05.01.2012 · Sie überlegte lange, ob eine Tenniskarriere das Richtige für sie ist. Heute zählt Andrea Petkovic zu den zehn besten Spielerinnen der Welt.
Von Thomas KlemmAndrea Petkovic jagt nicht nur den gelben Filzbällen immerzu hinterher, sondern auch ihren Einfällen. Ein Gedanke nach dem anderen schießt der derzeit besten deutschen Tennisspielerin in den Kopf, hält sich dort eine Weile, dann kommt ihr prompt ein neues Vorhaben in den Sinn. Mal ist es die Politik, für die sich die Darmstädterin begeistert, mal ist es der Journalismus. Eine Zeitlang hat sie launige Kolumnen geschrieben, etwa für diese Zeitung. Zwischendurch hat sie ein wenig Spanisch gelernt, dazu etwas Schlagzeug. Zuletzt stand sie für einen Abend als Discjockey hinter dem Mischpult und präsentierte der hessischen Jugend ihre Lieblingsmusik. Seit sie im Internet einen Video-Blog namens „Petkorazzi“ führt, in dem sie ihren Fans auf oft überdrehte Weise vom Leben eines Tennisprofis berichtet, hat sie ein Faible fürs Filmemachen entdeckt. „Schwankend“ sei sie, sagt Andrea Petkovic, „ich habe tausend Ideen im Kopf. Seit ich denken kann, ist Tennis die einzige feste Konstante in meinem Leben.“
Um im Tennis zu reüssieren, erst recht Woche für Woche auf professioneller Ebene, ist allzu viel Denken allerdings wenig hilfreich. Schlimmer noch: Nichts ist gefährlicher, als wenn ein Spieler in den Pausen zwischen den Ballwechseln Entscheidungen hin und her wendet. Andrea Petkovic, die eine intelligente junge Frau ist, auf dem Gymnasium die elfte Klasse übersprang und das Abitur mit der Note 1,2 bestand, hat lange gegen den Ruf kämpfen müssen, sich auf dem Platz allzu viele Gedanken zu machen - und sich damit selbst im Weg zu stehen.
Erst im vergangenen Tennisjahr, das die Darmstädterin als erste deutsche Spielerin seit Steffi Graf 1998 unter den Top Ten der Damen-Weltrangliste beendete, war sie im Kampf gegen ihren Kopf erfolgreich. Sie spielte konstant auf höchstem Niveau und behielt auch nach vereinzelten Rückschlägen die Nerven. Bei drei der vier wichtigsten Grand-Slam-Wettbewerbe erreichte sie das Viertelfinale, feierte ihren zweiten Turniersieg auf der Profitour und verpasste die Teilnahme am Jahresabschlussturnier der acht besten Damen der Welt nur um Haaresbreite. Die Zweifler, die der aktuellen Weltranglistenzehnten den großen Durchbruch nicht zugetraut hatten, sind nun ruhiggestellt. „Meine Karriere hat sich stetig entwickelt, und ich hoffe, dass ich dieses Tempo beibehalten kann“, sagt die Vierundzwanzigjährige. „Ich bin jetzt schon sehr taff, aber kann noch ein paar Prozent herausholen.“
Das Selbstbewusstsein, das sie nach ihrem Erfolgsjahr 2011 ausstrahlt, hat Andrea Petkovic zu Beginn ihrer Karriere völlig gefehlt: Es mangelte ihr an Turnierpraxis und an Erfolgen. Anders als die Konkurrenz, zumal jener aus dem Osten Europas, setzte sie nicht früh auf eine Tenniskarriere, sondern tastete sich langsam ans Profigeschäft heran. Die Hochschulreife war ihr - und vor allem ihren Eltern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen - zunächst wichtiger als Fortschritte im Sport. Während andere Teenager den ganzen Tag von ihrem Tennistrainer getriezt wurden, begann die Darmstädterin erst nach Schulschluss um 17 Uhr mit ihren Übungseinheiten. Turniere konnte sie nur in den Ferien spielen, dabei verlor sie oft gegen Gegnerinnen, die sie eigentlich hätte schlagen müssen. Nachdem Andrea Petkovic die größten Zweifel an ihrem Talent überwunden hatte und 2007 endlich den Einstieg ins Profigeschäft wagte, setzte sie sich ein Ultimatum: Binnen zwei Jahren wollte sie unter die besten fünfzig der Welt, ansonsten würde sie sich einem anderen ihrer vielen Vorhaben verschreiben. „Ich wollte nicht im Durchschnitt versinken“, sagt die Darmstädterin.
Der Zweijahresplan wurde bald hinfällig. Anfang 2008, als sie sich schon auf Weltranglistenplatz 92 emporgearbeitet hatte, riss ihr bei den Australian Open das Kreuzband im rechten Knie. Die achtmonatige Verletzungspause nutzte Andrea Petkovic nicht nur, um in der Hessischen Staatskanzlei ein Praktikum zu absolvieren und ein Studium der Politikwissenschaften zu beginnen. Sie gewann auch eine neue Einstellung zu ihrem Beruf: Schluss mit dem Schnupperkurs, volle Kraft voraus! „Die Erfahrung mit dem Kreuzbandriss hilft mir, jeden Moment mehr zu genießen und dankbar zu sein. Die Anspannung als Top-Ten-Spielerin ist zwar doppelt so groß wie früher, aber ich habe auch doppelt so viel Spaß. Der heiße Atem der Konkurrenz im Nacken treibt mich an, mich weiter zu verbessern.“
Andere Spitzenspielerinnen auf der Profitour mögen talentierter sein, ein besseres Händchen haben - Andrea Petkovic dagegen kann mit ihrer enormen Willenskraft wuchern. Nachlassen gilt nicht bei der Deutschen, weder auf großer Tennisbühne noch bei den Krafteinheiten, die sie im Verborgenen mit größerer Hingabe absolviert als die meisten Konkurrentinnen. Andrea Petkovic gilt als eine der fittesten Spielerinnen im Profizirkus. Um das zu beweisen, hätte es nicht das Foto gebraucht, das sie vorigen Sommer über Twitter verbreitete: Im Top steht sie auf dem Trainingsplatz und präsentiert ihre beeindruckende Bauchmuskulatur.
Ein Bild ihres „Sixpacks“ zu verschicken, das gehört aber zum Selbstverständnis der Deutschen. Als professionelle Tennisspielerin, so ihr Credo, sei sie zugleich eine Entertainerin. Nicht nur in den sozialen Netzwerken weiß Andrea Petkovic Aufmerksamkeit beim Publikum zu erregen, auch in den Tennisstadien dieser Welt zieht sie eine kleine Show ab. Mal feiert sie Siege mit ihrem so zappeligen wie zackigen „Petko-Dance“, mal präsentiert sie eine Schrittfolge, die an den „Moonwalk“ des verstorbenen Michael Jackson erinnert. Mit ihren Auftritten will sie auch eine Beziehung zu den Zuschauern aufbauen: „Man vereinsamt sehr schnell auf der Tennistour. Man ist komplett mit sich selbst beschäftigt und denkt, die ganze Welt dreht sich um sich.“
Zugleich hat Andrea Petkovic in den vergangenen Monaten lernen müssen, sich auch mal zurückzunehmen. War sie früher für alles und jeden zu haben, ob am Telefon, am Mikrofon oder einfach aus Jux und Tollerei, so hat sie ihre öffentlichen Termine auf ein Minimum reduziert, seit sie zur prominenten Sportsfrau wurde und ihre Leistungen unter dem Rummel vorübergehend litten. „Ich war im vergangenen Frühjahr an mein Limit gekommen, deswegen liefen einige Turniere nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Um sich darauf konzentrieren zu können, ihre Position im Tennis zu halten oder zu verbessern, lässt sich Andrea Petkovic seit kurzem von einer stattlichen Mitarbeiterschar abschirmen: Neben dem fürs Sportliche zuständigen Trainerstab und den mitmischenden Familienmitgliedern Vater, Mutter, Schwester helfen ihr ein Managementberater, ein Pressesprecher und ein Mentaltrainer.
Bei ausgewählten Auftritten wie zuletzt beim Jahresrückblick „Menschen 2011“ oder bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“, als sie auf Platz zwei landete, zeigte sie sich zwar gewohnt extrovertiert. Sonst hat sie sich zurückgezogen, meidet selbst Restaurants und Bars: „Ich spüre, dass ich unter Beobachtung stehe, möchte aber lieber für mich sein. Aber der Preis des Erfolgs ist gerechtfertigt, weil ich das machen kann, was ich will: Tennis spielen.“
Andrea Petkovic zahlt noch einen anderen Preis: In ihrem Politikwissenschaft-Studium kommt sie nicht voran. Zwar büffelt sie jeden Tag für etwa eine Stunde, doch weil sich wichtige Tennisturniere im Frühjahr und Spätsommer mit den Klausurterminen überschneiden, hat sie seit anderthalb Jahren keine Arbeit mehr geschrieben. Ob sie das Studium irgendwann zu Ende bringen wird? Andrea Petkovic zuckt mit den Achseln.
Erst einmal will sie noch ein paar Jährchen durch die Tenniswelt tingeln, dann will sie ernten, was sie während ihrer Sportkarriere gesät hat: „Ich arbeite ein bisschen vor, weil ich nicht irgendwann in ein Loch fallen möchte.“ Vielleicht wird sie später also filmen, schreiben, musizieren oder politisieren. Oder ihrem Kopf entspringt bis dahin eine ganz neue Idee. Es wäre der Gedanke Nummer tausendundeins.
Andrea Petkovic wird 1987 im bosnischen Tuzla geboren. Sechs Monate später kommt sie mit ihren Eltern nach Darmstadt. Auf dem Gymnasium überspringt sie die elfte Klasse, macht ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,2.
Im Alter von sechs Jahren beginnt sie mit dem Tennisspielen, Vater Zoran ist ihr Trainer.
Nach dem Abitur startet sie 2007 eine Profilaufbahn. 2008 wirft eine Verletzung sie zurück. Seit ihrem Comeback hat sie sich auf Platz zehn der Weltrangliste vorgearbeitet.
Neben der Sportkarriere studiert sie Politikwissenschaften an der Fernuniversität Hagen.
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