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Kolumne „Mein Urteil“ Ertüchtigung der Bildungsverlierer

13.07.2010 ·  Immer mehr Menschen sind zu doof, um zu arbeiten. Es fehlt an allem: an einer alphabetisierenden Grundqualifikation. Manche können nicht einmal hinreichend mündlich kommunizieren. Das betrifft keineswegs nur Migranten.

Von Volker Rieble
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Immer mehr Menschen sind zu doof, um zu arbeiten. Es fehlt an allem: an einer alphabetisierenden Grundqualifikation. Manche können nicht einmal hinreichend mündlich kommunizieren. Das betrifft keineswegs nur Migranten. Es fehlt an den Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Und es fehlen berufliche Qualifikationen. Anders gewendet: Gar nicht so wenige sind nur als Transferleistungsempfänger „qualifiziert“. Ob man darin ein kollektives Verdummen sehen mag, ist eine Stilfrage. Die Wahrheit indes ist konkret. Das ist ein Problem gerade des Arbeitsmarktes: Wir haben nicht nur zu viele Unqualifizierte (die das Hochlohnland nicht braucht), sondern auch zu wenige Qualifizierte.

Der Fachkräftemangel mag durch die im Mai 2011 einsetzende Freizügigkeit für die Arbeitnehmer Osteuropas gemildert werden. Mittelfristig steht Deutschland aber vor einer zusätzlichen Standortbelastung - und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Betriebe wegen Fachkräftemangel aufgeben oder abwandern. Das schränkt die Leistungskraft der Wirtschaft ein, von der der Sozialstaat lebt.

Bildungspolitiker reden, Tarifparteien könnten handeln

Was ist zu tun? Bildungspolitiker reden. Zu wenig über die Eigenverantwortung der Bildungsfernen. Arbeitsmarktakteure dagegen können handeln. Es ist in Erinnerung zu rufen, dass die IG Metall und Volkswagen mit ihrem Projekt 5000 x 5000 ein revolutionäres Bildungsprojekt erprobt haben: Abseits jeder bildungsrechtlichen Regulierung haben sie Arbeitslose in einem Anlernprozess „on the job“ zur Fachkraft für Automobilbau qualifiziert und damit ein Ausbildungsprogramm geschaffen, maßgeschneidert für die Bedürfnisse gerade dieses Arbeitgebers.

Insofern könnten Tarifparteien prüfen, ob sie Vergleichbares auf Branchenebene schaffen können. Für beide Seiten wäre dies ein Gewinn. Und womöglich ein Einstieg in Qualifizierungsoffensiven, die auch die berufliche Weiterbildung erreichen. Allerdings: Von der Eigenverantwortung wird den Arbeitnehmer niemand entbinden können. Und nur wenn Eigenverantwortung spürbar ist, ist der Qualifizierungsanreiz hinreichend stark. Das haben Qualifizierungstarifverträge bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Wer nicht sprechen, lesen, schreiben und rechnen kann, dem ist so nicht zu helfen, sondern nur mit einer Koppelung von Transferleistungen mit Schulpflicht - auch für Erwachsene.

Volker Rieble lehrt Arbeitsrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Quelle: F.A.Z.
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