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Cornelia Funke Prophetin im eigenen Land

 ·  In ihrer Heimat wurde die Schriftstellerin Cornelia Funke erst berühmt, als sie in Amerika schon ein Star war. Ihre Fantasy-Romane faszinieren Millionen Leser.

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Schöpferische Abgeschiedenheit sieht anders aus. Als die Tür des Landhauses in Beverly Hills auffliegt, schießen zwei Hunde heraus: Collie Luna und eine zerzauste Mischlingsdame namens Prinzessin Leia. Cornelia Funke empfängt barfuß mit rotlackierten Nägeln in der Eingangshalle. „Zeig ich alles nachher“, verspricht sie nach einem herzlichen Händeschütteln beim Austausch über die Farbexplosion im Eingang (türkis) und im Esszimmer (korallenrot). Ein paar Augenblicke später, im Garten, ist die Schriftstellerin zwischen Bananenstauden und Zitronenbäumen schon beim Du angekommen. „Ich gehe gern auf Menschen zu. An einsame Helden glaube ich nicht.“

Die Gabe, spontan Kontakt zu knüpfen, brachte sie vor sieben Jahren auch nach Los Angeles. Aus dem ländlichen Ohlstedt im Norden Hamburgs hatte sie dem Schauspieler Brendan Fraser ein Exemplar ihres Romans „Tintenherz“ nach Hollywood geschickt. „In der Widmung schrieb ich, dass Brendan während des Schreibens in meiner Phantasie den Mo spielte. Ein Typ zwischen Held und Handwerker, der poetisch mit Sprache umgeht.“ Die Antwort ließ auf sich warten. Wie die Dreiundfünfzigjährige später erfuhr, hatte Frasers Agentur ihm das Buch monatelang vorenthalten. „Das war meine erste Begegnung mit den Moralvorstellungen der Filmbranche. Da es um viel Geld geht, scheinen Winkelzüge völlig okay.“

Realität und Scheinwelt

Es kam dann doch noch zu einem Treffen, als Fraser während einer Promotiontour Hamburg besuchte. „Auf einmal saß er mit meiner Familie und mir in Ohlstedt und schwang sich wie George an einem Tau vom Hochbett meines Sohnes.“ Wie stark sich Realität und Hollywoods Scheinwelt überlappten, registrierte vor allem Funkes damals achtjähriger Sohn Ben. Während eines Mittagessens an der Alster brach er von der Tischdekoration das Blatt einer Agave ab, um Fraser damit unsanft in den Arm zu stechen. „Lass ihn, Cornelia“, beruhigte der Schauspieler die erschrockene Funke. „Er musste sehen, ob ich echt bin.“

Funke durchwandert die verschiedenen Welten ohne Berührungsangst. Während sie den Kamin befeuert, um die Morgenfeuchte aus ihrem Schreibhaus im Garten zu vertreiben, erzählt sie von ihrem Faible für „alternative Realitäten“. In der Kleinstadtlangeweile Dorstens habe sie als Kind die phantastischen Welten der Bücher durchstöbert. Tolkiens „Herr der Ringe“, „Tom Sawyer“ und Stevensons „Schatzinsel“ öffneten keine Fenster nach draußen, sie stießen ganze Scheunentore auf. Zum Schreiben verführten sie die gelesenen Abenteuer aber zunächst nicht. „Ich habe weder Tagebuch geführt noch irgendetwas verfasst. Dafür erzählte ich pausenlos Geschichten.“

Für die Ausbildung zur Sozialpädagogin zog Funke nach Hamburg. Später kümmerte sie sich im Problemviertel Tegelsbarg auf einem Bauspielplatz um vernachlässigte Kinder. Allerdings nur nachmittags, denn vormittags studierte Funke Buchillustration an der Fachhochschule für Gestaltung, ihrer Leidenschaft für Bücher wegen. Diese Zweiteilung empfand sie fast als Verrat an den Kindern. „Ich konnte auf Dauer nicht gegen mein Talent leben. Aber ohne diese Kinder hätte ich ,Herr der Diebe’ nie geschrieben.“

1986 begann Funke schließlich selbst mit dem Schreiben. Sie beschreibt es, ähnlich wie das Illustrieren, als eine weitere Variante des Geschichtenerzählens. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie allerdings erst im Jahr 2002 mit „Herr der Diebe“, einem Jugendroman um die verwaisten Geschwister Bonifazius und Prosper.

Übersetzung durch den Cousin

Da die wenigsten englischsprachigen Verlage ausländische Autoren übersetzen, hatte Funke kurzerhand ihren bilingualen Cousin um eine englischsprachige Rohfassung gebeten. Und prompt einen Verlag dafür begeistert. Ein Reporter des „Wall Street Journal“ verglich die Dorstenerin anschließend mit Harry Potters englischer Erfinderin J.K. Rowling. Dann riefen auch deutsche Medien an. Obwohl Funke zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 40 Bücher veröffentlicht hatte und etwa eine Million Titel mit ihrem Namen verkauft worden waren, hatte die Bestsellerliste des „Spiegels“ sie bis dahin ignoriert. „Vielleicht traf das Klischee vom Propheten im eigenen Land zu. Vielleicht lag es daran, dass ich eine Frau bin. Auch J.K. Rowling wurde geraten, unter Kürzel zu schreiben“, sagt Funke. Wie zur Wiedergutmachung erschien der Roman „Tintenherz“, ihre Fantasy-Ode an Brendan „Mo“ Fraser, im September 2003 nicht nur in Deutschland, sondern unter dem Titel „Inkheart“ gleichzeitig in Amerika, England und Australien.

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08.10.2012, 06:00 Uhr

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