05.04.2010 · Als Tochter von Flüchtlingen schaffte sie es bis an die Spitze von Indiens führender Bank: Chanda Kochhar ist ein Aushängeschild des Landes. Den Frauen rät sie, härter zu arbeiten.
Von Christoph HeinZehn Stockwerke sitzt Chanda Kochhar über dem Elend, dem sie entgangen ist. Schaut sie durch das Fenster hinter ihrem Rücken, sieht sie tief unten den wabernden, brodelnden Slum. Blickt sie über ihren Schreibtisch hinweg, fällt ihr Blick auf einen geordneten Dachgarten. Chanda Kochhar ist aufgerückt. Schon zuvor verkehrte sie auf diesem Flur, in der obersten Etage von ICICI, der führenden Privatbank Indiens mit Sitz in der Finanzmetropole Bombay (Mumbai). Damals aber arbeitete sie noch ihrem Chef K. V. Kamath zu - dem selbstbewussten Leitwolf der indischen Unternehmenswelt. Vor einem knappen Jahr übernahm sie seine Position, seine Macht, sein Zimmer. Höher geht es nicht mehr hinaus. Das Magazin „Forbes“ stellt die Inderin an Nummer 20 der mächtigsten Frauen der Welt - vor die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton (36). Kochhar ist angekommen im Pantheon der indischen Davos-Liga, der Macher, der Antreiber. Sie zählt zu den Aushängeschildern des neuen Indien.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Neu-Delhi wird sie nun von Trauben von Reportern belagert. Beim Besuch von Horst Köhler in Bombay zählt sie zum Quartett der Vorzeigemanager ihres Landes, ausgeschickt, dem Bundespräsidenten den Zukunftstraum Indien zu vermitteln. Von allen Zeitschriftentiteln lächelt eine Chanda Kochhar meist mit verschränkten Armen und im Sari, die für eine Botschaft steht: Seht her, auch im Land der Witwenverbrennungen und Unberührbaren können es Frauen mit Willen und Intelligenz bis nach ganz oben schaffen.
Selbst der Ganesha scheint wie mit dem Lineal ausgerichtet
Sie hat es nicht nötig, sich zu verleugnen. Ihr Seiden-Sari allein kostet mehrere Jahresgehälter eines Durchschnittsinders. Vier Diamantringe strahlen am Finger. Ihr Lächeln spiegelt sich in den Steinen der Smaragdkette und der schweren Ohrringe. Alles in ihrem Büro ist geordnet, aufgeräumt, fast klinisch. Selbst der Ganesha, der dickbäuchige Elefantengott, der Wohlstand und Erfolg bringt, scheint mit dem Lineal auf seinem Platz ausgerichtet. Der Vorhang zum Slum ist geschlossen, der Schreibtisch blank, die Chefin im Minutentakt verplant. Der Händedruck ist sanft, für Smalltalk aber bleibt keine Zeit. „Wie lauten Ihre Fragen?“, legt sie los und arbeitet die Antworten ab. Die klingen dann so: „Für Führungspersönlichkeiten ist jeder Zeitpunkt der richtige, um weitere Verantwortung zu übernehmen. Man muss vorbereitet sein.“
Vor einer Herausforderung ist die 48-Jährige nie zurückgescheut, vorbereitet hat sie sich bis ins Detail. So war es auch bei diesem einen Moment, der ihre Karriere, ihr Leben bestimmen sollte: 1999 rief der große Vorsitzende Kamath die ambitionierte Jungmanagerin zu sich. Kochhar bekam eine Stunde für eine Präsentation. „Er fragte mich, wer mir das Thema gegeben habe. Und ich sagte: Ich selbst. Das war in unserem Unternehmen schon gewagt. Er aber erwiderte: Genau diese Antwort wollte ich von Ihnen hören. Wir brauchen Leute, die Eigeninitiative zeigen“, erinnert sie sich. „Das war sicherlich ein entscheidender Moment.“
Alles verloren und bei null wieder angefangen
Ihre Chance hatte sie beim Schopf ergriffen - so wie es schon die junge Chanda gelernt hatte. Denn geboren wurde sie als Kind einer Familie von Hindu-Flüchtlingen aus Karachi im heutigen Pakistan, Tochter eines Ingenieurs und späteren Hochschullehrers. Das war keine schreiende Armut, aber auch keine Garantie für einen steilen sozialen Aufstieg. „Bei uns herrschte eine akademische Atmosphäre, auf Bildung legten meine Eltern großen Wert“, erinnert sich Kochhar an die Jugend mit ihren zwei Schwestern und dem Bruder in Rajasthan. Auf dem Weg nach ganz oben arbeitete sie sich aus eigener Kraft voran. „Meine Eltern haben alles verloren, in Indien wieder bei null angefangen. Unter solchen Umständen lernen schon Kinder, Kleinigkeiten wertzuschätzen. Das behält man sein Leben lang bei“, sagt sie. So brachte es die Flüchtlingstochter auf das Jamnalal Bajaj Institute of Management in Bombay. Eigentlich wollte sie Beamtin werden. „Doch ICICI warb den jeweils Besten eines Jahrgangs für eine Trainee-Stelle an. Das war ich - und so bin ich direkt bei der Bank gelandet.“
Im Rückblick hört sich das so viel einfacher an, als es war. „Als ich damals anfing, gab es viele Firmen, wo wir Frauen unsere Bewerbung nicht einmal einzureichen brauchten - jede Hochschulabsolventin wusste, dort hätte sie nie eine Chance. Und das nur, weil sie eine Frau ist.“ Bei ICICI verdiente sie 2400 Rupien (40 Euro) im Monat. „Von meinem ersten Gehalt habe ich meiner Mutter einen Sari gekauft. Dann blieb nicht mehr viel übrig“, erinnert sich die heutige Vorstandschefin.
„Man will die nächste Stufe immer vor den anderen erreichen“
Schnell galt die junge Hochschulabsolventin als Protegé ihres heutigen Vorgängers an der Unternehmensspitze. Dabei durchlief sie - zunächst unbewusst, später bewusst - ein jahrelanges Auswahlverfahren. Alle zwei Jahre, das gehörte zur Politik der Bank, musste Kochhar eine neue Aufgabe übernehmen. Sie leitete die Geschäftsbank. Dann kümmerte sie sich um Großkunden. Danach führte sie den Bereich der Infrastrukturinvestitionen. Auf das Investmentbanking folgte dann wieder das Geschäft mit den Kleinkunden. Ihr Ehrgeiz hat sie vorangetrieben. Sie verleugnet ihn nicht: „Man will die nächste Stufe immer vor den anderen erreichen.“ 2001 hatte sie sich bis ins Board hochgearbeitet. Dass sie es noch bis ganz oben schaffen würde, konnte sie da noch nicht wissen. Denn zwei andere Frauen machten ihr Konkurrenz. Als Kochhar schließlich zur Vorstandschefin ernannt wurde, verließen die beiden umgehend das Haus - um selbst die Führung einer Bank und einer Anlagegesellschaft zu übernehmen.
Unüblich ist die Karriere von Frauen in Indien mittlerweile nicht mehr - auch wenn die Mehrheit dort alles andere als emanzipiert ist. Die weibliche Bildungselite aber erobert sich immer mehr Spitzenpositionen. Das beweisen nicht nur Politikerinnen wie Sonia Gandhi oder die Ministerpräsidentin von Delhi, Sheila Dikshit, sondern auch Kiran Mazumdar-Shaw, Gründerin des Biotechnik-Konzerns Biocon, Naina Lal Kidwai, Vorstandsvorsitzende der indischen Tochtergesellschaft der britischen Bank HSBC Holdings, oder Kalpana Morparia, die das Indien-Geschäft für J. P. Morgan Chase führt. Kochhar glaubt, dass den Inderinnen die Karriere sogar leichter fällt als den Frauen im Westen: „Wir hier genießen den unermesslichen Vorteil eines engen Familienetzwerkes. Bei uns kümmern sich Eltern und Schwiegereltern um die Kinder, wenn die Frau arbeitet. Dazu kommen natürlich auch noch Hausangestellte, die es so im Westen ja auch nicht gibt.“
„Gerade Frauen sollten nicht um eine Sonderbehandlung bitten“
Sie selbst hat zwei Kinder. Tochter Aarti studiert Ingenieurwesen in Amerika. Sohn Arjun geht in Bombay in die neunte Klasse. Die Schwiegermutter führt den Haushalt, der, wie in Indien üblich, zahlreiche Bedienstete zählt. Kochhars Mann ist selbst Unternehmer im Bereich der Solarenergie. „Wer Erfolg haben will, kann nicht sagen, ich will nur fünf Tage die Woche arbeiten und die anderen beiden mit der Familie verbringen“, zeigt sich die Managerin von ihrer harten Seite. „Gerade Frauen sollten nicht um eine Sonderbehandlung bitten.“
Der Bank kam die Frau an der Spitze enorm gelegen. Denn in der Außenwirkung verkörperte Kamath unbedingtes Wachstum, Kochhar eher Verantwortungsgefühl. Letzteres war gefragt am Tiefpunkt der Finanzkrise, als ICICI ihre Kunden und Aktionäre scharenweise davonliefen. Über Nacht standen Sicherheit und Verlässlichkeit im Mittelpunkt. Für ICICI war das ein Kursschwenk, als wolle man den Ruf von Goldman Sachs in denjenigen einer schwäbischen Sparkasse verwandeln. Eine Bankerin an der Spitze half insofern, als in indischen Familien meist Frauen über das Geld wachen. „Unser Wachstum wird nur sehr moderat sein. Wir müssen unser Kapital bewahren“, sagte Kochhar denn auch als Bankchefin - Töne, die ein Kamath nur unter Schmerzen über die Lippen gebracht hätte. Der edlen Frau in ihrem Sari aber nahmen die Kunden sie ab. Obwohl auch Kochhar im Kielwasser von Kamath über Jahre das Wachstum stark vorangetrieben hatte.
Gleichwohl weiß die Spitzenbankerin, dass sie angreifbar ist, weil sie die 26 Jahre ihres Berufslebens in nur einem einzigen Unternehmen zugebracht hat. Eine Rechtfertigung aber hat sie nicht nötig. Im Gegenteil: „Wichtig ist einzig, dass man sein Wissen ständig erweitert, sich entwickelt. In meinem Fall ist die Bank so schnell gewachsen, dass ich zu keinem Moment sagen konnte: Ich kenne das Geschäft vollkommen. Also habe ich immer Neues gelernt, während ich all die Jahre in derselben Bank blieb. Gelingt so etwas, sollte es erste Wahl sein.“
Zur Person
- Chanda Kochhar wird am 17. November 1961 in Jodhpur in der indischen Provinz Rajasthan geboren.
- Sie studiert in Bombay Managementlehre und erhält nach ihrem Abschluss als Jahrgangsbeste 1982 ihre erste Stelle in der ICICI-Bank.
- Dort durchläuft sie während ihrer Ausbildung fast alle Abteilungen und rückt im Jahr 2006 in den engsten Führungszirkel auf. Vier Jahre später folgt sie K. V. Kamath als Vorstandsvorsitzende des Kreditinstituts nach.
- Chanda Kochhar ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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