12.09.2005 · „Fighting for Fitness“ in der Führungsetage? Beim White Collar Boxing trainieren Manager ihr Ego für den Alltagskampf im Sitzungssaal. Der Sport dient als Mittel zur Selbsterfahrung.
Von Henrike RoßbachBoxen - das ist Hinterhof. Das sind Farbschichten, die von Betonwänden abblättern, an denen verblichene Poster ebenso verblichener Boxer hängen.
Das ist der muffige Geruch selten gelüfteter Umkleidekabinen. Das sind Kampf, Blut, Adrenalin und Schweiß. Boxen, das ist etwas für die Unterschicht, für jene, die sich nach oben kämpfen müssen. So war es jedenfalls einmal. Irgendwann aber wollten die Satten, die Etablierten auch etwas Aufregung.
Banker, Anwälte, Berater sehnten sich nach ein bißchen Roheit in ihrem Leben, danach, Konflikte archaisch austragen zu dürfen. Schon immer hatten sie mit wohligem Grusel bei Boxkämpfen zugesehen, gewettet, gefiebert. Nun wollten sie selbst in den Ring. Ein blaues Auge, das hat schließlich nicht jeder.
Die Klasse der White Collar Worker, der Hemdenträger und Büroarbeiter, entdeckte das Boxen Mitte der achtziger Jahre. Es begann im New Yorker Stadtteil Brooklyn, in Gleason's Gym, dem ältesten Boxclub der Vereinigten Straßen. Dort standen sich 1988, so steht es in den Annalen des Clubs, David Lawrence, Doktor der englischen Literatur, und Richard Novak, Anwalt, im Ring gegenüber. Kollegen und Freunde sahen zu, wie die beiden sich schlugen. Der Kampf endete unentschieden, alle gingen anschließend zusammen essen, und das White Collar Boxen war geboren.
Alltagskampf im Sitzungssaal
Die WallStreet-Krieger ziehen noch immer über die Brooklyn Bridge. Seit 17 Jahren inszeniert Gleason's Gym monatliche White Collar- Kämpfe. Längst ist die Welle in alle Welt geschwappt. In London etwa hat „The Real Fight Club“ mehr als 600 aktive Mitglieder. Die Kämpfer tragen gepolsterte Handschuhe und Kopfschutz. Und: Am Ende gibt es keinen Verlierer. Man prügelt sich nicht bis zum Nasenbeinbruch - schließlich müssen alle am nächsten Tag ins Büro. Der Verein organisiert White Collar Box Events vor 1000 Zuschauern, gerne in Fünf-Sterne-Hotels. Mehrere Millionen Pfund an Spenden sind bisher zusammengekommen.
Peter Wulf wollte etwas von diesem Fightclub-Gefühl nach Deutschland holen. Der Hamburger Anwalt war früher - er würde „ganz früher“ sagen - Profiboxer: „Ich kenne das Geschäft.“ Sein altes und sein neues Leben in einer Geschäftsidee zu verschmelzen, das erschien ihm ungeheuer interessant. „Boxen fordert Disziplin“, sagt er und zählt auf, was Manager vom Boxen lernen können: „Auf die Lippe bekommen, aber nicht aufgeben, Rücksicht nehmen, Zielstrebigkeit, an körperliche Grenzen gehen.“ Boxen als Metapher für den Alltagskampf im Sitzungssaal, als Urform aller Konflikte.
Wulf schwebte ein Box- und Management Camp vor. Unter Anleitung und überwacht von Medizinern, sollten Manager ein Wochenende lang trainieren. Zusammen mit einem Partner gründete er die Boxing & Business GbR, hauptberuflich blieb er Anwalt. Allein: Er warb bei Unternehmen für seine Idee, „es gab aber kaum Rücklauf“. Das erste Camp mußten die Macher mangels Anmeldungen absagen.
Sport als Selbsterfahrung
Nun aber bastelt Wulf an der Wiedergeburt von „Fighting for Fitness“. Mitte November sollen fitte wie unfitte Manager - „natürlich niemand mit sieben Bypässen“ - in der Hamburger Sportschule Sachsenwald in den Ring steigen. Trotz 1100 Euro Gebühr: Sterne-Hotel ist nicht, statt dessen warten Zwei- und Dreibettzimmer. „Das müssen die erleben“, sagt Wulf.
Trainer des Profiboxstalls Universum werden mit den Selbsterfahrungshungrigen arbeiten. Das Programm atmet Armee-Atmosphäre. 21.30 Uhr Bettruhe. 7 Uhr wecken. 7.15 bis 8 Uhr Lockerungslauf. 8 Uhr bis 8.30 Uhr duschen. Boxtechnik, Grundschläge, Bewegungsabläufe. Seilspringen, Zirkeltraining, Schattenboxen. Duschen, Massage, essen. Am dritten Tag: Sparring im Ring.
So manches Managementtraining mutet bizarr an. Bergsteigen, Zen-Meditation, Höhlenklettern, das gibt es alles schon, auch Wüstentouren, Segeltörns, Schlittenhunderennen oder Einkehr im Kloster. Nun also Boxen. Der Sport könne für Entscheider eine Selbsterfahrung sein, glaubt Wulf.
Er hofft, daß deutsche Manager bald ähnlich viel Geschmack daran finden wie ihre amerikanischen und englischen Kollegen. Adrian King, Promoter des Londoner Real Fight Clubs, wollte schon mehrmals deutsche Topmanager für Kämpfe gegen englische Topmanager gewinnen, bisher noch mit bescheidenem Erfolg. Aber auch, wenn White Collar Boxen in Deutschland noch nicht so groß ist wie auf der Insel, Wulf ist sicher, „das wird einschlagen“.
„Jeder boxt so, wie er psychisch gestrickt ist“
Schon jetzt boxen Weißkragenträger in einigen deutschen Städten, zum Beispiel in der Boxfabrik München oder im SC Colonia 1906 in Köln. In Frankfurt hat Kai Hoffmann, Doktor der Psychoanalyse und der Philosophie, dem Managerboxen sogar einen transzendenten Überbau verpaßt. 1996 gründete er seine Praxis für Managementberatung: Konflikttraining, Motivationstraining - und Boxcoaching. Hoffmann, Jahrgang 1958, boxt, seit er 18 ist, davor war es Judo. Nachts stand er auf, um Muhammad Ali zu sehen, und er hat einen Händedruck, dem man den Faustkampf sofort glaubt. „Jeder boxt so, wie er psychisch gestrickt ist“, sagt Hoffmann.
Die Boxsituation sei eine sehr emotionale, seine Klienten müßten spontan reagieren, könnten nicht lügen und keine Rollen spielen. Ein Coaching-Teilnehmer begriff plötzlich, daß er ein Verteidiger ist - aber nie angreift, im Ring wie im Job. Ein anderer, ein Banker, schlug einfach drauf los, nahm Hoffmann gar nicht wahr, stellte sich nicht auf dessen Schläge ein. Ähnlich ging er mit seinen Mitarbeitern um, machte am liebsten alles platt. Heute versucht er, besser auf Kollegen einzugehen. "Das kommt über das Boxen heraus", sagt Hoffmann.
„Therapeutischer Knockout“
Aus der Banken- und Versicherungsbranche kommen sie zu ihm, aus der Chemie, dem Verlags- oder Bauwesen, oft aus eigenem Antrieb, manchmal vom Unternehmen entsandt. Dreimal treffen sich die Beratungswilligen mit Hoffmann zum Gespräch, zweimal steigen sie mit ihm in den Ring. Eine Stunde lang bringt er ihnen im Seishin-Kampfsportclub in Neu-Isenburg das Wichtigste bei: Schlagtechnik, Schritttechnik, Verteidigung. Am Sandsack lernen sie, richtig zuzuschlagen. Und dann geht es zum Sparring mit Herrn Hoffmann in den Ring.
Fahrer und Sekretärinnen sind die Kämpfer normalerweise gewohnt. Dann aber stehen sie da, mit Hemd und Höschen und sonst nichts, dem Gegner gegenüber. Ein blaues Auge ist da schon mal drin. Aus therapeutischen Gründen - „Nun schlagen Sie doch mal richtig zu, Herr Hoffmann“ - hat der Coach auch schon einen Kunden qua K. o. auf die Bretter geschickt.
Der war hinterher sogar dankbar. Weil die endgültigste aller Niederlagen gar nicht so schlimm war, fürchtete er sich fortan weniger vor beruflichen Tiefschlägen. „Die Werte des Boxens überschneiden sich mit Werten, die für Manager wichtig sind“, sagt Hoffmann und nennt, die Boxerwerte, die so wertvoll sind in den Chefetagen: „Durchsetzungsvermögen, Mut, Selbstvertrauen, Entschlossenheit, Disziplin, Siegeswillen, zu sich stehen, präzise sein.“
„Habe ich ihm jetzt weh getan?“
Rüdiger Liebe hat es ausprobiert. Der Unternehmensberater, 42 Jahre alt, stieg mit Hoffmann in den Ring, „um Körper und Geist zusammenzuführen, in einen neuen Erfahrungshorizont“. Er wollte lernen, in Konfliktsituationen mental stark zu sein, die Nerven zu behalten, ruhig zu bleiben, sich wieder der Argumente zu erinnern, nicht nervös zu werden.
„Boxen hat etwas damit zu tun, mit dem Handschuh eine ins Gesicht zu kriegen und auch ins Gesicht des Gegners zu schlagen“, sagt Liebe. Als er in seiner Faust spürte, daß er getroffen hatte, da war sein erster Reflex: „Habe ich ihm jetzt weh getan? Muß ich ihm ein Handtuch reichen?“ Heute, nach dem Ringerlebnis, weiß er aber: „Das macht im Management-Meeting auch keiner. Da liegst du am Boden, und die anderen argumentieren weiter.“