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Dennis Meadows Weltuntergangsprophet mit Spieltrieb

25.01.2010 ·  Wenn man keine 30 Jahre alt ist und schon einen Klassiker wie "Grenzen des Wachstums" geschrieben hat, kann man entweder den Rest seines Lebens über das Buch reden - oder Brettspiele entwickeln. So wie Dennis Meadows.

Von Philipp Krohn
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Wer die Apokalypse vorhersagt, wird sich in der Regel kaum mehr rechtfertigen müssen, wenn sie nicht eintritt. Denn meistens liegt das Weltuntergangsszenario so weit in der Zukunft, dass keiner der eigenen Zeitgenossen mehr die Vorhersagen überprüfen kann. Der amerikanische Systemtheoretiker Dennis Meadows hat sich sehr viel angreifbarer gemacht und dafür mächtig Prügel von der einen, begeisterte Zustimmung von der anderen Seite erhalten. Denn in seinem Weltbestseller "Die Grenzen des Wachstums", den er mit seinem Forscherteam am Massachusetts Institute of Technology (MIT) 1972 erstmals veröffentlichte, hat er den Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Welt zwar nicht prognostiziert. Aber er hat Mechanismen aufgezeigt, die noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts angeblich dafür sorgen sollten, dass die Bevölkerungszahl und die Wirtschaftsleistung unaufhaltbar sinken würden, nachdem die Umwelt irreparabel gestört und die Rohstoffquellen ausgeschöpft worden seien - wenn die Menschheit nicht gegensteure.

37 Jahre später ist Meadows seinem Thema treu geblieben. "Es frustrierte mich, dass im Jahr 2000 die Leute sagten, nach unseren Untersuchungen müsste es zum Kollaps kommen. In jedem unserer Szenarien kam das Wachstum zwischen 2010 und 2050 zum Ende", sagt der Zukunftsforscher heute. Den tatsächlichen Zeitpunkt könnte er durchaus erleben, sollte es denn so kommen. Klimawandel und Wasserknappheit sieht er als eindeutige Vorboten. Dass sich die Menschheit nicht an seine Warnungen gehalten und einen gleitenden Prozess ins Zeitalter der Wachstumsgrenzen organisiert habe, frustriert den emeritierten Professor, der nach dem Tod seiner ersten Frau und Co-Autorin Donella inzwischen in zweiter Ehe verheiratet ist.

Vom Club of Rome zum Gesellschaftsspiel

Obwohl er aber 1992 und 2004 zwei Aktualisierungen des Welterfolgs schrieb, sieht er das Werk nur als einen Teil seiner wissenschaftlichen Laufbahn. "Ich hätte eine ganze Karriere auf den ,Grenzen' aufbauen können. Viele schreiben einmal ein interessantes Buch und erzählen dann den Rest ihres Lebens davon. Das kam für mich nie in Frage", erklärt er und fährt sich nachdenklich durch die ergrauten Barthaare. Stattdessen stürzte er sich nach der Auftragsarbeit für die Denkfabrik Club of Rome in neue Aufgaben. Er wendete seine mathematischen Modelle auf neue Fragestellungen an, vertiefte sich in die Entwicklung besserer pädagogischer Methoden. Schließlich entwarf er Gesellschaftsspiele, die heute in Unternehmen und Umweltgruppen eingesetzt werden, um den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen einzustudieren. Das meiste, was er tut, geschieht im Dienste der Nachhaltigkeit.

Seine Jugendjahre in Rochester, Minnesota, beschreibt Meadows als prägend. Schule, Sport, Spaß - aus diesen drei Komponenten bestand sein Leben damals. Erst eine Reise in die Schweiz öffnet ihm als 17-Jährigem die Augen dafür, dass es Zivilisationen gibt, die viel weiter zurückreichen als bis 1492. Er habe begonnen, von Jahrzehnten in Jahrtausende umzudenken. Und im "Alten Europa" scheint zum ersten Mal eine Idee davon auf, was seine berufliche Bestimmung sein könnte: "Von der Reise nahm ich die Erkenntnis mit, dass ich mich selbst arm mache, wenn ich etwas abgebe. Wenn ich aber Ideen habe, kann ich andere reicher machen und sie trotzdem behalten. Das brachte mich dazu, Lehrer zu werden."

„Ich wollte kein Chemiker sein, ich wollte einen Doktortitel“

Wieder zurück in Amerika, fällt seine Studienwahl auf Chemie. Das bringt ihn zwar der Wissenschaft näher. Aber nach dem Abschluss hat er mehr Kontakt zur Radioaktivität als zu anderen Menschen. "Die Zeit im Labor machte mir klar, dass ich kein Chemiker sein wollte. Die Frau, die ich heiraten wollte, schloss ihr Studium ein Jahr vor mir ab und ging nach Cambridge. Ich wusste also, ich wollte kein Chemiker sein, ich wollte einen Doktortitel, und das in Cambridge", erinnert er sich. Mit seinen mathematischen Fähigkeiten überzeugt er den Erfinder der Systemdynamik, Jay Forrester, ihn in seine Arbeitsgruppe am renommierten MIT in Cambridge bei Boston aufzunehmen.

Fünf Jahre lang denkt er sich in die Lehren des Managements ein und genießt die Interdisziplinarität des Feldes: Psychologie und Volkswirtschaft, Geschichte und politische Wissenschaften gehören zu seinem Programm. Er spezialisiert sich aber in einem anderen Gebiet: in Modellen der Systemdynamik. "In meiner Doktorarbeit habe ich diese mathematischen Modelle auf Schweinepreise angewendet. Wenn ich das weiter betrieben hätte, wäre ich vielleicht Warenspekulant geworden. Einige aus meiner Gruppe sind damit sehr reich geworden", sagt er lächelnd. Sein eigentliches Thema fällt ihm dann anders zu - wieder einmal während einer Reise. In einer Vierergruppe fährt er Ende der Sechziger ein Jahr lang mit einem Landrover quer durch Europa und Asien. Von London nach Sri Lanka und zurück führt ihn der Trip, auf dem er mit Armut und Umweltzerstörung konfrontiert wird. In Afghanistan macht er sich bewusst, wie viele Zivilisationen schon in einer Region aufgestiegen und schließlich wieder zugrunde gerichtet worden sind.

Sein Bericht löst eine Debatte aus - ohne ihn

Nachdem er nach Amerika zurückgekehrt ist, will es der Zufall, dass Forrester gerade mit dem Club of Rome verabredet hat, eine umfassende Langzeituntersuchung zu den Folgen des exponentiellen Wachstums auf der Welt auszuarbeiten. Einen wissenschaftlichen Bericht und einen lesbaren Text für die Allgemeinheit soll das Forscherteam vorlegen. Dennis Meadows leitet die Gruppe, seine Frau Donella wird eine der Mitautorinnen. Die weltweiten Diskussionen, die der Bericht und drei Folgepublikationen auslösen, erlebt er dann aber fast als Unbeteiligter: "Die öffentliche Debatte fand weitestgehend ohne mich statt, denn die Leute wollten nicht meine Meinung hören, sondern hatten ihre eigene." Und die ist überwiegend ablehnend. In den Ökonomen Nicholas Georgescu-Roegen und Hermann Daly gibt es Wachstumskritiker, die das Thema überzeugender dargestellt haben, weil sie es konzeptioneller erschlossen haben. Keiner aber hat so viel Nachhall gefunden wie Meadows mit seinem Team. Der ökologische Umbau der Wirtschaft, den der Bericht nahelegt, lässt dagegen erst einmal auf sich warten.

16 Jahre lang bringt er danach Studenten bei, wie sie mathematische Modelle in Fragen der Energie- und Ressourcenwirtschaft einsetzen können. Viele von ihnen landen später als Mitarbeiter im Kongress oder in der Präsidialverwaltung. Seinen 40. Geburtstag verbringt er zufällig in Washington mit vielen seiner ehemaligen Absolventen. Was sie denn für Lehren von ihm mitgenommen hätten, fragt er sie. "Die meisten erinnerten sich an ein einfaches Spiel, das ich verwendet hatte - nicht an meine Vorlesungen, nicht an meine Prüfungen. Das war für mich ein Wendepunkt", erinnert er sich. Von da an entwickelt er Brettspiele, die auf leichte Weise vermitteln, wie Menschen nachhaltig wirtschaften können. Eines der bekanntesten ist "Fishbanks, Ltd.": Jeder Spieler leitet ein Fischereiunternehmen und muss es 10 bis 15 fiktive Jahre lang führen. Seine Investitions- und Sparentscheidungen haben Einfluss auf die Flottengröße und auf die Überfischung. Hat er die Fischbestände ruiniert, was meist geschieht, setzt ein begleiteter Reflexionsprozess ein. Tausende Spieler haben es überall auf der Welt ausprobiert. Lehrer setzen es im Unterricht ein, Umweltgruppen in der Erwachsenenbildung, Unternehmen zur Mitarbeiterschulung.

Die letzten 16 Jahre seiner wissenschaftlichen Laufbahn verbringt Meadows von 1988 an als Institutsdirektor in New Hampshire. Seine Lehr- und Direktorentätigkeit wird zweimal unterbrochen, um Neuauflagen der "Grenzen" zu schreiben. Seit seiner Emeritierung reist er noch mehr durch die Welt, hält Vorträge, sitzt in Aufsichtsräten einer Krankenversicherung, einer Software- und einer Druckfirma. Die Illusion aber, durch seine Globalstudien das Verhalten der Menschen zu beeinflussen, hat er inzwischen aufgegeben. "Wir werden die Energiekrise erst wahrhaben wollen, wenn wir nicht mehr genug haben, um Auto zu fahren oder das Licht anzuschalten."

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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