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Axel Ockenfels : Rebell im Elfenbeinturm

  • -Aktualisiert am

Starkökonom und Deutschrocker: Axel Ockenfels Bild: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

In jungen Jahren hat er sich mit fast der kompletten Ökonomenzunft angelegt. Heute ist Axel Ockenfels dank seiner unkonventionellen Methoden ein Star.

          Fast wäre seine wissenschaftliche Karriere zu Ende gewesen, bevor sie richtig begonnen hat. Als Axel Ockenfels im Jahr 2000, gerade 31 Jahre alt, zusammen mit dem Amerikaner Gary Bolton seine ERC-Theorie aufstellt, zieht er sich den Zorn fast der gesamten Ökonomenzunft zu. Denn das Papier schlägt ein wie eine Bombe, rüttelt an den Grundfesten der Volkswirtschaftslehre. Die damals ungeheure Kernaussage lautet: Menschen sind soziale Wesen, die eben nicht immer vollkommen rational und eigennützig handeln, wie es das weithin akzeptierte Modell des Homo oeconomicus unterstellt. "Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, kommt an Prinzipien wie Fairness oder Gerechtigkeit nicht vorbei", sagt Ockenfels.

          Besonders fair gehen die honorigen Professoren der Volkswirtschaftslehre mit dem jungen Rebellen aus Deutschland nach der Veröffentlichung seines Aufsatzes aber nicht um. "Ich wurde von einigen etablierten Hotshots der VWL angegriffen, bei einer Konferenz auf dem Gang angeschrien. Dazu kamen Versuche, meine Arbeit zu blockieren", sagt Ockenfels. Es folgen schlaflose Nächte und die ernsthafte Überlegung, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen. Doch überzeugt von seiner Arbeit, hält Ockenfels durch und startet eine der vielversprechendsten Karrieren in der Wirtschaftswissenschaft: Mit 34 Jahren wird der 1,94-Meter-Schlacks Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln, macht die experimentelle Wirtschaftsforschung in Deutschland zum Standard, erhält mit 36 den Leibniz-Preis und mit 37 den Gossen-Preis. Bis heute ist sein ERC-Papier einer der meistzitierten, aber auch meistdiskutierten Aufsätze in der Volkswirtschaftslehre.

          Von BAP zum Gleichgewichtsmodell

          Dabei hätte seine Karriere auch ganz anders laufen können. Ockenfels, Fan der Kölner Kultband BAP, will zunächst Musiker werden, wechselt sogar das Gymnasium, um Musik und Mathematik als Leistungskurse belegen zu können. Doch mit dem Abitur kommt ihm die Erkenntnis, für die Musik nicht gut genug zu sein. Also beginnt er mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre und wählt dafür die Universität Bonn, wo die Volkswirtschaftslehre eher Mathematik ist. In seiner Diplomarbeit soll Ockenfels zunächst einen Existenzsatz in einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell beweisen, was nicht nur ihm abstrus vorkommt und die ersten Gedanken über den Sinn des VWL-Studiums hervorruft.

          Eigentlich wollte er seinen Idolen von BAP nacheifern

          Doch das Schicksal kommt ihm zu Hilfe - in Person von Reinhard Selten. Der Spieltheoretiker bietet dem jungen Studenten an, doch lieber ein Experiment zu machen, was Ockenfels erst als unseriös zurückweist. Doch Selten gibt nicht auf, nimmt sich tagelang Zeit, Ockenfels zu überzeugen. Mit Erfolg. Ockenfels wirft sein erstes Diplomarbeitsthema hin und wechselt die Seiten zu Selten. Es ist die Entscheidung seiner Karriere. Während Ockenfels in der Bonner Mensa sein Experiment als Gewinnspiel veranstaltet, erhält Selten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, als erster Deutscher überhaupt. Und es kommt noch besser: Als Ockenfels seine Arbeit fertig hat, bietet ihm Selten an, gemeinsam ein Papier darüber zu veröffentlichen. Der Student und der Nobelpreisträger - besser kann eine Karriere nicht starten. "Man braucht auch viel Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich habe mich nie explizit für eine wissenschaftliche Karriere entschieden, sondern bin immer hineingespült worden. Ohne Seltens Einfluss auf mein Denken säße ich heute nicht hier", gibt Ockenfels zu. Noch heute arbeitet Ockenfels eng mit Selten zusammen. Die beiden Ökonomen haben gerade ein Zehnjahresprojekt gestartet. Gemeinsam mit Psychologen wollen sie das eingeschränkt rationale Verhalten der Menschen erforschen. "Die Ökonomen können von den Psychologen noch viel lernen", sagt Ockenfels.

          „Für Unsinn siehe Ockenfels“

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