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Eckard Wimmer Ein Herz für Viren

 ·  Der deutsche Forscher Eckard Wimmer kam in Amerika zu Weltruhm. Er hat das erste künstliche Virus geschaffen. Dafür wird er bewundert und verteufelt.

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„Du kommst in die Hölle.“ Als Eckard Wimmer vor zehn Jahren ein anonymer Brief mit diesem Satz ins Haus flatterte, fand er das noch ein Stück weit amüsant - schließlich ist er Atheist. Härter hat ihn schon die Kritik von seinem Kollegen Craig Venter getroffen, der ein paar Jahre vorher mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu Berühmtheit kam. „Unverantwortlich“ nannte Venter die Arbeit von Wimmer - und trat damit eine Rivalität zwischen den beiden Wissenschaftlern los.

Grund für die erhitzten Gemüter war die ebenso bahnbrechende wie umstrittene Forschungsleistung des aus Deutschland stammenden, aber in Amerika arbeitenden Biochemikers. Dem Professor war es zusammen mit seinem Team an der Stony Brook University in der Nähe von New York gelungen, ein Virus künstlich im Labor herzustellen. Das hatte zuvor noch nie jemand geschafft. Es handelte sich um eine Version des Poliovirus, des Erregers der Kinderlähmung. Ein Durchbruch, der brisante Fragen aufwarf: Spielen Forscher jetzt Gott? Was, wenn gefährliche Erreger versehentlich nach außen gelangen? Bekommen Terroristen dann eine Gratisanleitung, Biowaffen zu bauen?

„An der Türschwelle zwischen tot und lebendig“

Diese Fragen sind heute so aktuell wie im Jahr 2002, als Wimmer seine Arbeit vorlegte. In den vergangenen Monaten wurde in Amerika wieder leidenschaftlich debattiert, welche Art von Forschung erlaubt sein sollte. Auslöser waren Experimente mit dem Vogelgrippevirus. Das Virus ist für Menschen oft tödlich, kann aber glücklicherweise nicht so leicht von einer Person zur nächsten übertragen werden. Zwei Forscherteams gingen der Frage nach, ob das Virus durch Mutationen ansteckender gemacht werden könnte. Tatsächlich gelang ihnen das in Versuchen mit Frettchen: Die Tiere steckten sich gegenseitig an. Zwar starben sie nicht daran. Trotzdem machten die Experimente das Schreckensszenario eines hochinfektiösen Killervirus, das eine weltweite Seuche auslöst, um einiges reeller. Die „New York Times“ kommentierte, die Studien hätten nie gemacht werden dürfen, die amerikanische Regierung versuchte, die Veröffentlichung zu stoppen. Erst mit Verzögerung wurden die Ergebnisse dann doch publiziert.

Der mit solchen Kontroversen gut vertraute Eckard Wimmer stellt sich in dieser Debatte klar auf die Seite seiner Wissenschaftlerkollegen: Er meint, auch riskante Forschungsprojekte müssten verfolgt und veröffentlicht werden. Denn so gewinne man Erkenntnisse, die helfen könnten, Impfstoffe zu finden und dem Ausbrechen einer Seuche zuvorzukommen. Im übrigen habe er gelernt, dass es sinnlos sei, sich dem Fortschritt in der Forschung in den Weg stellen zu wollen: „Es ist ein Grundgesetz der Wissenschaft: Wenn die Zeit für etwas reif ist, dann ist die Frage nur noch, wer es macht.“ Diese Überlegung habe ihn auch bei seinem Poliovirus-Projekt angetrieben: „Wir wussten genau: Wenn wir es nicht tun, tut es jemand anders.“

Der 76 Jahre alte Wimmer spricht mit Leidenschaft von seiner Materie, er nennt das Poliovirus „meine wissenschaftliche Liebe“. Ihn fasziniert der Charakter von Viren, „an der Türschwelle zwischen tot und lebendig“, wie er es nennt: „Solange ein Virus nur in einem Reagenzglas oder im Kühlschrank ist, ist es tote Chemie. Erst wenn es in eine Zelle kommt, erwacht es zum Leben und verändert sich.“ Genau dieser Umstand macht die ethische Diskussion um das von ihm gebaute künstliche Poliovirus schwierig: Hat Wimmer Leben geschaffen oder nicht? „Da gibt es keinen Konsens, und es kommt auf die Perspektive an: Religiöse Menschen haben da oft eine andere Meinung als Wissenschaftler, und Philosophen sehen es wieder anders.“ Er selbst hatte jedenfalls bei seinem Experiment keine ethischen Bedenken: „Für mich war das eine rein chemische Angelegenheit.“

„Eine überwältigende Chemie, weil sie mit dem Leben zu tun hatte“

Ursprünglich war Wimmer einmal auf dem Weg zu einer klassischen Chemikerkarriere weit jenseits solcher Diskussionen. Nach seinem Doktortitel an der Universität Göttingen 1962 arbeitete er zunächst als Forschungsassistent. Sein Professor verhalf vielen Mitarbeitern zu einer Stelle in einem Chemieunternehmen. „Das war zwar nett von ihm, aber es war für mich eine grauenvolle Vorstellung. Dann hätte ich mich mit lauter toten Sachen wie Farbstoffen oder Nylonstrümpfen beschäftigen müssen.“

Wimmer erzählt, die Augen seien ihm geöffnet worden, als ein Molekularbiologe aus Amerika in Göttingen Station machte und über sein Feld sprach, die Chemie in der Zelle. „Das schien mir eine überwältigende Chemie, weil sie mit Leben zu tun hatte.“ Wimmer beschloss, sich auf Biochemie zu verlagern, einer in Deutschland damals allerdings noch kaum verbreiteten Disziplin. Deshalb wanderte er 1964 nach Nordamerika aus.

Genom des Poliovirus entschlüsselt

Seinen ersten großen Forschungserfolg schaffte er 1981, als er das Genom des Poliovirus entschlüsselte. Schon damals setzte sich in seinem Kopf die Idee fest, das Virus selbst künstlich nachzubauen. Es sollte noch zwanzig Jahre dauern, weil die Labortechnik lange nicht so weit war. Aber schließlich war die Zeit reif, wie Wimmer es sagen würde, und 2002 konnte er das Virus mit einigermaßen simplen Mitteln herstellen: Die Erbinformationen hatte er, das Erbgut selbst ließ er sich als Rohmaterial von einem darauf spezialisierten Händler zuschicken. Er verabreichte das nachgebaute Virus an Mäuse, die tatsächlich erkrankten - das Experiment war geglückt.

Ihm selbst kam sein Projekt nie sonderlich gefährlich vor, schließlich ist Kinderlähmung wegen wirksamer Impfungen zumindest aus den Industrieländern weitgehend verschwunden. Trotzdem löste die Publikation Entsetzen aus. Im Jahr nach den Terroranschlägen und den Anthrax-Attacken war die amerikanische Öffentlichkeit wenig empfänglich für die Nachricht, dass Wissenschaftler ein künstliches Virus hergestellt haben. Craig Venter rügte, Wimmer bringe die ganze Wissenschaftlergemeinde in Verruf. Wer solche Experimente mache, schrecke die Menschen auf und provoziere Forschungsfeindlichkeit - was wiederum die Politik dazu bringen könnte, Wissenschaftlern Restriktionen aufzuerlegen.

Wimmer hat Venter die Entrüstung nie so richtig abgenommen und meint, sein Kollege wäre gern selbst der erste gewesen, der ein künstliches Virus kreiert. Tatsächlich arbeitete Venter an einem ähnlichen Projekt und verkündete 2003, dass ihm die Synthese eines anderen, allerdings für Menschen harmlosen Virus gelungen ist.

Seither haben Forscher verschiedene Viren nachgebaut. Eckard Wimmer konzentriert sich in seiner Arbeit weiter auf das Poliovirus. Zusammen mit der Stiftung von Bill und Melinda Gates arbeitet er an der Entwicklung eines neuen Impfstoffs - in der Hoffnung, dass damit die eigentlich schon vor Jahren geplante Ausrottung der Kinderlähmung endlich gelingt. In manchen Ländern wie Nigeria und Afghanistan ist die Krankheit noch immer verbreitet.

Träumen vom Nobelpreis

Selbst Wimmer sieht in seiner Forschungsarbeit Grenzen und hat schon einmal ein geplantes Forschungsprojekt wieder begraben. Es ging darum, einen mit dem Poliovirus verwandten, aber viel harmloseren Erreger so zu verändern, dass er schädlicher wird. Nach Diskussionen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO gab er das Vorhaben auf. Nach eigenem Bekunden würde er auch nicht versuchen wollen, ein ganz neues, tödliches Virus zu entwickeln, was er aber ohnehin für sehr schwierig hält. Allgemein warnt er vor Panikmache und sagt, er halte den Ausbruch einer weltweiten Pandemie, die Millionen von Menschenleben fordert, für unwahrscheinlich - trotz der beunruhigenden Ergebnisse der jüngsten Vogelgrippestudien.

Wimmer hat in seiner Karriere viele Auszeichnungen gesammelt. Vor wenigen Tagen wurde verkündet, dass er den diesjährigen Robert-Koch-Preis verliehen bekommt. Im Mai wurde er in die amerikanische Nationale Akademie der Wissenschaften berufen. Träumt er manchmal von einem Nobelpreis? „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nie daran gedacht, aber das tut ja jeder Wissenschaftler.“ Die größten Chancen rechnet er sich aber nicht aus: „Es gibt Wissenschaftler, die sind sich sicher, dass sie einen Nobelpreis kriegen werden. Bei meiner speziellen Arbeit halte ich die Wahrscheinlichkeit tendenziell für gering.“ Ans Aufhören denkt er auf absehbare Zeit nicht: „Ich würde das alles gern über meinen achtzigsten Geburtstag hinaus weiter machen.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem guten Frühstück.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich Bach-Musik höre.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss immer an wissenschaftliche Probleme denken, selbst in der Pause zwischen zwei Bach-Musikstücken.

Erfolge feiere ich ...

... mit meiner Frau und mit meinen Mitarbeitern.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Editoren einer Publikation schreiben, dass mein Manuskript schlecht geschrieben sei und überhaupt nichts Wesentliches enthalte.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... Chemiker werden.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... mein Glück in der Pflanzenvirologie versuchen.

Geld macht mich ...

... höchst zufrieden, nicht aber glücklich.

Rat suche ich ...

... bei meiner Frau.

Familie und Beruf sind ...

... für mich vereinbar.

Den Kindern rate ich, ...

... ihren eigenen Weg zu finden, ohne mich zu ignorieren.

Mein Weg führt mich ...

... ins Ungewisse.

Zur Person

Eckard Wimmer wird am 22. Mai 1936 in Berlin geboren. Er studiert Chemie in Rostock. 1956 flieht er in den Westen („Wir wussten, dass die Mauer kommt“). In Göttingen erhält er Diplom und Doktortitel.

Seine Faszination für Biochemie bringt ihn 1964 nach Nordamerika. Seit 1974 ist er an der Stony Brook University in New York.

2002 gelingt ihm die künstliche Synthese eines Poliovirus. Zu Wimmers vielen wissenschaftlichen Auszeichnungen kommt in diesem Jahr der Robert-Koch-Preis hinzu.

Wimmer ist heute amerikanischer Staatsbürger. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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