Home
http://www.faz.net/-gyp-13qfe
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Christian Ludwig Wenn plötzlich die Hand versagt

 ·  Musikerkrampf – das Ende der Karriere als Geigenspieler. Doch Christian Ludwig kämpfte sich zurück und dirigiert heute mit 31 Jahren das Kölner Kammerorchester.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Druck sei „sehr, sehr groß“, sagt Christian Ludwig und bestellt zwei Kugeln Fruchteis mit Sahne. Es ist ein schwüler Sommertag, und den jungen Leiter des Kölner Kammerorchesters hat es hinausgezogen in ein italienisches Café in der Fußgängerzone von Brühl, der kulturreichen Stadt zwischen Köln und Bonn. Ludwig bereitet die neue Spielzeit seines Ensembles vor. Eine wichtige Mission, denn das private Orchester lebt von der Zuschauerzahl und der Gunst wohlwollender Geldgeber. Der junge Ludwig steht voll in der Verantwortung. Er legt längere Pausen ein, lauscht seinen Worten nach und lässt das Eis im Mund zergehen. Er redet über Stress und wirkt doch nicht getrieben, sondern entspannt. Vielleicht liegt das daran, dass er in seiner Karriere schon einen gewaltigen Bruch erfolgreich überwunden hat.

Mit gerade 31 Jahren ist Christian Ludwig künstlerischer Leiter des Kölner Kammerorchesters, das sich mit Programmen aus Barock und Klassik nicht nur im Rheinland einen guten Ruf erspielt hat. Ludwig, dessen gescheitelte schwarze Haare weit über die Ohren fallen, gilt als jemand, der aus der Musik ihre spezifischen Motive präzise herausarbeitet und betont. Ludwig dirigiert, er wählt die Solisten aus und gibt auch bei der Weiterentwicklung des künstlerischen Inhalts den Ton an. Dass ein Mann von seiner Jugend eine solche Rolle einnimmt, fällt umso mehr auf, weil sein Vorgänger den Begriff Instanz personifizierte – der heutige Intendant Helmut Müller-Brühl hatte das Orchester 45 Jahre lang geleitet.

„Ich war am absoluten Tiefpunkt“

Es kommt hinzu, dass der junge Mann seine Karriere bereits einmal neu starten musste. Ludwig war erst 21 Jahre alt und ein aufstrebender Geiger, als seine linke Hand sein Dasein als Solist beendete. „Die Finger waren plötzlich nicht mehr so schnell, wie sie sein sollten“, erinnert er sich. Für Violinisten ist schnelle Präzision alles – umso verzwickter Ludwigs damalige Lage. Seit seiner Jugend hatte er mit eiserner Disziplin an seiner Kunst gefeilt. Was sollte er nun tun, um der Schwäche zu begegnen? Er intensivierte sein Training, wie ein Leistungssportler, der vergisst, seinen Muskeln auch Erholung und Ausgleich zu bieten. „Ich habe immer mehr geübt, weil ich dachte, das sei die einzige Chance, um wieder in Form zu kommen.“ Doch das Ergebnis verschlechterte sich. Binnen weniger Wochen war an Konzerte nicht mehr zu denken. „Ich war am absoluten Tiefpunkt, nichts ging mehr“, sagt er und schaut auf seine feingliedrige linke Hand, „alles stand kopf.“

Um die Dimension der damaligen Ratlosigkeit des Musiktalents zu begreifen, reicht ein Blick auf seine Biographie. Er kam als Sohn einer koreanischen Sängerin und eines deutschen Klavierprofessors in Köln zur Welt, lernte früh spielerisch den Umgang mit Instrumenten. „Wie andere gemeinsam essen oder fernsehen, haben wir zusammen musiziert“, sagt Ludwig – sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder ist heute Solocellist am Karlsruher Theater. Christian Ludwig wollte schon mit dreizehn Jahren die Musik zu seinem Beruf machen. An die Kölner Musikhochschule ging er bereits, seit er zwölf Jahre alt war, nach der elften Klasse brach er das Gymnasium ab und begann sein Geigenstudium, erst in Köln, danach an der Guildhall School und gleichzeitig für Kammermusik beim Alban-Berg-Quartett in London. Gern erinnert er sich an den Jahreswechsel 1998/99, als er mit dem Berliner Konzerthausorchester auftrat. Er spielte die Carmen-Fantasie von Sarasate und Ravels Tzigane – sein erstes Konzert, das er als Solist vor großem Publikum mit prominentem Orchester gab. Danach avancierte er zum gefragten Solisten bei Musikfestivals in Dresden, Davos und im Rheingau. Und dann, plötzlich, versagte seine Hand.

Parkinson-Mittel und Botoxspritzen helfen nicht

Ludwig verbrachte ein Dreivierteljahr mit Akupunktur, Chiropraktik und der Suche nach Heilung. Seine Karriere entglitt ihm, und die Leute in der Szene tuschelten, er habe etwas Schlimmes am Ohr. Ludwig, der sich selbst „sensibel“ nennt, litt unter solchen Gerüchten. Es waren seine Eltern, die den Spross unterstützten, die versuchten, ihm zu helfen. Doch Ludwig sagt: „Hindurch muss man schon selbst.“

Endlich diagnostizierten die Mediziner eine fokale Dystonie, den „Musikerkrampf“. Hierbei verliert eine beanspruchte Körperstelle plötzlich ihre Fähigkeit zur feinen Bewegung. Ludwig probierte es mit Parkinson-Mitteln, Botoxspritzen in den Muskel und einer Handoperation. „In meiner Verzweiflung dachte ich, ein Prozent Erfolgswahrscheinlichkeit sei den Eingriff wert.“ Zur Einsicht wurde Ludwig erst durch einen Dispokinetiker gebracht. Der Mann beschäftigt sich mit den Bewegungsabläufen von Musikern, und er war der Erste, der schonungslos sagte: „Sie müssen die Violine an den Nagel hängen. Professionell werden Sie nie wieder Geige spielen.“ Ein heilsamer Schock. Ludwig musste umdenken.

„Ich bin der Typ, der wieder aufsteht“, sagt der Musikdirigent. Dazu passt, dass er sich mit Judo und Taekwondo auskennt. Ludwig, ein Künstler mit analytischer Ader, zwang sich zum Entscheidungsprozess. Er wollte der Musik treu bleiben und erinnerte sich, dass ihm in einem Uni-Schnupperkurs das Dirigieren gefallen hatte. „Das Schöne dabei ist, dass der Dirigent ständig mit Menschen zu tun hat, während der Solist sich meist selbst fixiert.“ Also definierte er sein neues Ziel. Nur dass er für das Studium das Klavier beherrschen musste – „und ich konnte mich damals nicht frei bewegen“. Der Dispokinetiker sagte: „Mit viel Geduld können Sie das über viele Jahre wiedererlernen.“ Ludwig bekam einen Studienplatz in Mannheim und übte behutsam den Umgang mit der Tastatur. „Das war, als würde ich neu zu sprechen lernen.“ Es ging sehr langsam vorwärts, so langsam, dass Ludwig oft zweifelte. Er litt unter Zukunftsängsten.

In London die Persönlichkeit neu zusammengesetzt

Heute ist er seinem damaligen Dozenten Mario Venzago dankbar, der ihm riet, in den angelsächsischen Raum zu gehen. In London überzeugte er die Aufnahmekommission der Royal Academy. Eine Frage der Jury hat sich ihm eingeprägt: „Was wollen Sie eigentlich bei uns lernen?“ Er sagt, es gehe ihm heute vor allem darum, zu wissen, was man lernen, wie man einen Weg meistern könne – und eben nicht vorrangig um das Diplom einer Eliteschule. In drei Jahren Studium bei Sir Colin Davis, sagt Ludwig, wurde seine Persönlichkeit dekonstruiert und neu zusammengesetzt – so dass ihm heute bewusst sei, was er könne und was er wie machen möchte.

Er betont die Rolle des kommunikativen Leiters. „Es muss dem Dirigenten gelingen, alle mitzunehmen.“ Ausgehend von dem, was da sei, könne man verändern und formen. Natürlich ist er jünger als viele in seinem Ensemble, doch er hat schon gehörig Erfahrung im Gepäck. Noch während des Studiums dirigierte er Opern wie Puccinis „Turandot“, Mozarts „Così fan tutte“ und Rossinis „Barbier von Sevilla“ in Frankfurt und Südkorea.

Der Kontakt zum Kölner Orchester kam im Herbst 2007 zustande, als der damalige Leiter Müller-Brühl nach einem Nachfolger Ausschau hielt. Ein Musiker aus dem Ensemble gab den Hinweis auf den jungen Mann. Fünf Wochen nach dem ersten Treffen leitete Ludwig schon das erste Konzert, die Sinfonie „La Passione“ von Haydn. Bald war er als musikalischer Leiter der Folgesaison gesetzt. Müller-Brühl begründete sein Vertrauen mit der „Gesamtpersönlichkeit“ des Nachfolgers.

„Was ich hier mache, das ist Management“

Nun bereitet Ludwig mit seinem Ensemble die neue Spielzeit der Reihe „Das Meisterwerk“ vor, die am 20. September in der Kölner Philharmonie beginnt. Er ist nach Brühl gezogen und lebt dort mit seiner Freundin Nina, die Gesang studiert. In seinem Büro, einer langen Flucht aus vier Räumen im obersten Geschoss in einem Nebengebäude des Schlosses, brütet er über Notenbergen von Mozart, Bach und Haydn. Ludwig will neben dem Erhalt der Stärken des Kammerorchesters auch neue Akzente setzen, beispielsweise mit einer Reihe „Mozart auf Reisen“: Da werden die Werke des Österreichers, die er beispielsweise für Paris geschrieben hat, mit den Tönen Pariser Komponisten aus anderen Epochen verbunden. Und Ludwig wird auch die Romantik ins Repertoire integrieren. Aber er sitzt auch am Computer und überlegt, wie er neben dem Stammpublikum neue Zielgruppen erreichen kann. „Ich habe ja immer Musik studiert – aber was ich hier mache, das ist Management.“ Immerhin, sagt er, sein Vorgänger lasse ihn einfach machen. Durch diese Eigenverantwortung wächst indes auch der Druck. Aber der Mann mit der erstaunlichen Karriere verbreitet eine ruhige Gewissheit: „Alles kann nur wachsen, wenn man entspannt ist.“

Lesen Sie auch: Ich über mich: Christian Ludwig

Zur Person:

- Christian Ludwig wird am 2. Mai 1978 in Köln geboren. 1995 beginnt er ein Geigen-Studium in Köln und London. 1999 beenden Schmerzen in der Hand seine Karriere zunächst.

- 2001 sattelt Ludwig um und studiert „Orchesterdirigieren“ in Mannheim, währenddessen Dirigate bei den Stuttgarter Philharmonikern und dem Württembergischen Kammerorchester, Heilbronn.

- 2005 folgt ein Aufbaustudium Dirigieren bei Sir Colin Davis an der Royal Academy of Music, London. 2007 wechselt er zum Kölner Kammerorchester, das er seit der Spielzeit 2008/09 künstlerisch leitet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel