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Björn Warns Aus Graffiti wird Hip-Hop

 ·  Einst brachten ihn Polizisten nach Hause, dann reimte er Hits mit Fettes Brot zusammen. Heute ist Björn „Schiffmeister“ Warns auch Plattenboss.

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Bloß weg. Weg von denen, die schreien und sie nicht entwischen lassen wollen. Björn Warns, noch 16 Jahre alt, und die anderen rennen, so schnell sie können, durch die Nacht. „Halt, stehen bleiben, Polizei!“, hallt es ihnen hinterher. Gerade sprühten sie noch Graffiti auf ein Hamburger Brückenviadukt. Oben rollt wieder eine S-Bahn über die Schienen, unten laufen die Polizisten hinterher. „Wir lassen die Hunde frei“, schreien diese. Die Jugendlichen bleiben stehen. Ihr Fehler. Denn die Männer haben gar keine Hunde.

So schnell kann es gehen. Mit Graffiti steigt er in den Hip-Hop-Kosmos ein, mit Sprechgesang steigt er auf: Björn Warns, jetzt 37 Jahre alt, dünne dunkle Haare, dicke dunkle Hornbrille, einer der drei Männer von Fettes Brot. Die Band beginnt vor fast zwei Jahrzehnten mit Rap, kreuzt das später mit Rock, Pop und Elektro-Beats und wird immer populärer: durch Ohrwürmer wie „Nordisch by Nature“ 1995, „Jein“ 1996, „Schwule Mädchen“ 2001, „Emanuela“ 2005, „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ 2008. Zwei Live-Alben ihrer Hits schafften es im vergangenen Jahr gleichzeitig in die Top Ten der deutschen Charts. Und seit „Emanuela“ bringt die Band ihre Musik auf dem eigenen Label, der Fettes Brot Schallplatten GmbH, heraus: Aus dem jungen Graffiti-Sprüher ist ein Musiker mit Sinn fürs Geschäft geworden.

Schulden abarbeiten in der Wurstfabrik

Dabei überschreitet Warns zunächst die Grenzen: Die nächtliche Malaktion soll ihr erstes großes Graffito über zehn Meter werden, aber der Versuch bringt Warns in Gewahrsam. Am Hamburger Brückenviadukt legen ihm Polizisten Handschellen an, seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Ole halten sie die Pistole an den Kopf, sie führen alle ab und bringen sie aufs Revier. Björn Warns will seine Eltern anrufen, doch die Polizisten sagen, er sei hier nicht bei „Miami Vice“. Die Beamten verhören ihn stundenlang, bevor die Beamten die Kinder zu ihren Eltern bringen, die Wohnung durchsuchen und viele seiner Sachen beschlagnahmen.

Das Verfahren wird später eingestellt. Aber Warns bleiben Schulden: Sie müssen der Bahn die Reinigungskosten zahlen, alles soll professionell entfernt werden. Dafür müsse die Strecke mehrere Stunden gesperrt werden. „Das ist natürlich nie passiert, aber ich musste einige tausend Mark aufbringen.“ Seine Eltern zahlen die Strafe – erst einmal. In den Sommerferien arbeitet Warns vierzehn Tage in der Wurstfabrik von Hareico im nahen Halstenbek und packt Würstchendosen in Kartons, um das Geld abzustottern. „Meine Eltern sind mir dann entgegengekommen, weil sie gesehen haben, wie ätzend es ist, mit 16 Jahren so viel Geld zusammenzukriegen.“

Grundstein im Nachtbus gelegt

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, Warns lebt nach wie vor im schleswig-holsteinischen Pinneberg vor den Toren Hamburgs. Nie ist er weggezogen, doch die Großstadt zieht ihn an: Er pendelt von der fünften Klasse bis zum Abitur mit der S-Bahn zur Gesamtschule in Hamburg-Osdorf. Danach jobbt er ein Jahr in einer Behindertenwohnstätte und macht seinen Zivildienst in einem integrativen Kindergarten.

Damals, Anfang der neunziger Jahre, fühlt sich Hip-Hop wie ein kleines Kind am Rand der Gesellschaft an. Wer sich dafür interessiert, fällt auf. Einmal fährt Björn Warns mit dem Nachtbus, schon an der Seite seines späteren Bandkollegen Boris Lauterbach. Sie graben Frauen an. Nur um zu hören: „Ach was, ihr steht auf Rap-Musik? Da kennen wir auch zwei an unserer Schule.“ „Jeder, der einen Kapuzenpulli und eine Baseballjacke trug, war quasi schon Teil der Hip-Hop-Kultur“, sagt Warns. Heute gehört die Kapuze zum Mainstream-Pullover wie Schnürsenkel zu Schuhen.

Der Nachtbus-Flirt bringt Warns voran – ins Zimmer von Tobias Schmidt, später bekannt als Teil von Der Tobi & das Bo, Fünf Sterne deluxe und Moonbootica. Er ist jener Klassenkamerad, dessen Kontakt die Mädchen im Bus weitergeben. Schmidt fabriziert Hiphop, englischsprachig, zusammen mit seinem Bruder und Martin Vandreier unter den Namen Poetz Of Peeze. Zu fünft gründen sie 1992 ihre eigene Hiphop-Band, um auf Deutsch zu rappen: Fettes Brot war geboren.

Jeder darf mal

Nach kurzer Zeit bleiben drei Männer an Bord: „Schiffmeister“ Warns, „Doktor Renz“ Vandreier und „König Boris“ Lauterbach. „Wir wollten einfach die Musik machen, die uns Spaß macht“, sagt Warns. „Weil wir auch das Gefühl hatten, wir machen Musik, die es damals noch nicht gab.“

1995 kommt mit „Nordisch by Nature“ der kommerzielle Erfolg: Ihr erster Hit ist eine launige Hymne Norddeutschlands, in der verschiedene Hamburger Musiker mitreimen. Nach 22 Wochen in der Hitparade stoppen sie den Verkauf – um nicht mit diesem einen Hit als plattdeutsche Blödelrapper in die Annalen einzugehen. Aber der Ruf bleibt. Das wissen sie auch.

Fast zwei Jahrzehnte klebt Fettes Brot nun aneinander. Auf Solopfaden hat keiner rumgetrampelt, sie haben sich immer in der Band verwirklicht. Jeder darf mal ins Scheinwerferlicht, etwa mit eigenen Songs, die im Namen der Band erscheinen: wie Lauterbach mit „The Grosser“, Vandreier mit „Die meisten meiner Feinde“ oder Warns mit „Ich lass dich nicht los“.

Zur Mannschaft gehören seit eh und je Manager Jens Herrndorff und Produzent André Luth. Eines Tages im Jahr 2004 lächeln die beiden wie noch nie, als sie sich mit den drei Reimern treffen. „Wie ein verliebtes Pärchen mit Grinsen im Gesicht und leuchtenden Augen“, sagt Warns. Ihre beiden Berater haben eine Idee: Wollen wir nicht eine eigene Plattenfirma gründen?

2004 folgt die eigene Plattenfirma

Doch die drei Musiker fragen sich: „Warum denn?“ Sie fühlen sich wohl. Keiner redet ihnen rein, sie können machen, was sie für richtig halten. Es dauert, bis sie die Gunst des Augenblicks erkennen. Gerade laufen ihre Verträge aus, Rechte fallen an die Band zurück. „Das hätte man 2004 schon wissen können, dass es für eine Band, wie wir es sind, die in viele Dinge wie Videos oder Coverdesign reinquatscht und selbst machen möchte, das Richtige ist“, sagt Björn Warns, der etwa bei mehreren ihrer Musikvideos Regie führte. Das und sich selbst diejenigen auszusuchen, mit den sie zusammenarbeiten wollen, sind Vorteile gegenüber einem „vielleicht schwerfälligen Apparat eines aussterbenden Riesenkonzerns oder eines sich gesundschrumpfenden Plattenkonzerns“.

Sie folgen ihren zwei Beratern und gründen 2004 die Fettes Brot Schallplatten GmbH, an der alle fünf gleichrangig beteiligt sind. Nur einstimmig darf in ihrer Gesellschaft entschieden werden. „Mafiöse Strukturen“, sagt Warns und grinst. Doch um alles Geschäftliche kümmern sich vor allem Herrndorff und Luth, die den Musikern Konzepte und Zahlen regelmäßig vorstellen. Die eigene Plattenfirma, die bislang nur Fettes Brot vertreibt, hätte fast nicht besser starten können: Das erste Lied des Labels, „Emanuela“, wird die erfolgreichste Single der bisherigen Bandgeschichte.

Sie haben Erfolg – kommerziell und finanziell. Schon lange zahlen sie sich einen festen monatlichen Betrag aus – anfangs 500 Mark. „Meine beiden Bandkollegen sind durchgedreht“, erzählt Warns. „König Boris dachte, er ist der reichste Mensch Schenefelds, weil er bei seinen Eltern gewohnt hat, Zivildienst-Geld einkassiert hat und 500 Mark von Fettes Brot.“ Es war der erste Versuch, ob sie von der Musik leben können. Hat geklappt.

„Mir wächst eine Krawatte“

Wie viel sie heute verdienen? „So viel, dass eine vierköpfige Familie davon lebt.“ Und wie fühlt man sich als Unternehmer? „Es ist komisch“, sagt Warns. Er lächelt und streicht das weiße Tuch glatt, das um seinen Hals hängt. „Manchmal habe ich das Gefühl, mir wächst eine Krawatte.“

Legal, illegal, für Björn Warns nicht mehr egal. Nachdem er als 16 Jahre alter Graffiti-Sprüher stundenlang das Polizeirevier von innen gesehen hat, bringt er die Bilder gesetzeskonform an die Wand. Wie in Jugendzentren. Und manchmal gar für ein Zubrot.

Er sprüht mit anderen auf der Hamburger Reeperbahn im Eros-Center. Als sie sich ihre versprochenen 5000 Mark abholen, gehen sie zu Männern des Rotlichts, die im Unterhemd vor ihnen sitzen und den Kampfhund neben sich haben. „Wahnsinnig klischeehaft“, sagt Warns. „Ich hätte mir fast ins Hemd gemacht aus Angst vor diesen fiesen Zuhältertypen.“ Sein Kumpan nicht: Der kriegt die Geldscheine im Bündel, umwickelt von einem Gummiband – nimmt das Band ab und zählt auf dem Tisch nach. Entweder die erschießen uns jetzt, denkt sich der minderjährige Warns, oder sie lassen uns hochleben. Einer sagt was von: „Das find ich gut, dass du nachzählst, dich kann man nicht bescheißen.“ Die Unterhemd-Gesellen lassen die Jungs hochleben. Sie hätten Hunde gehabt, um diese auf die Graffiti-Sprüher zu hetzen.

Zur Person:

- Björn Warns wird am 20. Mai 1973 in Pinneberg geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hört auf die Künstlernamen Björn Beton, Schiffmeister und Flash
Müller.

- Nach dem Abitur gründet er 1992 die Band Fettes Brot. Sie
besteht aus ihm, Martin Vandreier („Doc Renz“) und Boris Lauterbach („König Boris“).

- 1995 beginnt mit „Nordisch by Nature“ der kommerzielle Erfolg,
ein Jahr später folgt „Jein“.

- 2004 gründet die Band mit Jens Herrndorff und André Luth die Fettes Brot Schallplatten GmbH

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft.

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