War es ein Käse- oder war es ein Wurstbrötchen, das die wohl wichtigste Wende in der Karriere von Alain Caparros brachte? Der eine meint so, der andere so. Kolportiert wird jedenfalls, dass an jenem Morgen im Herbst 2003 ein von einer Sekretärin in den Verhandlungsraum getragenes Brötchen Hans Reischl, den damaligen Chef der Kölner Rewe-Gruppe, aus einem temporären Tiefschlaf holte. Alain Caparros, damals noch Geschäftsführer der Schweizer Bon-Appétit-Gruppe, mühte sich während dieser Szene gerade ab, das marode Handelsunternehmen an die Kölner Genossen zu verscherbeln. Offenbar hatte seine Präsentation aber stark einschläfernde Wirkung. Caparros wähnte sich schon auf verlorenem Posten.
Der damals mächtige Rewe-Chef war seine letzte Chance, die Mehrheit an der schweizerischen Großhandelskette loszuwerden. Caparros hatte schon alle großen Handelskonzerne Europas abgeklappert, ohne Erfolg. Auch der damalige Metro-Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Körber hatte abgewinkt, ihm aber den Tipp gegeben, sich an Reischl zu wenden. „Der sucht nach Optionen, und der hat viele Freiheiten“, klingt ihm Körbers Ratschlag noch im Ohr. Rewe sagte dem Franzosen damals nicht sonderlich viel. Auch ahnte er nicht, wie ausgeschlafen sein Kölner Verhandlungspartner tatsächlich war. Dieser wollte das Geschäft - nach dem Weckruf mit dem Brötchen - nämlich nur unter der Bedingung machen, dass Caparros gleich mit zu Rewe wechselte.
Einst wollte er Pfarrer werden
Sehr viele Zufälle, sehr viele Begegnungen mit beeindruckenden Unternehmerpersönlichkeiten haben seine Karriere bestimmt, blickt der heute 56 Jahre alte Caparros zurück. Er sei nicht immer unbedingt der Beste gewesen, kokettiert er. Aber an vielen wichtigen Wendepunkten hat ihm geholfen, dass er ganz gut Deutsch spricht, wenn auch mit unüberhörbarem französischen Klang. In erster Ehe war er mit einer Deutschen verheiratet, und im deutschen Sprachraum hat sich der seit einigen Jahren mit seiner zweiten Frau und seinem jüngsten Sohn in Düsseldorf lebende Manager immer wohlgefühlt.
Geboren wurde Caparros allerdings an einer ganz anderen Ecke der Welt, und zwar im Westen des seinerzeit noch zu Frankreich gehörenden Algerien. Sein Urgroßvater war dorthin ausgewandert, sein Vater dort selbständiger Mühlenbetreiber. Wie alle „Pieds noirs“ muss seine Familie 1962 das Land verlassen. Sie zieht ins lothringische Pont-à-Mousson. Sohn Alain besucht ein von Jesuiten geführtes Internat, was vorübergehend den Berufswunsch Pfarrer in ihm weckt und heute noch seinen dialektischen Diskussionsstil prägt. Es folgt ein Studium der Betriebswirtschaft in Metz und Saarbrücken. Als Student gründet er gemeinsam mit Freunden ein kleines Unternehmen. Schon als Jugendlicher will er möglichst unabhängig und selbständig sein. Die Region ist in jenen Jahren noch vom Bergbau geprägt, viele Schichtarbeiter wollen ihr eigenes Häuschen bauen. Baumärkte gibt es noch nicht. So beschaffen Alain & Co alles an Material, was zum Bau benötigt wird. Das Geschäft ist sehr einträglich, aber dennoch fällt die Entscheidung fürs Weiterstudieren und gegen das Jungunternehmertum.
Erste berufliche Station von Caparros ist die von dem gleichnamigen Unternehmer gegründete Kosmetik-Kette Yves Rocher, für die er dank seiner Sprachkenntnisse bald für den deutschsprachigen Raum zuständig ist. Der Gründer wird auf ihn aufmerksam und macht ihn zu seiner rechten Hand in Paris. Es entwickelt sich fast so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung.
Caparros ist nun ständig im Einsatz, um die Kette kundenorientierter zu machen. Eine Woche Urlaub muss reichen, Familie und Beruf sind kaum noch zu vereinbaren. Caparros verdient zwar viel Geld. Aber der eigenwillige Manager zieht die Notbremse - und geht zu Aldi-Nord, wo er als Generaldirektor die Aktivitäten in Frankreich leitet. Auch dort helfen ihm die deutschen Sprachkenntnisse. Heute behauptet er, einer der ersten Manager gewesen zu sein, die Aldi aus eigenen Stücken verlassen haben. „In dem straffen Konzept konnte ich mich nicht entfalten. Und wenn ich mich nicht entfalten kann, werde ich schlechter“, erläutert er seinen Abgang nach sechs Jahren Zugehörigkeit.
Bei Aldi straffe Prozesse kennengelernt
Aber die Zeit bei dem deutschen Discount-Pionier ist für ihn eine immens wichtige Schule für den weiteren Karriereweg: Früher habe er keine Protokolle gelesen, habe keinen Wochenplan gehabt, sei nie pünktlich gewesen. Bei Aldi hat er gelernt, was straffe Prozesse und eine straffe Organisation bewirken können. Er verinnerlicht Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin. Heute beschreibt er sich als sehr penibel. Einen Chef wie ihn wolle er persönlich nicht haben. Er sagt es augenzwinkernd, aber so ganz weiß man es nie bei ihm.
Die nächste Adresse heißt Aldis Service plus. Die Namensähnlichkeit ist rein zufällig. Gesellschafter dieses Gastronomielieferanten sind die Schweizerische Bon Appétit Group und der Metro-Konzern. Dort trifft er auf den einflussreichen Metro-Manager Erwin Conradi, den er heute als seinen Mentor bezeichnet. Dessen Mischung aus Genie und knallhartem, manchmal zynischem Realismus imponieren ihm. Conradi, Theo Albrecht und Rocher, das sind die drei Männer, die ihn im Berufsleben am meisten geprägt haben. Am meisten imponiert hat ihm aber Anita Roddick, die früh verstorbene Gründerin der Kosmetik-Kette The Body Shop. Sie ist sein Vorbild.
Impulsiv und unkonventionell
Wo ein Kampf ist, da ist er immer vorne. Der leicht untersetzte Genussmensch mit dem dunklen Haar und dem meist sonnengebräunten Teint ist nicht der Typ, der bei Problemen die Deckung sucht. Erst im vergangenen Jahr schmiss er den Aufsichtsratsvorsitz bei Karstadt, weil er zum Thema Corporate Governance eine andere Meinung vertritt als Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen. Nur den Namen herzugeben, aber nichts bewirken zu können, das war nicht sein Ding.
Seine impulsive, unkonventionelle, auch provozierende Art mögen manche irritieren. Andere nennen seinen Stil aber „kollegial zielorientiert“. Zweifelsohne hilft, dass ein kerniges Wort milder klingt, wenn es durch einen sympathischen französischen Akzent weichgezeichnet wird. Er sei nun mal nicht bequem. „Aber man lässt einem Franzosen mehr durchgehen als einem Deutschen“, weiß er um den in der neuen Heimat gewährten Bonus. Ohne seine Kämpfernatur hätte er es bei Rewe gar nicht erst an die Spitze gebracht.
„Es war wie in einer Waschmaschine“
Als er 2003 - noch unter der Ägide Reischls - an den Rhein wechselte, konnte er nicht ahnen, welche Zukunft ihn dort erwartete: ein Tollhaus, eine Schlangengrube. Dem vorzeitigen Abgang von Reischl folgte ein kurzes Interregnum des später wegen Betrugs verurteilten Senkrechtstarters Ernst Dieter Berninghaus. Das sodann installierte „Dreigestirn“ aus drei gleichberechtigten Vorständen blieb auch nur kurz. Gegen den darauf folgenden Ex-Debitel-Manager Achim Egner zettelten der inzwischen in den Vorstand aufgestiegene Caparros und weitere Führungskräfte eine Palastrevolution an. Aus Angst, Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler werde nun endgültig gegen die Wand gefahren. „Es war wie in einer Waschmaschine. Man kommt erst raus, wenn das Waschprogramm beendet ist“, blickt er auf die turbulenten Zeiten zwischen 2004 und 2006 zurück. Dass eine so urdeutsche Veranstaltung wie die genossenschaftliche Rewe-Gruppe ausgerechnet ihm die Chance gegeben hat, den Neuanfang zu gestalten, weiß er noch heute sehr zu schätzen. „Gepackt habe ich es aber nur, weil gute Leute an meiner Seite mitgekämpft haben.“
Eigentlich will er gar nichts mehr über diese Phase (“ein Krimi“) rund um seinen im Herbst 2006 erfolgten Aufstieg an die Rewe-Spitze hören. Den im Frühsommer 2007 folgenden Versuch des Finanzinvestors KKR, die Handelsgruppe zu übernehmen und zu zerschlagen, konnte er erfolgreich abwehren. Die aus dieser neuerlichen Bewährungsprobe mündende „Travemünder Deklaration“, in der sich die Genossen zu ihrer unternehmerischen Selbständigkeit bekannten, habe das „Wir-Gefühl“ so richtig gestärkt, ist der Rewe-Chef heute überzeugt.
Eine Karriere wie die seine wäre in Frankreich nicht möglich, meint er. Dagegen steht allein schon die Cliquenwirtschaft unter den Absolventen der einschlägigen Eliteschulen und -universitäten. Mit der französischen Politik und der Mentalität seiner Landsleute geht er hart ins Gericht. Auch wehrt er sich standhaft dagegen, sich von der Légion d’honneur dekorieren zu lassen. Gleichwohl will er, wenn für ihn mit 60 Jahren im Tagesgeschäft Schluss sein soll, einen großen Teil seiner Zeit in Frankreich verbringen - auf einem Weingut in der Provence.
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... einer guten Nachricht.
Die Zeit vergesse ich ...
... sehr oft.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... muss früh aufstehen.
Erfolge feiere ich ...
... nie.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... auf Profilneurotiker zu treffen.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... Karriere machen.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... Karriere machen.
Geld macht mich ...
... beruhigt.
Rat suche ich ...
... in meinem engsten Umfeld und ganz woanders - nah und fern.
Familie und Beruf sind ...
... eine Kunst.
Den Kindern rate ich, ...
... macht, was euch Spaß macht.
Mein Weg führt mich ...
... vielleicht zum Ziel.
Zur Person
- Alain Caparros wird am 17. September 1956 in Algerien geboren. Nach der Übersiedlung der Familie nach Frankreich wächst er in der Nähe von Metz auf. Dort studiert er auch Betriebswirtschaft.
- Während seiner Karriere pendelt er stets zwischen Frankreich und Deutschland. 2004 rückt er in die Unternehmensleitung der Kölner Rewe-Gruppe auf.
- Der Kunstliebhaber hat zwei erwachsene Söhne aus erster und einen jüngeren Sohn aus zweiter Ehe. Er liebt Skilaufen und Hochseesegeln. Zeit mit Frau und Sohn verbringt er beim Golfen.
Multi-Kulti
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Hervorragendes Management eines Außenseiters
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