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Elie Wiesel Der betrogene Friedensstifter

06.07.2009 ·  Elie Wiesel hat durch den Spekulanten Bernard Madoff 15 Millionen Dollar verloren. Aber an Aufgeben denkt der Friedensnobelreisträger nicht. Rückschläge spornen den Holocaust-Überlebenden an.

Von Corinna Budras
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Elie Wiesel nimmt den Namen noch nicht einmal mehr in den Mund. „Bernie Madoff“ kommt ihm nicht über die Lippen. Der größte Finanzbetrüger der Wall Street, der zuletzt zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, ist für den Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger nicht mehr existent - eine Persona non grata, ein Nichts und Niemand. Wiesel gehört zu Madoffs prominentesten Opfern, rund 15 Millionen Dollar hat seine gemeinnützige Stiftung verloren. Auch sein Privatvermögen, das der Autor in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Verkauf seiner Bücher und mit seinen Reden verdiente, ist vermutlich verschwunden.

„Das war ein verheerender Schlag für uns“, sagt Wiesel, und seine Stimme klingt eher resigniert als wutentbrannt. Ruhig, fast ein wenig zurückhaltend wirkt er in seinem großzügigen Büro in der „Elie Wiesel Foundation for Humanity“ in der Nähe des New Yorker Central Parks. Noch vor einem Monat klang Wiesel anders. Nur ein einziges Mal hat sich der Betrogene zum Milliardenschwindel öffentlich geäußert. Einen „Dieb, Schurken und Kriminellen“ hat er Madoff damals in einer Podiumsdiskussion genannt. Einem, dem er für die nächsten fünf Jahre wünscht, in einer Einzelzelle zu sitzen und Tag und Nacht die Bilder seiner Betrugsopfer ansehen zu müssen.

Eine Welle der Sympathie

Seitdem der große Schwindel Ende vergangenen Jahres aufflog, erreichte Wiesel eine wahre Spendenwelle und ein ganzer Berg von bewegenden Briefen. „Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele Menschen gibt, denen meine Arbeit so wichtig ist“, sagt Wiesel lächelnd. Im September soll es ein Benefizkonzert für die Stiftung geben, viele bekannte Künstler hätten schon zugesagt. „Ich werde niemals erlauben, dass dieser Skandal mein Leben verändert und meine Arbeit zerstört“, bekräftigt er. Die Welle der Sympathie überrollt ihn auch deshalb, weil der beispiellose Betrug mit Elie Wiesel ausgerechnet jemanden trifft, der schon früh unsägliches Leid ertragen musste - und deshalb sein ganzes Leben dem Kampf gegen Intoleranz und Gleichgültigkeit widmete. So manchen Rückschlag hat er schon hinnehmen müssen, doch aufgegeben hat er noch nie.

Im rumänischen Transsilvanien geboren und aufgewachsen, lebt er zunächst mit seinen Eltern ein sehr religiöses Leben, lernt Hebräisch und studiert die Tora. Als er 15 Jahre alt ist, ändert sich sein Leben schlagartig. Die Nazis marschieren ein und deportieren innerhalb weniger Wochen eine halbe Million Menschen nach Auschwitz. Im Todeslager verliert er seine Mutter und seine jüngere Schwester, mit seinem Vater wird er Monate später nach Buchenwald getrieben. Dort angekommen, stirbt der Vater an Hunger und Erschöpfung. Seine tiefe Religiosität gerät angesichts des unmenschlichen Verbrechens ins Wanken, ohne dass er sich ganz von seinem Glauben löst. Bis heute quälen ihn immer wieder die gleichen Fragen an Gott: „Wo bist du gewesen? Wo war die Menschlichkeit? Wo die Zivilisation?“

„Ich wollte gar nicht mehr leben“

Elie Wiesel überlebt irgendwie, warum, weiß er eigentlich nicht. „Ich wollte gar nicht mehr leben“, sagt Wiesel. „Mein Leben war vorbei.“ Er spricht leise, mit einem kehligen, aber melodischen Akzent. Aufmerksamkeit bekommt er nicht durch ein polterndes Auftreten, sondern durch das Gegenteil. Wer Elie Wiesel verstehen will, muss zuhören. Selbst in seinem ruhigen Büro ist er manchmal so schwer zu verstehen, dass man sich vorbeugen muss. Eine Kämpfernatur sei er nie gewesen, erzählt der 80 Jahre alte Wiesel, der noch immer eher schmächtig wirkt. Schon als kleines Kind ist er ständig krank, Migränen machen ihm besonders zu schaffen. Trotzdem überlebt er den Holocaust. Schon bald nach der Befreiung aus Buchenwald im April 1945 wird ihm klar, dass er das Erlebte aufschreiben muss, damit der Greuel nicht in Vergessenheit gerät. Die Erinnerung wird seine Berufung. Doch zunächst fehlen ihm die Worte. Zehn Jahre nimmt er sich, bevor er beginnt, seine Memoiren zu verfassen. In dieser Zeit geht er nach Paris und studiert Philosophie an der Universität Sorbonne. Der nach dem Zweiten Weltkrieg neugeschaffene Staat Israel liegt ihm sehr am Herzen, nach seinem Studium wird er Journalist für israelische und französische Zeitungen.

Im Jahr 1956 beginnt er, seine Erinnerungen auf Jiddisch niederzuschreiben. Der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger François Mauriac spielt eine entscheidende Rolle in der Veröffentlichung des Buches, das unter dem Titel „Die Nacht“ erscheint. Der Verkauf beginnt schleppend, nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs scheint sich niemand für das Leid der Holocaust-Überlebenden zu interessieren. Inzwischen hat er Millionen von Exemplaren verkauft, das Buch gilt als Schlüsselwerk der Holocaust-Literatur.

„Ich bin dem amerikanischen Staat unglaublich dankbar“

Als Wiesel eines Tages als Korrespondent für die Vereinten Nationen nach New York geschickt wird, verändert sich sein Leben erneut schlagartig: Bei einem Verkehrsunfall wird der junge Journalist schwer verletzt und bleibt für mehrere Monate im Krankenhaus. Über ein Jahr lang ist er auf einen Rollstuhl angewiesen und kann nicht wieder zurück nach Paris. Doch dieser Zwangsaufenthalt in New York erweist sich als großes Glück. Dem staatenlosen Juden wird die amerikanische Staatsbürgerschaft angeboten - und er greift zu. „Ich bin dem amerikanischen Staat unglaublich dankbar“, sagt Wiesel. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Pass.“

Doch finanziell ist seine Situation alles andere rosig. Rund 180 Dollar verdiente er im Monat - auch Ende der fünfziger Jahre nicht genug Geld, um in New York ein vernünftiges Leben zu führen. „Ich war so arm, dass ich mir Seife aus den Herrentoiletten in den Vereinten Nationen klauen musste“, erinnert sich Wiesel und fügt dann lachend an: „Viele Jahre später beichtete ich Kofi Annan, dass ich ihm noch Geld schulde.“

In New York arbeitet er für die jüdische Zeitung „Forward“, doch schon bald hängt er seine Arbeit als Journalist an den Nagel. „Die Ereignisse begannen sich zu wiederholen, nur die Namen waren anders“, bemängelt Wiesel. Außerdem befürchtete er, zynisch zu werden. „Ich entdeckte die Macht der Medien, und ich war nicht glücklich damit.“ Die akademische Welt fasziniert ihn, zunächst am City College in New York, seit 1976 an der Universität von Boston als Professor für Geisteswissenschaften. Inzwischen wurden ihm mehr als einhundert Ehrendoktortitel verliehen. Außerdem schreibt er ein Buch nach dem anderen, darunter Sachbücher genauso wie Romane. Eine ungewöhnliche Disziplin treibt ihn jeden Morgen um fünf Uhr aus dem Bett an den Schreibtisch. Dort schreibt er täglich rund vier Stunden an seinen Büchern.

Vom Nobelpreis nur über Umwege erfahren

Schon in den siebziger Jahren ist er ein bekannter Mann, der für seine Arbeit gegen das Vergessen sogar im Weißen Haus anerkannt ist. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Jimmy Carter, ernennt ihn zum Vorsitzenden der Holocaust-Kommission. Der Anruf mit dem Angebot erreicht Wiesel, als er gerade mit seiner Frau in Israel reist. „Im Hotel sagte man mir, dass das Weiße Haus angerufen hätte“, erinnert sich Wiesel. „Ich dachte, das Ganze sei ein großer Irrtum.“

Die Arbeit legt den Grundstein für den Friedensnobelpreis, der ihm 1986 für seinen Kampf gegen Völkermord und Unterdrückung verliehen wird. Wieder erfährt er davon nur über Umwege. Kein Anruf des Nobelpreiskomitees mit einer diskreten Übermittlung der Glückwünsche. In Oslo weiß man nicht, wie der verreiste Wiesel erreicht werden kann. Stattdessen steht ein Journalist in der Lobby und will ihn sprechen. Wiesel lehnt ab, es ist die Zeit des jüdischen Festes Jom Kippur, der gläubige Jude fastet den ganzen Tag und betet in der Synagoge. Doch der Journalist insistiert, seine Zeitung werde am nächsten Tag die Exklusivnachricht verbreiten, dass Wiesel den Friedensnobelpreis erhalte. Der erstaunte Wiesel glaubt die gute Nachricht erst, als am nächsten Tag um fünf Uhr morgens Hunderte Journalisten in der Lobby stehen. Seine erste Reaktion, als er die Ehrung realisierte? Langes Schweigen. „Dieser Preis bedeutet eine große Verantwortung“, erläutert er. „Sie geben dir damit eine Plattform, ein Megafon, da muss man vorsichtig sein, was man sagt.“

Wiesel wählt seine Worte mit Bedacht, doch das bedeutet nicht, dass er sich auch mit seinen zahlreichen Aktivitäten zurücknehmen würde. Innerhalb von nur einer Woche macht er Station in Chicago, Washington und Genf, erinnert an den Holocaust und demonstriert gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Nebenbei arbeitet er gleichzeitig an mehreren Buchprojekten. „Es gibt noch so viel zu tun, ich habe noch nicht einmal angefangen“, sagt Wiesel und lacht herzhaft.

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Zur Person

- Elie Wiesel wird am 30. September 1928 in Transsilvanien geboren. Die Nazis deportieren ihn und seine Familie ins Konzentrationslager Auschwitz, als er 15 Jahre alt ist.

- Er überlebt und studiert Philosophie in Paris, arbeitet anschließend als Journalist. Eine Dienstreise führt ihn nach New York, wo er Opfer eines Verkehrsunfalls wird. Der bisher staatenlose Wiesel erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft.

- 1978 ernennt ihn der damalige amerikanische Präsident Jimmy Carter zum Vorsitzenden der Holocaust-Kommission. 1986 erhält er für seine Arbeit den Friedensnobelpreis und gründet eine Stiftung gegen Intoleranz und Gleichgültigkeit.

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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