30.08.2010 · Diagnose: berufsunfähig. Mit Ende zwanzig muss der Frankfurter Fußballprofi Christoph Preuß umschulen, weil sein Knie nicht mehr mitspielt.
Von Marc HeinrichDer Kopf hat die neue Situation längst akzeptiert. Beinen und Bauch fällt es schwerer, sich mit den ungewohnten Umständen zu arrangieren. „Ganz klar, der Sport fehlt“, sagt Christoph Preuß. Hinter dem Neunundzwanzigjährigen liegt der erste Sommer, in dem sich nicht von früh bis spät alles um Fußball und die körperliche Vorbereitung auf die nächste Saison drehte. „Ein bis zwei Kilo werden es schon sein, die ich mehr auf den Rippen habe“, sagt der ehemalige Profi von Eintracht Frankfurt. Preuß kann sich aktuell nicht mehr so bewegen, wie er gerne würde, um seine Figur in Form zu halten – und den Wechsel vom Leistungssport auf den Bürostuhl mit dem ihm eigenen Ehrgeiz zu gestalten.
Immerhin: Im hauseigenen Kraftraum versucht er, so gut es geht, ins Schwitzen zu kommen, weil es wichtig sei, dass der Körper nicht von hundert auf null gestoppt werde. Schließlich ist „Joggen immer noch nicht drin, und mit Schwimmen oder Radfahren muss ich auch vorsichtig sein“. Das Knie ist seine schwache Stelle, genauer gesagt: ein irreparabler Riss im Knorpel, der keine ruckartige Drehung verzeiht. Preuß, vor zehn Jahren einer der talentiertesten Nachwuchskicker Deutschlands, hat seinen Ein- und Aufstieg in der Fußballbundesliga teuer bezahlt: mit seiner Gesundheit.
Heute ist er ein junger Familienvater, der seine sportliche Laufbahn viel früher als gedacht beendete – und mit Ende zwanzig beruflich ganz von vorne beginnt. Ein Schicksal, das Tauende Berufsunfähiger mit ihm teilen. „Ich habe meinen Traum gelebt und ihn immer wieder ein bisschen verlängert“, erzählt Preuß, „aber man muss wissen, wann es zu Ende ist, und dann einen neuen Weg einschlagen.“
„Ich habe es immer genossen, Profi zu sein“
Seiner hat am 1. Juli mit der Aufnahme eines Studiums im Fach „Sportmanagement“ begonnen. Parallel absolviert er bis Juni 2012 ein zweijähriges Traineeprogramm auf der Geschäftsstelle der Eintracht Frankfurt Fußball AG. In der Vergangenheit war sein Spielfeld grün und sechzig Meter breit, mit Beginn der Umschulung wechselte Preuß vom Strafraum an den Schreibtisch. „Wenn es noch mal eine Kleinigkeit, zum Beispiel eine gebrochene Nase, gewesen wäre, hätte ich alles drangesetzt und mich operieren lassen, um meine Karriere fortzuführen. Aber so nicht.“ Preuß spricht davon, dass die Vernunft gesiegt hat. Selbstverständlich, das erste Heimspiel der Eintracht an diesem Samstag gegen den Hamburger SV macht ihm allzu deutlich, dass er allerhand aus seinem alten Leben vermisst: „Morgens auf das Gelände fahren, sich in die Trainingsklamotten schmeißen, am Wochenende in die Stadien einlaufen, die Atmosphäre – ich habe es immer genossen, Profi zu sein.“
In seinen Frankfurter Jahren war der gebürtige Gießener mit Leidenschaft bei der Sache. Laufstärke, Einsatzwillen und das sprichwörtliche Kämpferherz gehörten zu seinen Trümpfen. Die Statistik von nur 129 Spielen nach zehn Jahren dokumentiert aber auch, dass es nie lange wirklich rund lief. Neben dem Fallrückzieher-„Tor des Monats“ gegen die Bayern im März 2007, seiner wohl spektakulärsten Tat, fiel der wendige Mittelfeldspieler vor allem wegen seines anhaltenden Verletzungspechs auf. Es gab fast nichts, was es nicht gab, und dies hinderte ihn daran, nachhaltig Fuß zu fassen. Ob Bandscheibenvorfall, Nasenbeinbruch oder Bänderriss: Preuß war selten im Vollbesitz seiner Kräfte. Immer wieder mühte er sich zurück und imponierte damit gerade den Frankfurter Fans, für die er ein Liebling war – zuletzt im Winter 2010 nach 25 Monaten Verletzungspause und zwei Operationen, als er in Hoffenheim und Nürnberg (beide 1:1) und zu Hause gegen Bremen (1:0) zusammen noch einmal vierzig Minuten auf dem Platz stand. Es war ein kurzes Comeback der Hoffnung. Wenige Tage später riss der Außenmeniskus abermals.
Ein Kämpfer im Fernstudium
Danach machte ein weiterer Comebackversuch „aus ärztlicher Sicht keinen Sinn mehr“. Zusammen mit Ehefrau Yvonne fiel stattdessen die Entscheidung, den Leistungssport von einer anderen Seite kennenzulernen und ein neues Standbein aufzubauen: „Es war kein Entschluss von heute auf morgen“, sagt Preuß, „ich hatte ja genug Zeit in den vielen Reha-Aufenthalten, mich darauf einzustellen, wie es am Tag X weitergehen solle.“ Heute ist er sich sicher, dass er von den vielen Rückschlägen bei der Umorientierung profitieren kann. „Wer nie hingefallen ist, weiß ja gar nicht, wie weht das tut.“ Und: „Tiefpunkte gehören zum Leben. Es kommt immer darauf an, wie man sich von ihnen erholt.“ Dass Preuß ungewöhnliche Nehmerqualitäten besitzt, davon ist Björn Reindl überzeugt. Er war früher Physiotherapeut bei der Eintracht und von Berufs wegen ein steter Wegbegleiter des Dauerpatienten. Inzwischen sind die beiden Freunde. „Diagnosen, wie sie Christoph zuhauf erlebt hat, gehen an die Psyche“, sagt Reindl, „wer die Power aufbringt, so etwas durchzustehen, muss ein Kämpfer sein.“ Auf dem Platz, aber auch abseits davon.
Seine Zielstrebigkeit soll Preuß nun beim Fernstudium von Nutzen sein. Beim IST-Studieninstitut in Düsseldorf, an dem unter anderen auch Michael Preetz, der Manager von Hertha BSC Berlin, und Stefan Kuntz, der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, ihre Diplomprüfungen ablegten, glaubt er mit dem Kurs in Sportmanagement ein passendes Fach gefunden zu haben. „Denn dem Fußball will ich schon verbunden bleiben.“ Aber eben nicht auf Anhieb als Trainer oder Berater. Preuß, der seinerzeit vor seinem Wechsel auf die Fußballbühne zur Freude seine Eltern noch das Fachabitur (Notenschnitt 2,1) ablegte, geht systematischer vor, drückt bewusst noch einmal die Schulbank. „Weil man dafür nie zu alt ist und es Sinn macht, eine Materie von Grund auf zu verstehen.“
Auf dem Lehrplan stehen Kurse in Betriebswirtschaftslehre, Recht oder Marketing, Event-Organisation, Sponsoring und Vereinswesen. Alle drei Monate sind Hausarbeiten einzureichen, daneben müssen Klausuren geschrieben werden, vor Ort im Klassenzimmer in Düsseldorf. Um sich auf die ersten Prüfungen vorzubereiten, studiert Preuß momentan nachmittags in VWL- und BWL-Büchern, nachdem er gegen 13.30 Uhr die Eintracht-Geschäftsräume verlassen hat und bevor er die drei Jahre alte Tochter Mia im Kindergarten abholt.
Vom Azubi zum Chef 2012?
Damit liegt er im Trend. Knapp 20 Prozent aller Profifußballspieler hierzulande seien derzeit an einer Universität oder Fachhochschule eingeschrieben, erläutert Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Gerade „gegen Karriereende oder nach einer längeren Verletzungspause ist die Bereitschaft zur Weiterbildung hoch“, sagt Baranowsky. „Fast alle wollen im Sportbereich bleiben, am liebsten im Vereinsmanagement.“ Allerdings zitiert er auch aus einer aktuellen Studie der VDV, der zufolge ein Fünftel eines Profijahrgangs nach dem sportlichen Rückzug „keinen Zugang zum regulären Arbeitsmarkt bekommt“. Diese Klientel lebe vom Ersparten, von dem Verdienst der Frau oder sogar staatlichen Transfers. „Die wirtschaftlichen Aussichten bewirken ein Umdenken“, hat auch der frühere Hertha-Kapitän Preetz festgestellt, der nach seinem Sportmanagement-Studium 2003 eine Anstellung in der Hertha-Geschäftsleitung fand – und vor zwölf Monaten Manager Dieter Hoeneß beerbte.
Die Liste derer, die rechtzeitig einen Abschluss in BWL oder Sportmanagement gemacht haben, ist lang. Baranowsky spricht von einer „dreistelligen Zahl“. Beispiele sind Oliver Bierhoff, Dietmar Beiersdorfer, Hans-Jörg Butt oder Lars Ricken. „Es ist nicht mehr so, dass man, wenn man ein guter Kicker war und ein paar Tore gemacht hat, direkt ins Management kommen kann“, stellt Kuntz unmissverständlich fest.
Bis für Preuß ein Job in verantwortungsvoller Bundesligaposition herausspringt, stehen noch einige Prüfungen an. „Durch den jahrelangen Schriftverkehr mit der Versicherung, den Ärzten und der Berufsgenossenschaft habe ich aber keine Angst vor dem Papierkram“, sagt er. Marketing, Sportmanagement, PR, Buchhaltung, oder juristische Fragen – die Eintracht kann ihm in ihren Abteilungen einen vielfältigen Einblick bieten. Preuß hat jedenfalls schon festgestellt: „Ich lerne Tag für Tag dazu.“ Ob aus dem Azubi von heute der Sportliche Leiter von morgen wird, zumal Vorstandschef und Manager Heribert Bruchhagen exakt für Sommer 2012 seinen Rückzug angekündigt hat, ist eine Spekulation, an der sich Preuß nicht beteiligen möchte. Ob er später in Frankfurt oder andernorts arbeiten werde, lasse sich nicht prophezeien. „Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, und bis dahin kann noch so viel passieren.“ Wer wüsste das besser als Preuß.