Sie hat sich nicht einfach aus dem Staub gemacht. Der extreme Bruch in ihrem Lebenslauf könnte das vermuten lassen: Annette Winkler leitet das traditionsreiche Bauunternehmen ihrer Familie, wird dafür als Unternehmerin des Jahres gefeiert, und dann das – sie wechselt als Pressechefin zu Mercedes, und ein halbes Jahr später ist das eigene Bauunternehmen pleite. Der Bruch ist umso erstaunlicher, als nichts die damals 36 Jahre alte Annette Winkler für den Posten im Daimler-Konzern zu qualifizieren scheint: Sie hat keine Ahnung von Autos und keine Ahnung von Pressearbeit.
Heute, mit 51 Jahren, ist Annette Winkler Smart-Chefin. Sie soll aus dem kleinen Stadtflitzer ein erfolgreiches Geschäft für Daimler machen. Das gibt Arbeit für Jahre, ist sich Annette Winkler sicher, und sie sagt: „Ich habe meinen Traumjob gefunden.“ Den Weg zu diesem Traumjob in Gedanken nachzugehen, macht ihr erkennbar Spaß. Annette Winkler sprüht vor Begeisterung, erzählt dieses und jenes Detail und hätte erkennbar Lust, noch so manche Anekdote auszugraben, vor allem aber das Video. Irgendwo muss es noch zu finden sein in den Archiven, ihr erster Auftritt im Hause Mercedes-Benz. Ein Vortrag. Annette Winkler fuhr in ihrem roten 5er BMW am Mercedes-Werk in Sindelfingen vor und versuchte den dort versammelten 1500 Mitarbeitern aus der Entwicklung mal eben das Weltbild zurechtzurücken. Ein reservierter Parkplatz für den Dienstwagen könne doch wohl nicht der Gipfel des Glücks sein. Die Provokation gefiel. Auf so eine energische Querdenkerin hatte man offenbar gerade gewartet.
Gewaltiger Adrenalinstoß
Mercedes galt damals als behäbig und ziemlich großkotzig, nachdem die S-Klasse so bullig ausgefallen war, dass es in Parkhäusern regelmäßig Probleme gab. „Wie bringen wir Sie nur zur richtigen Marke?“, fragte der heutige Konzernchef Dieter Zetsche, der damals Entwicklungschef von Mercedes war, die quirlige Rednerin vor versammelter Mannschaft. „Alles ist Verhandlungssache“, antwortete Annette Winkler – eine Steilvorlage für die Gespräche, die sie anschließend mit dem damaligen Mercedes-Chef Helmut Werner führte. Dieser bot ihr bald an, Mercedes-Sprecherin zu werden. „Mir war gar nicht wirklich klar, um was es geht“, sagt Annette Winkler und wirkt heute noch perplex.
Der Adrenalinstoß war jedenfalls so gewaltig, dass sie alles in Frage stellte. Obwohl sie erst 36 Jahre alt war, hatte sie schon als Unternehmerin reüssiert. Die Wiesbadener A. Winkler Sohn GmbH & Co. KG, ein Bauunternehmen, das seit dem Jahr 1824 im Besitz der Familie war, hatte unter ihrer Ägide den Umsatz innerhalb eines Jahrzehnts von 4 auf 60 Millionen Euro gesteigert, und auch mit ihrer Art der Unternehmensführung hatte Annette Winkler Aufsehen erregt: Sie legte Zahlen offen und Entscheidungen. Auf die Vorteile eines kooperativen Führungsstils war sie schon während ihrer Lehre als Industriekauffrau gestoßen, und im BWL-Studium hatte sie sich auch mit dem theoretischen Überbau befasst. Jetzt machte sie Furore damit, reiste mit ihren Erkenntnissen durchs Land, hielt Vorlesungen und Vorträge.
Im Büro von 7 Uhr bis Mitternacht
Allerdings war sie nicht gefasst auf osteuropäische Subunternehmer, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Billiglöhnen plötzlich in den Markt drängten: „Wir hatten deutsche Arbeitsverträge. Da sind wir in die Knie gegangen wie viele andere Mittelständler auch“, erinnert sie sich. Als Mercedes rief, unterstützte sie die übrigen Geschäftsführer aus der Ferne, unterzeichnete sogar noch Bürgschaften. „Ich habe mich nicht aus dem Staub gemacht“, betont sie, „die Herausforderung bei Mercedes: Das war so eine einzigartige Chance, in einer Phase, da ich meine Begeisterung für Kommunikation entdeckt hatte.“
Mit Talent allein war es nicht getan. Morgens um 7 Uhr saß sie in ihrem Büro in Untertürkheim und um Mitternacht saß sie immer noch da. „Ich verstehe jeden, der sich an den Kopf gefasst hat“, sagt Winkler über die Skepsis im Haus und unter den Journalisten. „Vielleicht ist es auch eine Stärke, so etwas nicht an sich heranzulassen. Das ist mir schon auf dem Bau so gegangen. Vermutlich gab es da Gerede, wenn ich bei meinen Baustellenbesuchen manchmal auch Kostüm und hohe Schuhe getragen habe. Aber ich habe das nicht wahrgenommen.“
Ihre Karriere schien zu Ende
Als 1997 im Zuge des von Jürgen Schrempp angestoßenen Konzernumbaus Mercedes auf Daimler verschmolzen wurde, schien Winklers wunderliche Karriere schon zu Ende. In der neuen Struktur gab es keinen Platz für sie. Dass sie in den eineinhalb Jahren noch kein Mercedes-Gewächs geworden war, zeigte sich schon daran, dass Annette Winkler das im Konzern peinlich genau beachtete Hierarchiegefüge nicht vor Augen hatte, als man ihr eine Ersatzstelle anbot – als Leiterin der Mercedes-Niederlassung Braunschweig. Eine Hierachieebene tiefer. Und Braunschweig. Das liegt, von Untertürkheim aus betrachtet, kurz vor Sibirien.
Aber Annette Winkler verband positive Erlebnisse mit Braunschweig: Dort war sie einige Jahre zuvor zur Bundesvorsitzenden der Wirtschaftsjunioren gewählt worden. Und so griff sie beherzt zu. In der ersten Woche verkaufte sie die erste Lastwagen-Flotte. Sie lehrte die Konkurrenz in der damals von MAN dominierten Region das Fürchten – und wurde bald belohnt mit dem Angebot, die Dependance von Daimler-Chrysler in Belgien zu leiten. Flämisch und Französisch standen dann auf dem Stundenplan. Und so ganz nebenbei hat sie in sechs Jahren Belgien noch eines gelernt: „Man kann auch zum Ziel kommen, ohne den teutonischen Dickkopf durchzusetzen.“
Mit dem Rennrad auf den Mont Ventoux
Einen Dickschädel hat die zierliche Hessin, doch die Durchsetzungskraft kommt in Gestalt einer mitreißenden Begeisterungsfähigkeit daher. Damit überzeugte Winkler wohl dereinst schon den Vater, als sie sich, frisch promoviert, als seine Nachfolgerin an der Firmenspitze ins Gespräch brachte. Ein Gutteil ihrer Begeisterung beruht auf Unbekümmertheit. „Ich habe ein Bild mit einem Ziel vor Augen. Darauf steuere ich zu, ohne groß über die Hindernisse auf dem Weg dahin nachzudenken. Ich hab auch nicht drüber nachgedacht, als ich 1993 das erste Mal mit dem Rennrad den Mont Ventoux in Angriff genommen habe. Wer Ziele erreichen will, muss durchhalten können.“
In ihrer Begeisterung beschreibt Annette Winkler Bilder, statt Ziele in Zahlen zu zwängen. „Wie muss sich das anfühlen, in eine Mercedes-Niederlassung zu kommen?“, fragt sie zum Beispiel und ahmt als abschreckendes Beispiel gleich den aalglatte aber blutleeren Autoverkäufer nach, den sie lieber nicht erleben möchte. Die Botschaft kommt an, und das Ergebnis ist am Ende doch messbar. Als Winkler im Jahr 2006 die Verantwortung für das weltweite Händlernetz von Mercedes übernahm, lag die Nobelmarke aus Stuttgart in aller Welt auf den hintersten Rangplätzen, wenn nach der Kundenzufriedenheit gefragt wurde. Im vergangenen Jahr, als sie zu Smart wechselte, war Mercedes in den Rankings dort, wo die Marke nach ihrem Verständnis hingehört: ganz oben.
„Smart hat jetzt wieder ein Gesicht“
Vielleicht hätte sie, ausgestattet mit diesen Erfolgsnachweisen, die erste Frau im Daimler-Vorstand werden können. Doch jetzt ist sie erst einmal Smart-Chefin. „Jetzt schlafe ich noch weniger als ohnehin schon, unter der Woche vielleicht fünf, sechs Stunden, auch mal weniger“, berichtet sie – und wirkt zufrieden dabei. Sie hat ihre Mission gefunden. „Smart hat jetzt wieder ein Gesicht“, resümiert sie nach den ersten Monaten an der Spitze. Zielsicher hat sie dafür gesorgt, dass beim Thema Smart Emotionen ins Spiel kommen, nachdem die Marke jahrelang das Synonym für ein Milliardengrab war. Alle Händler hat sie in diesem Frühjahr zusammengetrommelt, und zwar in Rom: „Da gibt es einen Smart auf 42 Einwohner. Da hat man einen richtigen Ruck gespürt.“ Winkler weiß genau, sie muss die Händler bei Laune halten, denn mehr als einen in die Jahre gekommenen Zweisitzer gibt es derzeit nicht zu verkaufen.
Das soll sich aber bald ändern. Ein „E-Bike“ ist in der Planung, nächstes Jahr kommt auch der Elektro-Smart in Großserie, und die ganz großen Stückzahlen, auf die ein gemeinsames Modell mit Renault hoffen lässt, könnten mehr als ein Traum zu sein. Mit ein bisschen Marketing und Motivation allein wird es nicht getan sein, das weiß Annette Winkler ganz genau: „Wir wollen noch ganz viel säen“, sagt sie. „Und ich will beim Ernten dabei sein.“
Annette Winkler wird 1959 in Wiesbaden geboren. Während der Schulzeit will sie Pianistin werden, absolviert dann aber eine Ausbildung zur Industriekauffrau sowie einige Praktika.
Mit 27 Jahren übernimmt sie vom Vater die Geschäftsführung des Bauunternehmens der Familie.
Eine Zäsur ist der Wechsel in den Daimler-Konzern, wo sie mit 36 Jahren als Pressesprecherin startet. Seit September 2010 hat sie die Verantwortung für den Kleinwagen Smart.
Annette Winkler ist verheiratet. Sie lebt in Stuttgart und am Bodensee.
..na also...es geht doch mit den Frauen...
Michael Meier (never1)
- 11.07.2011, 15:15 Uhr
Ich weiß wirklich nicht
Michael Arndt (Mikel1962)
- 11.07.2011, 15:58 Uhr
Es werden regelmäßig Portraits von
Anja Müller (anna08)
- 12.07.2011, 08:13 Uhr
