Es bedarf vieler Fähnchen, um auf einer Weltkarte den Weg von Alina Kessel nachzuzeichnen. Das erste würde in Charkow stecken, einer Industriestadt in der Ukraine, in der Kessel vor 44 Jahren geboren wurde. Von dort aus ginge es weiter nach New York, dann nach Boston, von dort in einem großen Bogen nach Sydney, wieder zurück nach New York, dann ein Sprung über den Atlantik nach Deutschland, Düsseldorf, um genau zu sein, weiter nach London und von dort schließlich nach Berlin – in die Hauptstadt der Kreativen.
Dort sitzt Kessel nun in ihrem nagelneuen Büro in einem loftartigen Altbau. Neue Schönhauser Straße, mehr Mitte geht nicht. Seit Anfang Dezember ist die zierliche Frau mit den braunen Haaren und dem Pagenschnitt Chefin der Werbeagentur DDB Tribal, die für Kunden wie Volkswagen und Henkel arbeitet. Sie ist eine der wenigen Frauen, die es in diesem Metier in eine Führungsposition geschafft haben. Ein zweites Gesicht neben Karen Heumann, der Frau im Vorstand der Hamburger Kreativschmiede Jung von Matt, der einzigen Vorzeigefrau der Branche, bislang.
Keine typische Werberin
Alina Kessel ist keine typische Werberin. Keine, die ausgeflippte Ideen hat, keine, die gesteigerten Wert auf die Partys legt, für die diese Branche bekannt ist. Sie sei immer sehr gut in Mathe gewesen. „Russische Schule“, sagt Kessel. „Ich bin selbst nicht kreativ genug, um Grafiker oder Texter zu sein. Aber ich liebe es, mit kreativen Menschen zusammenzuarbeiten.“ Deshalb hat es sie in die Werbung gezogen. Und vielleicht hat sie es auch gerade deshalb so weit nach oben geschafft.
Alina Kessel ist zehn Jahre alt, als die Familie aufbricht. Raus aus der damaligen Sowjetunion, rein in ein besseres Leben. „Es war eine Zeit, in der viele Leute emigriert sind. Wir waren Teil einer Welle“, erzählt Kessel. Spannend sei das gewesen, niemand habe wissen dürfen, was sie vorhatten. „Die Bilder von all den Menschen und Koffern am Bahnhof, die werde ich nie vergessen. Das war wie in einem Film.“ Drei Monate dauert die Reise, sie führt über Italien und Österreich nach New York.
Von ihren Wurzeln ist heute nicht mehr viel zu spüren. Wer mit Alina Kessel spricht, fühlt sich einer Amerikanerin gegenüber. Auch wenn sie während ihrer Zeit in Düsseldorf Deutsch gelernt hat: Je länger sie erzählt, desto mehr fällt sie ins Englische, erst sind es nur einzelne Wörter, dann ganze Sätze. „Englisch ist business und family language“, sagt sie entschuldigend. Deutsch braucht sie allenfalls zum Einkaufen. Und in Berlin selbst das nicht. Auf den Bürgersteigen in Mitte wird mehr Englisch als Deutsch gesprochen. Und auch die Ladenbesitzer haben sich angewöhnt, ihre Schaufenster auf Englisch zu beschriften.
Nach dem Abschluss packt sie das Fernweh
„Ich wollte immer Wirtschaft studieren, etwas mit Marketing machen, ich weiß nicht warum.“ Kessel geht dafür nach Boston. Nach dem Abschluss packt sie das Fernweh. Sie zieht nach Australien, arbeitet in der Marketingabteilung eines Betonwerks. Diesen Job habe sie nur angenommen, weil er in Sydney gewesen sei. Eine prägende Erfahrung: „Ich war die einzige Frau, die keine Sekretärin war.“ Lustig sei das gewesen, „one of the best years in my life.“ Doch ihr Bruder redet ihr ins Gewissen, bittet sie, zurückzukommen, zurück zur Familie, zurück nach New York. Kessel folgt. Sie hat die Wahl zwischen dem Angebot einer Investmentbank und dem der Werbeagentur Ogilvy & Mather. Die Bank bietet die Hälfte mehr Gehalt. Kessel entscheidet sich für Ogilvy, wird dort Kundenberaterin. Ihr Vater ist entsetzt. Doch Alina Kessel ist bis heute davon überzeugt, dass die Werbung der beste Platz für sie ist. „Man muss nicht die Agentur verlassen, um einen neuen Job zu bekommen. Jeder Kunde, jedes Projekt ist anders.“
Im Jahr 1992 macht sie es dann doch, sie verlässt die Agentur, verlässt auch New York. Aus Liebe. Im Skiurlaub hat sie einen Mann kennengelernt, ihren Mann, ein Niederländer, der in Düsseldorf eine Zahnarztpraxis betreibt. Deutschland also. Die Weltenbummlerin zieht weiter. „Ich bin kein impulsiver Mensch“, sagt Kessel. „Aber wenn sich etwas richtig anfühlt, dann mache ich das einfach, ohne lange darüber nachzudenken.“
„In Amerika ist es völlig normal, Familie zu haben und zu arbeiten“
Ihr Mann hätte es am liebsten gesehen, wenn sie Hausfrau geworden wäre. Aber sie will arbeiten. In der Werbeagentur Grey betreut sie den Kunden Procter & Gamble, eine internationale Aufgabe, ihre rudimentären Deutschkenntnisse sind da kein Hindernis, eher im Gegenteil. Der damalige Agenturchef Bernd Michael fördert Kessel nach Kräften. Noch heute strahlen ihre Augen, wenn sie von ihm und dieser Zeit erzählt. Er sei ein ausgesprochen positiver Mensch. „Streng, aber sehr menschlich und sehr motivierend. A real gentleman.“ Von ihm habe sie gelernt, Marken zu führen und Ideen zu präsentieren. Mehr als zehn Jahre bleibt Kessel am Ende bei Grey in Düsseldorf, arbeitet sich hoch, die letzten drei Jahre führt sie die Agentur.
Dass das etwas Besonderes ist, merkt sie erst, als sie ständig gefragt wird, wie sie – eine Frau – es geschafft habe, Karriere in der Werbung zu machen. Noch dazu als zweifache Mutter. Kessel hat nie darüber nachgedacht. „In Amerika ist es völlig normal, Familie zu haben und zu arbeiten. Ich kenne es nicht anders.“ Sie pausiert nach jeder Geburt nur ein paar Monate, dann übernimmt ein Kindermädchen und sie sitzt wieder in der Agentur. Das Angebot, von zu Hause aus zu arbeiten, schlägt sie aus. „That’s not my thing.“
Im Jahr 2008 wechselt sie dann in die Zentrale nach London, steuert von dort aus die gesamte Kommunikation für die Marke „Pringles“ und damit alle Teams innerhalb der Agenturgruppe, die irgendwo auf der Welt Werbung für die Chips von Procter & Gamble machen. In der Branche ist man sich nicht einig, wie dieser Schritt zu werten ist. Ein Warteschleife für höhere Aufgaben? Oder ein Abschiebeposten? Beides ist denkbar. Kessel selbst sagt das, was sie immer sagt, wenn sie einen Wechsel erklärt: dass die Aufgabe sehr reizvoll gewesen sei.
Der Abschied vom Modell der alten Werbeagentur
So auch jetzt. „Ich hatte nicht unbedingt vor, nach Deutschland zurück zu kommen. Niemand aus der Familie hat hier Wurzeln.“ Doch das Angebot der Konkurrenz, von DDB Tribal, habe sie gereizt. Eine integrierte Agentur soll sie aufbauen, wie das im Werberdeutsch heißt, eine, in der es keine Gartenzäune mehr gibt zwischen klassischer Werbung und Internet. Eine, in der Ideen entstehen und keine 30-Sekunder fürs Fernsehen. Es ist der Abschied vom Modell der alten Werbeagentur. Es ist eine Aufgabe, die zu Alina Kessel passt.
Wenn man sie nach ihrem größten beruflichen Erfolg fragt, dann nennt Kessel keine besondere Kampagne und auch nicht den Gewinn eines besonders lukrativen Werbeetats. Sie spricht davon, wie sie in London eine Kultur geschaffen habe. Eine, in der Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern und Disziplinen zusammenarbeiteten. Das Wort „culture“ fällt oft, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Ein „people portfolio“ managen. Bei DDB Tribal sind es 500 Mitarbeiter. Es lief nicht rund zuletzt, viele gute Leute sind gegangen. Jetzt schaut die ganze Branche zu, ob es Kessel gelingt, die Agentur wieder nach vorne zu bringen. Wer mit alten Weggefährten von Kessel spricht, hört Lobeshymnen auf ihr Organisationstalent, aber auch Zweifel, ob sie in Deutschland gut genug vernetzt ist.
„Ich kann einfach nicht zu Hause sitzen“
„Meine Familie ist sehr beweglich“, sagt Kessel zu dem neuerlichen Umzug. Einige Kollegen aus London hätten sie beneidet. „London hat die beste Zeit hinter sich. Was passiert, das passiert in Berlin.“ In gewisser Weise ist es für Kessel sogar eine Rückkehr. Sie war schon einmal in Berlin, ein Praktikum während des Studiums, bei der Studentenorganisation AIESEC. Im selben Gebäude in der Ackerstraße, in dem sie damals arbeitete, befindet sich heute die internationale Schule, in die bald ihre Söhne, 10 und 14 Jahre alt, gehen. Sie habe das anfangs gar nicht gemerkt. „Damals stand ja noch die Mauer, alles sah ganz anders aus.“
Und wo steckt das nächste Fähnchen in der Kessel’schen Weltkarte? „Wenn man älter wird, wechselt man nicht mehr so einfach ins Ausland“, sagt sie. „Man wird träger.“ Etwas anderes als Werbung zu machen, kann sich Alina Kessel nicht vorstellen. Auch wenn sie jetzt schon zwanzig Jahre in diesem Job arbeitet. Auch wenn viele Mitarbeiter der Agentur halb so alt sind wie sie. Früher habe sie mal davon geträumt, ein Haus am Meer zu haben, ein Haus mit einem Turm. Im Turmzimmer ein leerer Schreibtisch, eine schöne Aussicht, der perfekte Ort, um ein Buch zu schreiben. „Aber das wird nicht passieren“, sagt Kessel. „Ich brauche Menschen um mich herum. Ich kann einfach nicht zu Hause sitzen.“
Zur Person
Alina Kessel wird 1966 in der Ukraine geboren. Als sie zehn Jahre alt ist, wandert die Familie nach Amerika aus.
Sie studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität Boston und arbeitet später in einem Betonwerk in Australien.
1994 beginnt sie als Kundenberaterin in der Werbeagentur Grey in Düsseldorf, im Jahr 2005 leitet sie die Agentur.
Seit Dezember vergangenen Jahres führt sie den Konkurrenten DDB Tribal in Berlin. Kessel ist verheiratet und hat zwei Söhne.
