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Annette Winkler : Die Frau vom Bau

Annette Winkler Bild: Rainer Wohlfahrt

Erst Unternehmerin, dann Pressesprecherin: Für Annette Winkler war das ein Aufstieg. Jetzt will sie dem Kleinwagen Smart zu neuem Glanz verhelfen.

          Sie hat sich nicht einfach aus dem Staub gemacht. Der extreme Bruch in ihrem Lebenslauf könnte das vermuten lassen: Annette Winkler leitet das traditionsreiche Bauunternehmen ihrer Familie, wird dafür als Unternehmerin des Jahres gefeiert, und dann das – sie wechselt als Pressechefin zu Mercedes, und ein halbes Jahr später ist das eigene Bauunternehmen pleite. Der Bruch ist umso erstaunlicher, als nichts die damals 36 Jahre alte Annette Winkler für den Posten im Daimler-Konzern zu qualifizieren scheint: Sie hat keine Ahnung von Autos und keine Ahnung von Pressearbeit.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Heute, mit 51 Jahren, ist Annette Winkler Smart-Chefin. Sie soll aus dem kleinen Stadtflitzer ein erfolgreiches Geschäft für Daimler machen. Das gibt Arbeit für Jahre, ist sich Annette Winkler sicher, und sie sagt: „Ich habe meinen Traumjob gefunden.“ Den Weg zu diesem Traumjob in Gedanken nachzugehen, macht ihr erkennbar Spaß. Annette Winkler sprüht vor Begeisterung, erzählt dieses und jenes Detail und hätte erkennbar Lust, noch so manche Anekdote auszugraben, vor allem aber das Video. Irgendwo muss es noch zu finden sein in den Archiven, ihr erster Auftritt im Hause Mercedes-Benz. Ein Vortrag. Annette Winkler fuhr in ihrem roten 5er BMW am Mercedes-Werk in Sindelfingen vor und versuchte den dort versammelten 1500 Mitarbeitern aus der Entwicklung mal eben das Weltbild zurechtzurücken. Ein reservierter Parkplatz für den Dienstwagen könne doch wohl nicht der Gipfel des Glücks sein. Die Provokation gefiel. Auf so eine energische Querdenkerin hatte man offenbar gerade gewartet.

          Gewaltiger Adrenalinstoß

          Mercedes galt damals als behäbig und ziemlich großkotzig, nachdem die S-Klasse so bullig ausgefallen war, dass es in Parkhäusern regelmäßig Probleme gab. „Wie bringen wir Sie nur zur richtigen Marke?“, fragte der heutige Konzernchef Dieter Zetsche, der damals Entwicklungschef von Mercedes war, die quirlige Rednerin vor versammelter Mannschaft. „Alles ist Verhandlungssache“, antwortete Annette Winkler – eine Steilvorlage für die Gespräche, die sie anschließend mit dem damaligen Mercedes-Chef Helmut Werner führte. Dieser bot ihr bald an, Mercedes-Sprecherin zu werden. „Mir war gar nicht wirklich klar, um was es geht“, sagt Annette Winkler und wirkt heute noch perplex.

          Der Adrenalinstoß war jedenfalls so gewaltig, dass sie alles in Frage stellte. Obwohl sie erst 36 Jahre alt war, hatte sie schon als Unternehmerin reüssiert. Die Wiesbadener A. Winkler Sohn GmbH & Co. KG, ein Bauunternehmen, das seit dem Jahr 1824 im Besitz der Familie war, hatte unter ihrer Ägide den Umsatz innerhalb eines Jahrzehnts von 4 auf 60 Millionen Euro gesteigert, und auch mit ihrer Art der Unternehmensführung hatte Annette Winkler Aufsehen erregt: Sie legte Zahlen offen und Entscheidungen. Auf die Vorteile eines kooperativen Führungsstils war sie schon während ihrer Lehre als Industriekauffrau gestoßen, und im BWL-Studium hatte sie sich auch mit dem theoretischen Überbau befasst. Jetzt machte sie Furore damit, reiste mit ihren Erkenntnissen durchs Land, hielt Vorlesungen und Vorträge.

          Im Büro von 7 Uhr bis Mitternacht

          Allerdings war sie nicht gefasst auf osteuropäische Subunternehmer, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Billiglöhnen plötzlich in den Markt drängten: „Wir hatten deutsche Arbeitsverträge. Da sind wir in die Knie gegangen wie viele andere Mittelständler auch“, erinnert sie sich. Als Mercedes rief, unterstützte sie die übrigen Geschäftsführer aus der Ferne, unterzeichnete sogar noch Bürgschaften. „Ich habe mich nicht aus dem Staub gemacht“, betont sie, „die Herausforderung bei Mercedes: Das war so eine einzigartige Chance, in einer Phase, da ich meine Begeisterung für Kommunikation entdeckt hatte.“

          Mit Talent allein war es nicht getan. Morgens um 7 Uhr saß sie in ihrem Büro in Untertürkheim und um Mitternacht saß sie immer noch da. „Ich verstehe jeden, der sich an den Kopf gefasst hat“, sagt Winkler über die Skepsis im Haus und unter den Journalisten. „Vielleicht ist es auch eine Stärke, so etwas nicht an sich heranzulassen. Das ist mir schon auf dem Bau so gegangen. Vermutlich gab es da Gerede, wenn ich bei meinen Baustellenbesuchen manchmal auch Kostüm und hohe Schuhe getragen habe. Aber ich habe das nicht wahrgenommen.“

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