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Arno Stocker : Extrem entspannt

Arbeit, Gefängnis, Arbeit: Arno Stocker beging in seinem Leben manche Dummheit Bild: Müller, Andreas

Arno Stocker hat seiner Spastik getrotzt. Heute baut und stimmt er Klaviere. Was er seinem Willen zu verdanken hat - und der Sängerin Maria Callas.

          Die Hände gleiten virtuos über die Tasten des Enrico-Caruso-Flügels. Arno Stocker gibt sich ganz einer Sonate von Franz Liszt hin, auf seinem selbst in Handarbeit gefertigten, 75.000 Euro teuren Instrument mit indischem Palisander-Furnier, Ahorn-Intarsien und vergoldeten Saitenunterlagen. Eng geht es um ihn herum zu. Hinter seinem Rücken erstrahlt ein restaurierter Flügel aus dem Jahr 1890 in neuem Glanz. In zwei alte, instand gesetzte Klaviere scheint wieder Leben eingehaucht worden zu sein. Fast plüschig hängt ein mit Tuch umrandetes Bild von Maria Callas an der Wand, daneben das von Enrico Caruso - seine Idole und Lebenshelfer. Stocker kann sich von seinem österreichischen Lieblingskomponisten Liszt nicht trennen. Er streichelt die Tasten, um dann plötzlich ins Staccato zu wechseln.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Ich kann nicht gut Klavier spielen“, sagt er, nüchtern analysierend, mit kräftiger Stimme das Spiel übertönend. „Ich bin im Vergleich zu den Profis viel zu langsam.“ Das sagt jemand, der sich virtuose Fähigkeiten mit Leidenschaft, Tatkraft und Disziplin erkämpft hat. Denn Arno Stocker war spastisch gelähmt. Mit schwersten Behinderungen zur Welt gekommen, konnte er sich als Kind nur unter Schmerzen bewegen, kaum sprechen, nicht sehen. Heute erledigt er sein Pensum so, als wäre er gesund geboren, fingerfertig, fast filigran. Stocker baut Klaviere. Er restauriert sie und verkauft sie wieder. Die eigentliche Profession ist das Stimmen dieser von ihm so geliebten, fast wie Wesen mit eigenen Charakteren behandelten Instrumente. Den Stimmschlüssel hat er immer in der Tasche, reist von einem Konzertsaal zum anderen. Er hat Flügel für den großen Pianisten Vladimir Horowitz gestimmt, ihn auf Deutschland-Tournee begleitet, mit ihm die Stimmtechnik verfeinert.

          Gezeichnet durch die Spastik ist Stocker noch mit seiner Gehbehinderung, was ihn aber nicht sonderlich einschränkt. Keine Spur mehr davon, dass er als Kind mitunter zwei Minuten brauchte, um einen Satz zu vollenden. Kaum zu bremsen ist er heute im Gespräch. Das Sehvermögen indes wechselt stark, je nachdem, wie viel Stress Stocker hat. Grobe Helldunkel-Kontraste kann er erkennen. „Ich sehe mit den Ohren“, sagt er. Die aber können die traumhaften Landschaften, die sich vor dem Fenster seines Klavierzimmers erheben, nicht wahrnehmen. Stocker wohnt hoch oben über dem Chiemsee, das Alpenpanorama im Hintergrund. Die Wahl eines so schönen Platzes kommt einem Trotz gleich: Und ich sehe doch.

          Ein Wunder, kein Märchen

          Ein Wunder ist Stocker mit einem eisernen Willen und einem unbändigen Trieb zur Eigenständigkeit gelungen. Ein Märchen ist mit seiner Biographie gleichwohl nicht wahr geworden. Vielen positiven Erfahrungen stehen Rückschläge und eigene Fehler entgegen. Es ist ein Lebenslauf zwischen Hochgefühl und Niedergeschlagenheit, mit einem gescheiterten Selbstmordversuch als Folge einer enttäuschten Liebe und zwei Gefängnisaufenthalten. „Die Türen gingen immer wieder zu“, resümiert er und meint damit nicht nur die Gefängnistüren. Das war im Kindergarten so, in der Schule, im Beruf mit seinen Unternehmungen.

          Er hat gelernt, auf sich selbst gestellt zu sein. Alles konnte er nicht alleine stemmen, um zu sein, was er heute ist: ein Unbehinderter. Da war Frau Beil, seine Klavierlehrerin, die die spastisch verkrampften, unbeweglichen Hände des sechs Jahre alten Jungen auf die Tasten legte und ihm ein halbes Jahr Tag für Tag das Klavierspielen beibrachte. So erlangte er die „manuelle Freiheit“. Da war sein Opa Arnold, der ahnte, dass mehr Kraft in seinem Enkel steckt. Er schenkte ihm eine Schallplatte von Enrico Caruso. Eine Drei-Minuten-Arie des italienischen Tenors hörte sich der kleine Arno, dann sieben Jahre alt, auf einem Dual-Plattenspieler in Endlosschleife an. Er fing an zu singen und zu sprechen. Der Gesang half, die Blockade bei den Konsonanten zu heben, die ihm so viele Schwierigkeiten bereiteten, insbesondere das R, aber auch das T, das S und erst recht das CH. Caruso ist so sehr sein Idol, dass er dessen Namensrechte erwarb. „Er hat mir zum Sprechen verholfen.“

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