16.04.2007 · Er ist der Meistertüftler von Entenhausen, und zu seinen Kunden zählt er den reichsten Mann der Welt. Doch nicht kommerzielle Erfindungen reizen Daniel Düsentrieb, sondern ungewöhnliche Ideen wie die Dunkelbirne.
Von Andreas PlatthausErst wenn man Daniel Düsentrieb etwas genauer beobachtet, erkennt man, dass er eine Perücke trägt. Ist der größte Erfinder aller Zeiten eitel? Der Blick wandert an dem ungeduldig wirkenden Herrn im Sessel herab: Er trägt eine groteske Kappe mit Gummizug bis unters Kinn, einen Zwicker auf der Nase, ein weißes Hemd unter einer Weste, mit Manschettenknöpfen, aber ohne Krawatte, eine braune, etwas zu kurze Hose und graubraune Schuhe. Nein, auf seine Erscheinung nehme er wenig Rücksicht: "Was gehen mich die Nachbarn an", sagt er.
Warum dann das Kunsthaar? Nun, in Debatten mit Skeptikern oder Verächtern des technischen Fortschritts kann Düsentrieb nur selten an sich halten: "Was ist denn das für ein Standpunkt? Dann kreist mir der Hut!" Da könnten ein paar Haare darunter ja nicht schaden. Doch böse Zungen in Entenhausen munkeln, dass der Grund für die Perücke darin liege, dass der Ingenieur sich seine Denkanstöße selbst verpasst: mit einem Hammer. Die Haare würden somit nur die Beulen und Schrammen verdecken.
Geniale Ideen, miserable Vermarktung
Reich ist Düsentrieb mit diesem gegen sich selbst rücksichtslosen Einsatz nicht geworden. Von Zeit zu Zeit steht zwar eine größere Einnahme an, zum Beispiel, wenn er seinen neu entwickelten Einradroller für fünf Millionen Taler an die Duckschen Automobilwerke verkauft. Oder ein guter Rat dem Bankier Dagobert Duck zwar überteuert scheint, ihm aber dennoch zehntausend Taler wert ist. Doch das ist die Ausnahme. Oft nimmt Düsentrieb jahrelang nichts ein. Dann bietet er die Ergebnisse seiner bahnbrechenden Ideen auf einem Handkarren in den Straßen Entenhausens mit dem Ruf "Schöne dicke große Erfindungen" feil. Leider ist der Mann kein Finanzgenie. Das revolutionäre Konzept des Luftrollers etwa, eine fliegende Version des so teuer verkauften Einradfahrzeugs, wollte Düsentrieb selbst verwerten. Doch nicht einmal für vier Taler wurde er mehr als ein einziges Exemplar des soliden und eleganten Fliegers los.
"Patent-Erfinder" steht als Berufsbezeichnung auf seinem Firmenschild. Das ist doppelsinnig gemeint: Im Büro des Entenhausener Patentmaklers mit dem sprechenden Namen Dr. Grillenkrämer ist Düsentrieb Stammkunde. "Seine Ideen", so Grillenkrämer, "sind immer so praktisch und leicht zu verwerten." Die Patentierung dieser Einfälle ist dadurch meist gesichert. Doch es gibt auch Ausnahmen. Sowohl dem Schwarzlicht, das in taghellen Räumen nächtliche Dunkelheit verbreitet, einem Regenbogenspanner zur spektakulären Inszenierung von Naturschönheit als auch einer frühen Fingerübung des Ingenieurs, die mittels eines aufwendigen Zahnradsystems einen kleinen Ball auf einem Wasserstrahl dauerhaft in der Luft balancierte, wurden die Patentierungen verweigert.
Es dürfte allerdings längst so weit sein, dass Düsentrieb sich als Erfinder selbst hat patentieren lassen. Das ist auch nötig, denn er hat zahlreiche Hilfsmittel zur Stärkung der Geisteskraft entwickelt, unter anderem eine Denkkappe, die er seinem gemeinhin wenig räsonierenden Freund Donald Duck überließ,
worauf dieser sofort eine eigene Werkstatt eröffnete und Düsentrieb Konkurrenz machte - allerdings unter der schlichteren Titulatur "Erfinder". Wettbewerber haben es also schwer gegen den einzigen Patent-Erfinder Entenhausens. Zumal Düsentrieb eine monopolartige Stellung innehat. Selbst die negativen Folgen eigener Erfindungen sollen von ihm durch weitere Erfindungen korrigiert werden, und zwar nicht in konsequenter Anwendung des Verursacherprinzips, sondern weil niemandem sonst die notwendige Problemlösungskompetenz zugetraut wird.
Geboren anno Soundso
Ganz Entenhausen verehrt den diplomierten Ingenieur, und vor seinem Geburtshaus ist eine Tafel angebracht: "Hier erblickte anno Soundso Daniel Düsentrieb das Licht der Welt." Passend, dass ausgerechnet der Erfinder der Schwarzbirne in diesem Wortlaut gewürdigt wird. Seine Anfänge liegen dennoch im Dunkeln. Als er zum ersten Mal als Erfinder in Erscheinung trat, machte sich Düsentrieb mit einer Milchflasche auf einer Hüpfstelze lächerlich. Er erinnert sich: "Ich wollte eine neue Methode erfinden, um Butter zu machen. Eine geschlagene Stunde hüpfte ich herum, und der Viertelliter Sahne war immer noch Sahne." Das ist 55 Jahre her und längst vergessen. Wie auch der zehnjährige Vorlauf zu diesem Auftritt, als Düsentrieb sich immer wieder an großen Erfindungen versucht hatte, über die aber nicht mehr überliefert ist als der Spott seiner Mitbürger. Er galt auch noch dem zweiten dokumentierten Versuch, sich einen Namen zu machen, als Düsentrieb einen Lieferwagen mit Silvesterraktenantrieb entwickelte, der für einen Kilometer nur einen halben Feuerwerkskörper brauchte. Leider erwies sich das Gefährt als nicht steuerbar und endete an einem Baum. Doch diese Panne entschuldigt Düsentrieb im Rückblick mit der damals bereits begonnenen Arbeit an seinem ersten Denkapparat. Er sollte mittels Intelligenzstrahlen Tieren das Denken lehren, was dem Gerät auch gelang. Nur hatte Düsentrieb leider bei der Konstruktion menschliche Maßstäbe angelegt, so dass der erste Proband, ein Wolf aus dem Stadtwald, nur insofern zivilisierter wurde, als er fortan Hunger auf gebratene statt rohe Enten entwickelte.
Immerhin hatte er sich bei den Experimenten erstmals der Hilfe von Assistenten versichert. Der Rückhalt, den er durch Tick, Trick und Track Duck erfuhr, ließen in ihm den Gedanken reifen, sich einen eigenen Assistenten zu konstruieren. So entwickelte er den Kleinstroboter Helferlein, der von 1956 an die Düsentriebschen Aktivitäten treu begleitet, stumm kommentiert und nicht selten auch rettet. Das Helferlein ist zweifellos Düsentriebs größte Erfindung, ein Tausendsassa aus Draht und einer Glühbirne, der sich von Batterien ernährt und selbst bei schwersten Beschädigungen der eigenen Technik selbständig Reparaturen durchführen kann. Die donaldistische Forschung ist ob dieser Fähigkeiten bereits so weit gegangen zu fragen, ob nicht Düsentrieb das Geschöpf Helferleins sein könnte.
Durchbruch dank Helferlein
Mit dem Helfer kam der große Erfolg. Es ist, als hätte erst der Winzroboter dem Erfinder den Rücken so freigehalten, dass er seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte. Nun wurden in dichter Abfolge Rückenkratzmaschinen, Schwebematten, Schalllöscher, Kobold-Kompensatoren und Glühwürmchenfänger erfunden. Aufträge kamen von Gewerbetreibenden für intensive Färbemittel, von Kulturinstitutionen zur Entwicklung eines Korrekturmittels zur Bekämpfung pflanzlichen Wildwuchses, von Sportvereinen für holzabstoßende Bälle, der Stadt Entenhausen zur Förderung der technischen Zusammenarbeit mit dem südostasiatischen Staat Pumpestan und nicht zuletzt von Privatleuten, die sich etwa ein Haus ohne Stein, Holz oder Glas errichten lassen wollten. Das war jene Zeit, als Düsentrieb ein neues Motto wählte: "Ich erfinde alles!" Längst war dessen Vorgänger, "Dem Ingenieur ist nichts zu schwör", in den Bestand der Alltagsspruchweisheiten eingegangen. Doch die souveräne Wahllosigkeit, die in diesen Motti zum Ausdruck kam, verhinderte eine Spezialisierung. Als Düsentrieb die Gefahren dieses Konzepts erkannte und von der arrogant-selbstbewussten Werbeparole auf den Wahlspruch "Der Kunde hat immer recht" umschwenkte, war es bereits zu spät: Er gilt in Entenhausen als stadtbekannter Sonderling, als ein genialer Kopf, der jedoch nur den eigenen Marotten nachgeht. Sein Vergnügen am Beruf hat das nicht beeinträchtigt: "Ich fühle mich pudelwohl. Ich will Erfindungen erfinden und Probleme lösen."
Zur Person
Daniel Düsentrieb wird „anno Soundso“, wie es auf einer Ehrentafel heißt, in Entenhausen-Nord geboren. Das technische Talent hat er von seinem Großvater Dübel Düsentrieb geerbt
Im Jahr 1952 berichtet Carl Barks über seinen ersten Auftritt: Düsentrieb versucht sich an einer neuen Methode zur Butterherstellung. Damit beginnt sein tiefes Interesse für Rationalisierungsprozesse in der Landwirtschaft, das ihn schließlich in die Entwicklungshilfe führt.
Untrennbar verbunden mit ihm ist sein kleiner Roboter Helferlein, den er 1956 konstruiert
Karriere-Höhepunkt: Er entwickelt eine Mausefalle und wird zum Erfinderkönig gekrönt
Tiefpunkt der Karriere: Nach dem Scheitern einer dampfbetriebenen Weltraumrakete wird Düsentrieb zur „Rauchbombe des Jahres“ gewählt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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