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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Claus Hipp Der Bio-Pionier

 ·  Er spricht fließend Russisch, hat Lilo Pulver gedoubelt und tauscht den Firmenwagen gerne mal gegen das Fahrrad ein: In erster Linie will Claus Hipp aber für gesunde Säuglingsnahrung stehen; und notfalls auch dafür kämpfen.

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Andere Firmenchefs beginnen ihren Tag mit Sport. Claus Hipp nicht. Er schließt in aller Herrgottsfrühe die Wallfahrtskirche Herrenrast bei Pfaffenhofen auf und betet. Andere Firmenchefs verschanzen sich bis tief in die Nacht hinter ihren Akten. Claus Hipp nicht. Er beschließt seinen Arbeitstag vor der Staffelei in seinem Atelier. Er sagt: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen einen Ausgleich zur Pflicht. Wer nicht genießen kann, hat nichts verstanden."

Andere Firmenchefs lassen sich zu Veranstaltungen vorfahren. Claus Hipp ist als Präsident der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern zu seinen Terminen innerhalb von München geradelt. "Wenn alle mit Chauffeur kommen, fahre ich mit dem Fahrrad, irgendwie finde ich das gut." Das sagt der Mann, der als geschäftsführender Gesellschafter seit knapp vierzig Jahren die Geschicke der Firma Hipp im oberbayerischen Pfaffenhofen lenkt und damit eine deutsche Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Denn Hipp ist hip - bei Mutter und Kind, und das schon seit Generationen.

„Der spinnt, der Hipp“

Ist Claus Hipp ein Rebell? Der 68-Jährige widerspricht. "So würde ich es nicht sagen. Aber es ist doch ein Zeichen von Unabhängigkeit, sich nicht immer an alle Normen anpassen zu wollen." Hipp tut, was er für richtig hält - und steht dazu. "Dafür stehe ich mit meinem Namen" - für ihn ist dieser Spruch mehr als ein bloßer Slogan, mit dem er im Fernsehen für seine Produkte warb. Wozu er steht? Zum Beispiel zu seinen Bioprodukten. "Der spinnt, der Hipp" - das war die Reaktion von Bauern und Politikern, als er sich vor fünfzig Jahren für den biologischen Landbau stark machte. Damals fuhr er als "Öko-Missionar" von Landwirt zu Landwirt, um Vertragspartner zu gewinnen.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Hipp wird für seine Verdienste um die Umwelt mit Auszeichnungen überschüttet. 1997 wurde er "Ökomanager des Jahres", im selben Jahr bekam er den Umweltpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Der Inhalt seiner Hipp-Gläser wurde mit dem Umweltpreis des Bundesdeutschen Arbeitskreises für umweltbewusstes Management ausgezeichnet. Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Darüber freut sich der Pionier. Für ihn ist Bio allerdings mehr als nur ein Trend. Für ihn sind Umwelt- und Naturschutz christliche Verpflichtung.

"Biologischer Landbau ist in erster Linie Verantwortung vor der Schöpfung", sagt der überzeugte Katholik. Deshalb schwört er auf eine Landwirtschaft, die im Einklang mit der Natur steht. Den Anstoß habe seine Mutter gegeben, die ihm schon als Kind den Umgang mit der Natur ans Herz legte. "Ich durfte nie eine Pflanze ohne Bedacht ausreißen. In den Augen meiner Mutter waren das alles Geschöpfe, die ihren Sinn hatten."

Firmenwagen mit Pflanzenöl

All diese Grundsätze hat Claus Hipp in ein firmeneigenes Bio-Manifest in zehn Thesen gegossen. Eine davon lautet: "Bei allen Entscheidungen müssen wir auch an die nächste Generation denken." Deshalb streitet er leidenschaftlich gegen Gentechnik. "Wir dürfen der Natur nur das entnehmen, was uns zusteht. Wir dürfen sie aber nicht in einer Weise verändern, die die nächste Generation nicht mehr rückgängig machen kann." Der Umweltschutz zieht sich wie ein roter Faden durch Hipps Leben. An seinem Firmensitz in Pfaffenhofen dominiert Holz, Energie erzeugt das eigene Biomasse-Heizkraftwerk, und das Dienstauto wird mit Pflanzenöl betrieben.

Aber nicht nur die Natur liegt Hipp am Herzen. Auch die Fürsorge für Benachteiligte treibt ihn als Christen um. Deshalb beteiligte er sich 1994 an der Gründung der Münchner Tafel. Als deren Schirmherr versorgt er zusammen mit anderen Sponsoren rund 21 000 Bedürftige mit Essen. "Einmal pro Woche werden rund 80 Tonnen Lebensmittel ausgeteilt", erzählt er. Überhaupt: Christliche Werte sind ein Fundament seines Lebens. Dazu steht er. "Ich stamme aus einer religiösen Familie" - die für ihren Glauben einiges riskierte. Seine Tante schmuggelte während des Dritten Reiches die Enzyklika "Mit brennender Sorge" im Auftrag von Kardinal Faulhaber von Rom nach München; oder der Onkel, der als Oberbürgermeister von Regensburg dafür sorgte, dass bei Nazi-Versammlungen der Strom ausfiel.

Firmenlogo war Herzenssache

Für die eigenen Überzeugungen streiten, das liegt in der Familie. "Ich kann nachgeben", schränkt Claus Hipp ein. "Aber wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, setze ich mich durch." Als junger Unternehmenschef war ihm das Firmenlogo wirklich wichtig. "Als ich den Entwurf des New Yorker Designers Francesco Gianninotto mit den Herzchen sah, wusste ich: Das ist es", erzählt Hipp. Alle waren dagegen. Aber Hipp setzte sich durch. Wenn er von einer Sache überzeugt ist, dann kämpft er.

Zwei Tage vor dem Heiligen Abend 1967 starb sein Vater Georg im Alter von 62 Jahren. Sohn Claus stellte sich vor die Belegschaft und verlas des Vaters Abschiedsbrief. "Mit zitternder Stimme" - wie er sagt. "Damit war die Rangfolge geklärt. Von Anfang an hatte ich weder Kompetenzprobleme noch Schwierigkeiten, mich durchzusetzen."

Kunstprofessur in Tiflis

Damals war Claus Hipp 29 Jahre alt und erst drei Jahre im Betrieb. Zuvor hatte er in München Jura studiert. "Meine Begeisterung für die Juristerei hielt sich in Grenzen", gibt er zu. Viel lieber widmete sich der Student der Kunst. In der Münchner Kunstschule weckte Heinrich Kropp in ihm die Liebe zur gegenstandslosen Malerei, der er bis heute treu geblieben ist. "In der gegenständlichen Kunst ist sicher alles gesagt, was man sagen kann. In der gegenstandslosen Kunst hingegen gibt es noch Freiräume zu entdecken und Neues zu machen", schwärmt Nikolaus Hipp - wie er sich als Künstler nennt. Sein Wissen gibt er mittlerweile als Professor der Staatlichen Kunstakademie in Tiflis an georgische Studenten weiter. Vater Georg Hipp, ebenfalls künstlerisch begabt, zeigte für seine Liebe zur gegenstandslosen Kunst zunächst nur wenig Verständnis. Da schaltete sich Meister Kropp ein: "Sie verstehen etwas davon, Kindernahrung herzustellen, vom Malen versteh ich was. Ich red Ihnen nicht rein, reden Sie mir auch nicht rein!" Damit war die Debatte beendet.

Aber nicht nur die Malerei schafft Abwechslung vom juristischen Graubrot, auch die Musik fasziniert ihn. Noch heute vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht musiziert. Oboe und Englischhorn sind seine Instrumente. "Es ist ein Aussteigen aus der normalen Umwelt und ein Eintauchen in die Musik."

Als Double für Lilo Pulver

Auch für die Schauspielerei hätte sich der junge Hipp erwärmen können: "Gerne wäre ich nach dem Abitur auf die Schauspielschule gegangen", erzählt er. Der Vater sagte nur: "Ja, wenn du meinst, ein Jahr Schauspielschule, das kann nicht schaden, dann kannst du später wenigstens reden." Daraus wurde jedoch nichts. Vom Vater als "Kronprinz" erzogen, wusste er genau: "Mein Platz ist in der väterlichen Firma." Dieses Wissen hielt ihn jedoch nicht davon ab, während seines Studiums Curd Jürgens zu doubeln. Oder Stunts für Liselotte Pulver zu drehen. Wie das kam? "Ich war in meiner Jugend ein begeisterter Springreiter. Und für die Drehs hat man Leute gesucht, die mit Pferden umgehen können."

Und noch ein Hobby entdeckt Hipp während seiner Studienzeit: Russisch. "Eigentlich eher durch Zufall" - wie er sagt. Seine Schwester ließ sich zur Dolmetscherin für Russisch ausbilden. Als sie einmal nicht zum Unterricht gehen konnte, sprang der Bruder ein. Und fand die Sprache so interessant, dass er fortan ebenfalls Unterricht nahm. "Abwechslung vom eher trockenen Jurastudium hatte ich also genug", erzählt Hipp. Das juristische Staatsexamen bestand er trotzdem. "Mit solidem Grundwissen", wie er freimütig einräumt. Zur Promotion verhelfen ihm seine Russischkenntnisse. Seine Doktorarbeit schrieb er über das russische Arbeitsrecht.

Ein Brei aus Milch, Zwieback und Wasser

Nach dem Jura-Studium stieg Hipp ins Unternehmen seines Vaters ein. Georg Hipp hatte den Sprung vom Handwerksbetrieb zur industriellen Produktion geschafft. "Entstanden war unser Betrieb eher aus Not", erzählt Claus Hipp. Seine Großmutter Maria konnte ihre Zwillinge nicht stillen. Da fackelte ihr Mann, der Pfaffenhofener Konditormeister Josef, nicht lange und mischte einen Brei aus Milch, Zwieback und Wasser. Die Zwillinge überlebten, und die Zwiebackmischung fand Anklang bei den Kunden. Dass aus diesem Zufallsprodukt einmal der Babykosthersteller Nummer eins werden würde, damit haben die beiden wohl kaum gerechnet.

Zur Person

-Claus Hipp wird 1938 in München als eines von sechs Geschwistern geboren

-Nach dem Jurastudium tritt er 1964 in das elterlich Unternehmen ein. Als Vater Georg vier Jahre später stirbt, übernimmt Claus Hipp die Leitung des Nahrungsherstellers

-Hipp ist ein Verfechter des ökologischen Landbaus und legt viel Wert auf die hohe Qualität seiner Rohstoffe. Damit erreicht die Marke bei Baby- und Kindernahrung in Deutschland einen Marktanteil von rund 45 Prozent

-In der Geschäftsleitung des Unternehmens mit etwa 1000 Mitarbeitern sitzen neben den Brüdern Georg und Paulus mittlerweile auch die beiden Söhne von Claus Hipp, Stefan und Sebastian

Quelle: F.A.Z., 27.01.2007, Nr. 23 / Seite C3
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