren. Würden ihre Erkenntnisse konsequent beachtet, sagen Fachleute, könnte das einen entscheidenden Beitrag für einen effektiven "Umweltschutz von unten" liefern. Sie ist, bei aller Bescheidenheit, eine echte Weltverbesserin.
Als Kind geprägt von der „Großen Depression“
Nichts deutete auf diese Karriere, als sie 1933 in Los Angeles geboren wurde. "Das war mitten in der Großen Depression, da ging es einfach nur ums Überleben", erinnert sich die Ökonomin, die mittlerweile silberweißes Haar hat. "Gott sei Dank hatten wir hinter dem Haus einen Garten mit Gemüse und Obstbäumen, so hatten wir genug zu essen." Ihr Vater war Kunstmaler, wurde arbeitslos und musste sich als Maurer verdingen. Elinor sah, "wie er abends oft mit blutig aufgerissenen Händen vom Bau zurückkam". Später fand er Arbeit als Bühnenbildner an der neuen Oper von Los Angeles. Elinor saß oft in seinem Atelier und sah zu. Als sie sieben Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Ihre Mutter hatte etwas Geld geerbt. "Das hat sie recht geschickt angelegt, und wir konnten so gerade von den Erträgen halbwegs leben."
Das wissbegierige Mädchen wollte unbedingt aufs College, der Weg zum Studium wurde jedoch lang. Inzwischen hatte sie eine Jugendliebe geheiratet. Mit ihrem Mann, der ein Studium in Harvard machte, zog sie an die Ostküste. Um die Familie zu finanzieren, arbeitete sie als Angestellte in einer Elektrofirma. Es war ein etwas besserer Sekretärinnenjob. "Dreißig weibliche Sachbearbeiterinnen in einem Raum und vorne ein Mann, der uns beaufsichtigte", erzählt sie und lacht bei der Erinnerung. Danach war sie ein Jahr lang persönliche Assistentin eines Bostoner Vermögensverwalters. "All das waren gute Erfahrungen, weil ich mich durchbeißen und beweisen musste, dass ich etwas kann." Unterdessen ging ihre erste Ehe auseinander.
Als Verwaltungskraft in den Hörsaal gedrängt
Zurück in Kalifornien, nahm sie einen Job in der Verwaltung der Universität von Los Angeles an und begann ein Studium der Politikwissenschaft. Erst nach längerem Drängen ließ man sie und drei weitere Frauen auch für das Ökonomieseminar zu. Ihr Studium finanzierte sie mit Nebenjobs als Schwimmlehrerin, Bibliothekshilfe und Kellnerin. An der Universität lernte sie auch ihren zweiten Mann kennen, Vincent Ostrom, einen ihrer Dozenten. Mit ihm ist sie seit 47 Jahren verheiratet, offenbar sehr glücklich. Er ist auch ihr wissenschaftlicher Sparringspartner. Gemeinsam gingen sie Mitte der sechziger Jahre an die Indiana-Universität in Bloomington und gründeten dort 1973 einen politikwissenschaftlichen Workshop, der weltweit als wichtigstes Zentrum für die sogenannte Allmende-Forschung gilt.
Es geht dabei um eine für Fragen der Umweltzerstörung eminent bedeutende Frage: Als Allmende (im Englischen "Commons") werden gemeinschaftlich bewirtschaftete Güter bezeichnet. Etwa Weideflächen, auf die mehrere Bauern ihr Vieh stellen, oder Fischgründe, die allgemein befischt werden, oder Grundwasser, das von vielen Stellen angezapft wird. Die übliche ökonomische Theorie sagte, dass solche Gemeindegüter ruiniert werden. Jeder Nutzer habe individuell den Anreiz, so viel wie möglich herauszuziehen, obwohl er damit die Ressource kollektiv zerstört. Die Wiesen werden abgegrast, die Seen überfischt, das Grundwasser aufgebraucht. Dieses angebliche Prinzip der Selbstzerstörung hatte der amerikanische Biologe Garrett Hardin 1968 als "The Tragedy of the Commons" bezeichnet.
Viele Ökonomen fanden das einleuchtend. Sie sahen nur zwei Auswege: Entweder wird das Gemeindegut privatisiert, also in viele Parzellen aufgeteilt und einzelnen Nutzern exklusiv übergeben. Oder es wird komplett unter die Kontrolle einer Behörde gestellt, die eine angemessene Nutzung vieler überwacht. Elinor Ostrom fand heraus, dass es offenbar auch einen dritten Weg gibt: In den verschiedensten Umständen haben Menschen Wege gefunden, gemeinsam verantwortungsvoll mit den Ressourcen umzugehen. Sie haben Regeln für die nachhaltige Nutzung entwickelt.
Von japanischen Bauern gelernt
International bekannt wurde Ostrom mit dem 1990 erschienen Buch "Governing the Commons". Darin hat sie detailliert analysiert, wie Institutionen für eine sozial und ökologisch nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen entstehen: durch lokale Kooperation, Selbstorganisation und Selbstregierung. Hunderte Feldstudien über schweizerische und japanische Almbauern, über Bewässerungssysteme in den Philippinen und in Spanien, Fischfang in der Türkei und vieles mehr hat Ostrom dafür ausgewertet. Die Theorie, die sie zum Teil in hochkomplexen mathematischen Formeln mit vielen Variablen darstellt, hat sie auch in Zusammenarbeit mit deutschen Wissenschaftlern entwickelt. "Der Forschungsaufenthalt 1987 in Bielefeld war sehr wichtig", sagt sie.
Bis heute ist sie in Lateinamerika, in Afrika, in Indien, Nepal und in der Mongolei unterwegs, um mit eigenen Augen zu sehen, wie Wälder, Wiesen und Gewässer bewirtschaftet werden. Sie pendelt oft zwischen Hörsaal und Dschungel. Ihr Ergebnis ist immer wieder: Sofern das Gut eingrenzbar ist und die betroffene Gruppe der Nutzer überschaubar, funktioniert Selbstregulierung besser, als wenn der Staat eingreift. Viele offizielle Naturschutzparks hingegen verkommen, die Regeln werden nicht eingehalten.
550.000 Dollar Preisgeld gestiftet
"Gegenwärtig ist der dominierende Ansatz im Umweltschutz, die Probleme von oben nach unten anzugehen", sagt Ostrom. Man müsse aber die Betroffenen einbinden. "Wir dürfen die Leute vor Ort nicht zur Seite schieben. Solange wir sie als Teil des Problems, nicht als potentiellen Teil der Lösung ansehen, solange wird der Erfolg gering bleiben." Auch bei der Emissionsvermeidung zum Klimaschutz solle man nicht auf eine globale Lösung warten, sondern lokal anfangen.
Rastlos ist Elinor Ostrom unterwegs und hält Vorträge über ihre Forschung, berät internationale Organisationen und Regierungen. Seit sie den Nobelpreis erhielt, reißen sich alle um sie. Ihr Terminkalender ist bis 2012 ausgebucht. Im Sommer war sie auch in Deutschland unterwegs. Sie ist keine politische Umweltaktivistin, sondern bleibt Wissenschaftlerin. Ihren Anteil am Nobel-Preisgeld von gut 550.000 Dollar hat sie einer Stiftung zur Förderung der Forschung an ihrer Universität geschenkt. "Ich habe keine Kinder, also sollen es junge Forscher bekommen." Wann immer sie kann, kehrt sie nach Bloomington zurück und hält Seminare. Im Amerika werden Professoren nicht zwangsweise zu einem bestimmten Alter emeritiert. "Solange der Dekan mich lässt, will ich weiter unterrichten", sagt Ostrom, die vor kurzem ihren 77. Geburtstag feierte. Die Studenten und Kollegen, erklärt sie, sind ihre Familie. Für ihre Familie tut sie alles.
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Zur Person:
-Elinor "Lin" Ostrom, geboren am 7. August 1933 in Los Angeles, arbeitet nach dem College-Abschluss zunächst als Büroangestellte in einer Elektrofirma, dann studiert sie Politik und Ökonomie.
-Ihr wissenschaftliches Lebensthema ist die Frage nach Regeln für die gemeinschaftliche Nutzung von natürlichen Ressourcen ("Allmende-Problematik"). Ihre Dissertation 1965 untersucht die Grundwasserversorgung von Kalifornien.
-Seit den siebziger Jahren arbeitet sie an der Indiana-Universität in Bloomington, an der auch ihr zweiter Mann Vincent Ostrom lehrt.
1990 erscheint ihr bahnbrechendes Buch "Governing the Commons".
-2009 erhält sie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.