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Veröffentlicht: 04.03.2017, 07:33 Uhr

Kolumne „Mein Urteil“ Muss ich zum Personalgespräch, wenn ich krank bin?

Krank ist krank - und bedeutet, dass Arbeitnehmer nicht zur Arbeit kommen können. Aber gilt das wirklich immer? Was ist, wenn der Chef zum Personalgespräch lädt?

von Marcel Grobys
© dpa Wer krank ist, darf in aller Regel zu Hause bleiben. Schließlich kann der Chef anrufen oder eine E-Mail schicken.
 
Krank ist krank, oder? Müssen kranke Arbeitnehmer doch kommen, wenn der Chef ein Personalgespräch will?

Wer krank ist, muss nicht arbeiten. Das wird mit der ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung belegt. Arbeitnehmer müssen während einer Erkrankung auch keine Eilaufträge oder Notarbeiten erledigen. Für die Organisation des Betriebs ist insoweit allein der Arbeitgeber verantwortlich. Wie aber sieht es aus, wenn der Chef einen kranken Mitarbeiter zur Teilnahme an einem Personalgespräch auffordert? In diesem Fall kommt es auf den konkreten Anlass des Gesprächs an; das entschied das Bundesarbeitsgericht in einem aktuellen Urteil (10 AZR 596/15).

23323359 © Privat Vergrößern Marcel Grobys ist Inhaber einer Kanzlei für Arbeitsrecht in München.

Im Streitfall lud der Arbeitgeber einen arbeitsunfähigen Mitarbeiter zu einem persönlichen Gespräch ein, weil die Tätigkeit des Mitarbeiters in der Verwaltung des Krankenhauses befristet war und sie während der Arbeitsunfähigkeit auslaufen sollte. Als der Mitarbeiter nicht erschien, erteilt ihm das Klinikum eine Abmahnung. Dagegen klagte der Betroffene vor Gericht. Zu Recht, stellte das BAG fest. Während der Erkrankung bestehe zwar kein generelles Kontaktverbot zu dem erkrankten Mitarbeiter. Der Arbeitgeber dürfe sein Direktionsrecht in dieser Zeit aber nur eingeschränkt ausüben.

Lieber anrufen oder eine E-Mail schicken

Im Hinblick auf eine mögliche Beeinträchtigung des Genesungsprozesses müssen sich etwaige Weisungen auf dringende betriebliche Anlässe beschränken und sich bezüglich der Art und Weise sowie der Häufigkeit der Inanspruchnahme am wohlverstandenen Interesse des Arbeitnehmers orientieren. Außerdem darf ein Aufschub der Kontaktaufnahme nicht möglich sein. Nach diesen Grundsätzen kann das Unternehmen einen kranken Mitarbeiter etwa kontaktieren, um dringend benötigte Informationen zu erlangen, über die nur der Betroffene verfügt oder um den Arbeitnehmer über aktuelle Veränderungen seines Arbeitsplatzes zu informieren.

Davon zu unterscheiden ist die Frage, ob für den beabsichtigten Informationsaustausch eine Anwesenheit des Mitarbeiters im Betrieb erforderlich ist. Das ist nach Auffassung des BAG nur dann der Fall, wenn eine Kommunikation über Telefon oder E-Mail nicht sinnvoll oder aufgrund der Besonderheiten des konkreten Falls ausgeschlossen ist. Nach diesen Grundsätzen bestand im Streitfall keine Pflicht des erkrankten Mitarbeiters, zu dem anberaumten Personalgespräch im Krankenhaus zu erscheinen.

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Nach Meinung des Gerichts hatte der Arbeitgeber schon nicht dargelegt, warum das Gespräch über den möglichen weiteren Einsatz nicht nach der Genesung stattfinden konnte. Zudem wäre die Klinik verpflichtet gewesen, die Sache telefonisch oder schriftlich zu klären. Die Entscheidung macht deutlich, dass die Anordnung eines Personalgesprächs während einer Krankheit nur in Ausnahmefällen zulässig ist.

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