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Dietrich Grönemeyer Medicus mit Miniaturwerkzeug

 ·  Er ist Deutschlands wohl populärster Mediziner – und für seine Kritiker ein rotes Tuch. Dabei hatte Dietrich Grönemeyer früher Angst vor dem Arzt.

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Dietrich Grönemeyer ist zählt zweifellos zu den bekanntesten Medizinern hierzulande. Der Boulevard verlieh ihm einst den Titel „Medizin-Papst“, seine Bücher sind Bestseller. Und kaum ein Vertreter seiner Zunft ist gleichzeitig derart umstritten. Von der Scharlatanerie über strittige akademische Weihen bis zur Veruntreuung von Fördergeldern – kaum ein Vorwurf, mit dem sich der 55 Jahre alter Westfale bis heute nicht auseinandersetzen musste. Die meisten davon entkräftet der redegewandte Mittfünfziger mit Vorliebe für pastellfarbene Polohemden routiniert. Er ist es gewohnt, am Pranger zu stehen. „Wer Innovationen vorantreiben will, der braucht auch breite Schultern“, findet Professor Dietrich Grönemeyer.

Dabei hat es lange Zeit gar nicht danach ausgesehen, als sollte aus dem jungen Dietrich mal ein Mediziner werden. Im Gegenteil. „Ich hatte als Kind Angst vor dem Arzt, war ein totaler Schisser.“ Wie alle, die von chronischer Mittelohrentzündung geplagt sind, muss auch der junge Grönemeyer regelmäßig zur Behandlung. Mit vier Jahren, erinnert er sich, wird er in einem abgedunkelten Raum geröntgt, bekommt Blut abgenommen. Das ruft eine Aversion hervor. „Wenn ich Krankenhäuser nur gerochen habe, wurde mir schlecht.“ Zwar kommt er durch die aus dem Baltikum stammende Familie seiner Mutter sowohl mit der Schulmedizin als auch mit der Naturheilkunde in Berührung. Doch der Beruf des Vaters, eines Bergbau-Ingenieurs, übt wesentlich mehr Faszination auf den Filius aus. Er baut Modellflugzeuge zusammen und begeistert sich für Technik. Dann steht eine Nasenoperation an, die er noch heute als „traumatisch“ bezeichnet. Er kommt zur Überzeugung: „Das muss auch anders gehen.“ Spritzen geben und Blut abnehmen muss nicht weh tun. Der Berufswunsch Arzt steht fest.

Studienauftakt mit der Uvula

Doch seine Schulnoten hieven ihn zunächst nur auf die Nachrückerliste. Stattdessen studiert er zunächst Sinologie, als der Studienplatz für Medizin frei wird, wechselt er nach Kiel. Seine größte Enttäuschung ist der erste Studientag. „Ich wollte begreifen, was Medizin ist und was mich im Studium erwartet“, erinnert sich Grönemeyer. Statt dessen sitzt er mit 400 Studenten vor Mikroskopen und betrachtet einen Schnitt durch die Uvula – das Gaumenzäpfchen –, dessen Bedeutung ihm bis heute noch nicht ganz klar sei.

Medicus mit Miniaturwerkzeug

Gefallen findet Grönemeyer am breiten Ansatz des Studiums, will zunächst Allgemeinmediziner werden. Doch sein Technikinteresse, das weitestgehend unbefriedigt bleibt, treibt ihn in die Radiologie. Für seine Doktorarbeit Ende der siebziger Jahre sucht er sich bewusst ein Thema, das den Mediziner mit den Tischler- und Bastelarbeiten von einst kombiniert: „Die quantitative Blutfluss-Bestimmung mit Hilfe digitaler Röntgenbild-Verarbeitung“.

Als junger Arzt befasst er sich mit der Strahlentherapie, geht auf die Frauenkrebsstation. Er begleitet Patientinnen beim Sterben. „Das war die intensivste Phase in meinem Leben“, sagt er. Grönemeyer sieht die Aufgabe als Selbsttest: „Wenn ich das nicht aushalte, kann ich kein Arzt sein.“ Später betreut er auch seinen Bruder Wilhelm, der mit 44 Jahren an Krebs stirbt.

Revolution oder „Chop sticks“?

Er entwickelt Geräte selbst, verkleinert Instrumente wie Zangen und Sonden und nennt das Ganze „Mikrotherapie“, weil er den Patienten eine konkrete Vorstellung von dieser neuen „minimal-invasiven“ Behandlungsform geben will. Der Arzt bringt die Miniaturinstrumente ganz präzise an die jeweilige Stelle im Körper, kontrolliert durch bildgebende Geräte wie Computer- oder Kernspintomographen. Große Schnitte sind demnach oft nicht mehr nötig, etwa bei Bandscheibenvorfällen. Der Eingriff soll für den Patienten ambulant und so schonend wie möglich verlaufen. 1988 entfernt er in Mühlheim erstmals mit einem Laserstrahl einen Tumor, während der Patient im offenen Kernspintomographen liegt.

Die Fachwelt beäugt die Methode mit Minimalaufwand extrem skeptisch. Bis heute werden seine Behandlungserfolge angezweifelt, seine Instrumente auch als „Chop sticks“ verspottet. Grönemeyer kontert: „Wenn ich ein Medikament direkt an einen bestimmten Punkt bringen kann, muss ich doch nicht den gesamten Körper fluten.“ Die größte Hürde für Neuerungen seien stets die Kollegen. Schließlich gehe es um Pfründe, Einfluss und Geld.

Grönemeyer ist da gerade mal 36 Jahre alt und preist seine Entwicklungen bereits auf Kongressen rund um die Welt an. „Ich dachte damals, dass sich die Mikrotherapie in zehn Jahren durchgesetzt haben wird. Heute weiß ich, das war ein Fehler.“ Und nicht der einzige, wie er freimütig einräumt. Der Jungstar der Branche antwortet auf die Kritik aus dem Kollegium, indem er sich zurückzieht. Heute findet er, dass er den Dialog hätte suchen, „Kommunikation nach innen“ betreiben müssen.

Betrugsverfahren ergebnislos eingestellt

Stattdessen reagiert er auf die Blockade durch das System, indem er sich außerhalb desselben stellt. Er wird Unternehmer und kauft die radiologische Abteilung in Mühlheim kurzerhand auf. Später lässt er sich auszahlen und gründet 1991 an der Universität Witten/Herdecke sein „Entwicklungs- und Forschungsinstitut für Mikrotherapie“. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt die Neugründung mit mehr als 20 Millionen Mark. Ein Umstand, der nach öffentlicher Darstellung mit zum Fall des zuständigen Landesministers beiträgt. Grönemeyer bestreitet dies, sieht Intrigen innerhalb der Politszene als Ursache für den Fall des Politikers.

1999 wird das Institut aufgespalten und gewinnbringend an einen amerikanischen Konzern verkauft. Schnell ist von Subventionsbetrug die Rede. Die Staatsanwaltschaft stellt diesbezügliche Ermittlungen später ergebnislos ein. „Nach außen hin sah das vielleicht nicht ganz geschickt aus“, räumt Grönemeyer ein. In der Sache hält er sein Vorgehen jedoch für richtig, schließlich gründet er mit dem Geld in Bochum ein neues Institut für ambulante Mikrotherapie. Aus den fünf Angestellten von damals sind heute gute hundert geworden. Auch die Patentierung und den Verkauf neuer Technologien hält er für richtig: „Wir brauchen das Geld, um von Drittmitteln unabhängig zu sein und junge Leute zu fördern.“

Millionen für junge Wissenschaftler

Grönemeyers wissenschaftliche Laufbahn entfacht ebenfalls Debatten. Seine Habilitation 1990 an der UWH begleitet oft der Hinweis auf seine geringe publizistische Aktivität. Alles Unsinn, findet Grönemeyer, sein Lehrstuhl sei der drittstärkste der Universität in Sachen Publizität. Statt mit Fachaufsätzen in renommierten Zeitschriften reüssiert Grönemeyer allerdings tatsächlich mit populärwissenschaftlicher Literatur mit Werken wie „Mein Rückenbuch“, „Lebe mit Herz und Seele“ und „Mensch bleiben“, wobei Letzterer frappierend einem Album-Titel seines Bruders, des Popsängers Herbert, ähnelt. In „Der kleine Medicus“ versucht Grönemeyer, Kindern und Jugendlichen die Geheimnisse von Medizin und Biologie in Form eines Abenteuerromans näherzubringen.

Was würde der Grönemeyer von heute dem jungen Arzt von damals raten, der glaubt, eine bahnbrechende Entwicklung gemacht zu haben? Kurze Pause. Er solle sich einen Paten suchen und mit ihm eine Strategie entwickeln. Und soll ein Mediziner denn aus seiner Idee überhaupt unternehmerischen Profit ziehen dürfen? Doch, doch, der Unternehmergeist müsse unbedingt erhalten bleiben, findet er. „Das muss aber systematischer laufen als bei mir.“ Die Unterstützung aus der Wirtschaft sei notwendig, damit sich ein Produkt auch am Markt durchsetzen könne. „In den Vereinigten Staaten kriegen junge Wissenschaftler eine Million Dollar, und dann heißt es: ,mach es‘“. Deshalb brauche Deutschland eine Institution, die akademisch-industriell aufgebaut sei, mit Fondsmöglichkeiten zur Unterstützung junger Wissenschaftler. Fehler wie bei der Endoskopie, einer deutschen Entwicklung, die heute größtenteils aus Japan reimportiert werde, dürften sich nicht mehr wiederholen.

„Mauern zwischen Fachrichtungen einreißen“

Denn Deutschland, da ist sich Grönemeyer sicher, ist „das Gesundheitsland der Welt“. Es müssten nur die richtigen Weichen gestellt werden, um diesen Markt voll zu entwickeln. Bei seinem Lieblingsthema gerät Grönemeyer ins Schwärmen und redet schneller: Die Verstaatlichung der Gesundheitspolitik müsse verhindert werden, stattdessen das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung durch entsprechenden Schulunterricht und Bewegungskampagnen verbessert werden. Dann verteilt er doch noch ein Lob an die Politik. Die „Integrierte Versorgung“ sei ein hervorragender Punkt, das habe Ministerin Schmidt richtig gemacht. „Verschiedene Ärzte arbeiten zum ersten Mal miteinander und teilen sich auch einen Kostenblock.“ Dies führe dazu, dass disziplinübergreifend gedacht werde. So, wie Grönemeyer es seit langem propagiert. „Diese Mauern möchte ich auch in Zukunft ein bisschen mit einreißen.“ Seine Kritiker wird dieser Mann wohl noch lange beschäftigen.

Zur Person:

- Dietrich Grönemeyer wird am 12. November 1952 im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld geboren. Sein Bruder ist der Popmusiker Herbert.

- Dem Medizinstudium in Kiel folgt 1982 die Promotion. Als Chefarzt in Mühlheim entwickelt er die Mikrotherapie.

- 1990 erfolgt die Habilitation an der Universität Witten/Herdecke, wo er ein Jahr später das Institut für Mikrotherapie gründet.

- Als Autor veröffentlicht er Gesundheitsratgeber, kritisiert die Politik und schreibt Medizinbücher für Kinder. „Der kleine Medicus“ wurde eine Viertelmillion Mal verkauft.

- Grönemeyer ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bochum

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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