http://www.faz.net/-gyl-119qb

Anselm Grün : Pater mit Staatsanleihen

Mal Missionar, mal Spekulant: Pater Anselm Grün Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit theologisch-psychologischen Ratgebern hat er Millionen von Lesern erreicht. Für sein Kloster Münsterschwarzach kümmert sich der Benediktiner aber auch um Betriebswirtschaft und Geldanlage.

          Noch heute leuchten dem Benediktinermönch die Augen. Wie er als kleiner Junge, gerade acht geworden, ans Telefon gehen konnte und sagen: „Sie sind verbunden mit der Firma Grün“, das habe ihn mit Stolz erfüllt. Weit weg war er damals davon, ein Missionar zu sein. Ob er Order an das Elektrogeschäft des Vaters aufnahm oder Zementsäcke organisierte oder mit dem Fahrrad Glühbirnen an Kunden lieferte, Wilhelm Grün konnte sich früh verantwortlich fühlen für sich und seine sechs Geschwister.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es war die Nachkriegszeit, die Häuser waren zerbombt. In Lochheim bei München versuchte der Vater sein Glück. „Ich denke schon, dass dieses wirtschaftliche Denken im Blut liegt. Mein Vater aber war sicherlich nicht der typische Kaufmann; dafür war er fast zu gutmütig“, sagt Grün heute. 55 Jahre liegt diese Episode zurück; inzwischen ist er einer der meistgelesenen christlichen Autoren der Welt und bestimmt zugleich als wirtschaftlicher Leiter seines Klosters über einen kleinen mittelständischen Betrieb mit rund 300 Mitarbeitern.

          „Priester sein, war mehr als Kaufmann sein“

          Mehr noch als der Vater ist es wohl die Mutter, die den Kaufmannsgeist in Grün weckt. Selbst Jahrzehnte später im hohen Alter von fast 90 Jahren organisiert sie Ausflüge ihrer Kirchengemeinde so, dass keine Kosten anfallen – anders als wenn der Pfarrer die Feder führt. Eine Ausbildung aber kommt für Wilhelm trotz des Kaufmannsbluts nie in Frage. Vom Dienst als Ministrant inspiriert, reift schon im Alter von zehn Jahren der Wunsch in ihm, Benediktinermönch zu werden. Und der Vater, selbst von einer Leidenschaft fürs Spirituelle beseelt, stimmt schnell zu, denn „Priester sein, war mehr als Kaufmann sein“, sagt Grün heute. So kommt der junge Wilhelm ins Klosterinternat Münsterschwarzach.

          Die Abtei Münsterschwarzach machte der Pater durch seine Werke bekannt

          Nur während der Pubertät wackelt der Entschluss, die Weihe anzustreben, kurzzeitig. Die Aussicht auf eine künftige Ehe und die Freude an einem Mikroskop bringen Wilhelm noch einmal ins Grübeln. Das ist aber nur von kurzer Dauer. Mit 19 besteht er sein Abitur in Würzburg und erfüllt sich den Wunsch, in die Abtei einzutreten. Vorbild wird ihm der britische Theologe Anselm von Canterbury: „Er wollte den Glauben erfahrbar und durchschaubar machen, um ihn zu verstehen. Das hat mich fasziniert.“ Und weil man im Kloster einen anderen Namen annehmen muss, wird aus Wilhelm Anselm.

          „50 Engel für das Jahr“ in der 33. Auflage

          Dem Kloster Münsterschwarzach ist Anselm Grün treu geblieben. Mit seinem zotteligen grauen Bart und dem schulterlangen schütteren Haar sitzt er an dem bescheidenen Holztisch in seinem Büro. Rund 50 Buchtitel hat er auf einem Wandbord gestapelt: „50 Engel für das Jahr“ liegt da, mehr als eine Million Mal verkauft, inzwischen in der 33. Auflage erhältlich. Darin hat Grün 50 Engeln wichtige Tugenden wie Liebe, Leidenschaft, Achtsamkeit oder Vertrauen zugeordnet. Zwar das erfolgreichste, aber „nicht mein Lieblingsbuch“, bekennt der Mönch, ein notorischer Vielschreiber. Sieben bis acht Bücher hat er allein in diesem Jahr veröffentlicht, so genau weiß er das nicht. Darunter ist auch „Das Hohelied der Liebe“, eine Auslegung des berühmten Paulusbriefs an die Korinther – ergänzt um den philosophischen und den psychologischen Hintergrund.

          Beiden Themen verschrieb er sich schon im Studium ab 1965: „Für mich war immer wichtig, wie ich den Glauben auf eine Erfahrungstatsache bringen kann. Dafür ist die Psychologie wichtig, denn der Glaube ist auch ein psychisches Phänomen und nicht nur ein Willensschluss.“ Grün will verstehen, was Glauben in der Seele auslöst.

          Nach neun Studienjahren, in denen er sich auch mit der Psychotherapie nach C. G. Jung und Zen-Meditation beschäftigt, schließt er 1974 seine Promotion ab. Zeit für berufliche Weichenstellungen: „Als ich Mönch geworden bin, habe ich nicht an Wirtschaft gedacht. Da wollte ich Seelsorger oder Missionar werden“, sagt Pater Anselm rückblickend; nach Afrika aufzubrechen hätte ihn gereizt. Der Abt aber will es anders, denn es zeichnet sich ab, dass der bisherige Wirtschaftsleiter, der Cellerar der Abtei, bald ausscheiden würde. Als Nachfolger wird Anselm ausgeguckt – sein familiärer Hintergrund prädestiniert ihn dazu. Zwei Jahre, darauf einigen sie sich, soll er sich die wichtigsten betriebswirtschaftlichen Grundlagen aneignen und danach Cellerar werden. „Für mich war das eine Krise. Ich habe gezögert und war gar nicht begeistert, weil mir das zu weltlich und äußerlich war.“

          Weitere Themen

          Schweigen, Sprechen, Stimmen

          FAZ.NET-Hauptwache : Schweigen, Sprechen, Stimmen

          Wie sollte man den möglichen Frankfurter Fernbahntunnel nicht nennen? Wie spricht man richtig? Wo gibt es in der Region die meisten Unfälle? Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main steht in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Bunte Flagge zeigen

          Diskriminierung im Fußball : Bunte Flagge zeigen

          Thomas Hitzlsperger wirbt für eine Vielfalt im Fußball, die sich nicht im Kampf gegen Homophobie erschöpft. Auch Transsexualität ist ein Thema. Doch der Weg zu mehr Akzeptanz ist lang – und noch lange nicht zu Ende.

          Topmeldungen

          Getöteter Journalist : Die letzten Minuten Khashoggis

          Eine türkische Website veröffentlicht Zitate der letzten Minuten Khashoggis. Demnach seien Auseinandersetzungen Khashoggis mit vier Angreifern zu hören. Eine Stimme konnte identifiziert werden.
          Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn auf einem Bildschirm in Tokio

          Nach Festnahme Ghosns : Firmengeld für Luxusimmobilien

          Frankreich ist Hauptaktionär von Renault – und geht jetzt auf Abstand zu dem festgenommenen Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn. Indes werden neue pikante Details der Affäre bekannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.