Mamphela Ramphele reibt sich heute noch triumphierend die Hände, wenn sie an den Tag vor 35 Jahren zurückdenkt, an dem sie eigentlich zutiefst gedemütigt und mundtot gemacht werden sollte. Die junge schwarze Südafrikanerin wurde damals in die Verbannung geschickt. In die Stadt Tzaneen, fernab der Heimat, ohne Freunde, dafür unter Dauerbeobachtung der Polizei. Sie hatte niemanden umgebracht oder verletzt. Sie hatte sich dagegen aufgelehnt, ihrer Rechte und Chancen im Leben beraubt zu sein - allein wegen ihrer Hautfarbe. Das reichte im damaligen Südafrika, um als Terroristin zu gelten.
Die Polizisten stürmten in ihr Haus, erinnert sie sich. „Sie warfen mich auf die Ladefläche eines Lastwagens, gaben mir noch nicht einmal Zeit, meine Sachen zu packen. Meine Güte, war ich wütend.“ Angekommen in dem Ort Tzaneen, stellte Ramphele fest, dass die Beamten ihren Namen falsch buchstabiert hatten. Auch die Ausweisnummer war falsch. „Mein Anwalt und ich waren uns einig, dass ich demnach nicht verbannt war.“ Mit Hilfe eines Pastors gelang die Flucht. Als die Behörden einen zweiten Versuch unternahmen - diesmal mit den richtigen Angaben -, kam sie ihnen zuvor. Sie fuhr selbst in den Ort, feierte vor den Augen der Polizei ein Fest und gab am Ende feierlich ihre Rückkehr bekannt. „Sie müssen sich so dumm vorgekommen sein. Es war köstlich“, erinnert sie sich mit einem ansteckenden Lachen. „Diese Leute waren Bullies, und Bullies muss man herausfordern. Das hat Spaß gemacht.“
Umgeben von Bodyguards
Ramphele ist heute 65 Jahre alt. Eine zierliche ältere Dame in einem eleganten beigen Seidenkostüm mit makellos manikürten Fingernägeln. Sie hat in einen nüchternen Bürokomplex am Fuße des imposanten Tafelbergmassivs nahe der Kapstädter Universität (UCT) gebeten. Dort hat sich die von ihr gegründete Organisation „Citizens’ Movement for Social Change“ (Bürgerbewegung für gesellschaftlichen Wandel) eingemietet. Rampheles Büro ist winzig, ein großer Blumenstrauß prangt auf dem Schreibtisch.
Zwei Bodyguards hatten zuvor am Eingang jeden Besucher argwöhnisch beäugt. Die Chefin ist schließlich eine der bekanntesten Intellektuellen in Südafrika, eine moralische Autorität und ein permanentes Ärgernis für die Mächtigen. Einst gehörte sie zu den Begründern der „Black Consciousness“- Bewegung um den Widerstandskämpfer Steve Biko, der 1977 nach Folterungen im Gefängnis starb und bis heute in Südafrika als Held verehrt wird. Heute haben Schwarze und Weiße zwar gleiche politische Rechte. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben aber haben sich für den Großteil der Bevölkerung nicht erfüllt. Ramphele begehrt daher wieder auf. Und diesmal richtet sich ihr Protest gegen die eigenen einstigen Genossen, die jetzt an den Hebeln der Macht sitzen.
Unten bleibt unten
„Der Bürger spielt immer noch keine Rolle in unserem Land. Wir haben eine wachsende schwarze Elite, aber die Leute unten bleiben unten, weil sich an den Voraussetzungen für eine ungleiche Gesellschaft nichts geändert hat“, wettert sie. Ihre Augen blitzen, ihre Tonlage klettert in schrille Höhen. Ramphele ist bekannt dafür, Klartext zu sprechen. Sie scheut sich nicht, Staatspräsident Jacob Zuma, der sich eine Privatresidenz für 25 Millionen Euro bauen lässt, als korrupt anzuprangern und seiner Regierung vorzuwerfen, in die Spuren des gehassten Apartheidregimes zu treten. Das erfordert Mut, noch dazu von einer Einzelkämpferin.
Es habe eine Zeit gegeben, in der sie Angst gehabt habe, erzählt sie. Das war am Anfang, als sie sich in Biko verliebt und seiner Bewegung angeschlossen hatte. „Wir hatten vor dem Unbekannten Angst, keiner wusste, wie man auf uns reagieren würde. Aber je mehr wir die Brutalität des Systems zu spüren bekamen, umso furchtloser wurden wir. Ich persönlich verlor jegliche Angst, als sie anfingen, meine Freunde zu töten.“ Der Tod Bikos, von dem sie zu diesem Zeitpunkt ein Kind erwartete, sei das Schlimmste gewesen, was ihr im Leben widerfahren sei. Alles andere habe sich im Vergleich dazu relativiert: die eigene Gefängnishaft, die Verbannung, die systematischen Einschüchterungen. „Ich wusste in diesem Moment, dass mich niemand mehr aufhalten konnte, denn es ging nicht mehr nur um meinen kleinen Beitrag. Es ging darum, diejenigen zu ehren, die ihr Leben geopfert hatten.“
Ärztin und Aktivistin
Ohne den Partner an der Seite, hochschwanger und verbannt, machte sie sich an die Arbeit. In einem Hinterzimmer, das ihr die Kirche überlassen hatte, begann die junge Ärztin und Aktivistin eine Praxis für die arme Bevölkerung aufzubauen. Dabei wurden ihr alle erdenklichen Hürden in den Weg gestellt. Für jeden Arztbesuch außerhalb des Banngebiets musste sie eine Erlaubnis von den Behörden einholen. Eigentlich durfte sie nicht einen Patienten mit seiner Familie konsultieren, denn ihr war verboten, mit mehr als einer Person zu sprechen. Trotzdem wuchs ihre Praxis rasant, schon nach fünf Jahren betreute sie eine Gemeinschaft von fast 50000 Menschen. Aus der Armenklinik war ein Gemeindezentrum mit Bücherei, Kindergarten, Gemüsegarten und Projekten zur Selbsthilfe geworden. „Ich wollte als Arzt nicht nur Medikamente verschreiben, sondern auch an den Gründen für den schlechten Gesundheitszustand der Menschen etwas ändern. Der politische Aktivismus und die Arbeit als Ärztin gingen immer Hand in Hand.“
Nach den ersten demokratischen Wahlen hätte sie sich eigentlich am Ziel sehen können. Als Rektorin der Universität von Kapstadt und später als Direktorin der Weltbank versuchte sie, die Weichen für eine „Regenbogennation“ zu stellen, als die sich Südafrika gerne bezeichnet. Der anfängliche Jubel über den Wandel aber dauerte nicht lange. „Als klarwurde, dass der Afrikanische Nationalkongress (ANC) die politische Führung fest in der Hand halten und keinen Rat von außen zulassen wollte, wusste ich, dass wir auf schwierige Zeiten zusteuerten. Es gibt in der Geschichte kein einziges Beispiel von einer Freiheitsbewegung, die sich erfolgreich in eine Regierungspartei in einem demokratischen Staat gewandelt hat.“ Sie weigert sich daher bis heute, dem ANC beizutreten. Auch gewählt hat sie die Partei nur einmal, 1994, als Mandela kandidierte.
Machtmissbrauch und Korruption
Heute ist die Frustration der Südafrikaner über Armut auf der einen und Machtmissbrauch, Korruption und Vetternwirtschaft auf der anderen Seite groß, wie sich jüngst in den Streiks in den Bergwerken gezeigt hat. Trotzdem finden sich viele schulterzuckend mit den Gegebenheiten ab. Das ärgert Ramphele. Schon als kleines Mädchen habe sie viele Fragen gestellt, habe nicht verstanden, weshalb ihr Vater nicht die gleichen Rechte gehabt habe wie der weiße Pastor am Ort. „Ich stamme aus zwei sehr progressiven Familien, in denen Bildung immer eine wichtige Rolle gespielt hat“, erklärt sie und malt einen imaginären Stammbaum in die Luft. „Meine Urgroßeltern waren einfache Bauern, konnten weder schreiben noch lesen, aber sie kannten die Bedeutung von Bildung und schickten ihre Kinder auf kirchliche Schulen.“
Auch sie wurde von ihren Eltern zu Höchstleistungen angetrieben, in einer Zeit, in der sich Schwarze mit einer Minimalausbildung zufriedengeben mussten. Die Eltern und vor allem die Mutter waren es auch, die der kleinen Mamphela einbleuten, sich nicht unterkriegen zu lassen - weder wegen ihrer Hautfarbe noch wegen ihres Geschlechts. „Meine Mutter hatte ein enormes Selbstbewusstsein. Sie war schön, intelligent und supereffizient. Sie war Lehrerin, Ehefrau, Mutter, Chorsängerin und ein aktives Gemeindemitglied. Von ihr lernte ich, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen.“
Müde, aber noch nicht zu müde
Der angedeutete Stammbaum verspricht noch viele Anekdoten, aber die Sekretärin streckt den Kopf zur Tür herein und erinnert an den nächsten Termin. Ramphele hat in ihrem Leben so viele Erfolge und Enttäuschungen erlebt, dass man es ihr nicht übelnehmen würde, sich zur Ruhe zu setzen. Bei einem solchen Vorschlag lacht sie erst einmal wieder ausgiebig, bevor sie sich von ihrem Stuhl erhebt. „Ich bin müde, aber ich kann nicht aufgeben. Dieses Land ist für Großes bestimmt. Jetzt geht es darum, die nächste Generation zu mobilisieren, ihre Rechte als Bürger wahrzunehmen und das System zu ändern, damit endlich die Interessen aller Südafrikaner berücksichtigt werden. Es gibt noch so viel zu tun.“
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... Frühstück im Bett mit einer Zeitung, neben mir ein Radio und vor mir der Fernseher.
Die Zeit vergesse ich, ...
... wenn ich mit meinem Enkel spiele. Er ist dreieinhalb Jahre alt.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... der muss dafür sorgen, dass er sich an dieselben ethischen Werte hält, ob es sich um persönliche, berufliche oder politische Entscheidungen handelt.
Erfolge feiere ich ...
... mit meiner Familie und mit Freunden.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn Leute andere mobben,keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen und mittelmäßig sind.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... meine eigene Chefin sein.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... so katastrophale Heiratsentscheidungen treffen. Ich habe zweimal geheiratet und habe mich zweimal scheiden lassen.
Geld macht mich ...
... - Geld ist ein Mittel, um sich die Dinge im Leben zu leisten, die einem wichtig sind.
Rat suche ich ...
... bei meinem Pastor und meinem ältesten Sohn.
Familie und Beruf sind ...
...schwer zu trennen.
Den Kindern rate ich, ...
... gib immer dein Bestes und triff Entscheidungen basierend auf deinen eigenen Werten, nicht auf denen der Masse.
Mein Weg führt mich ...
... in den Ruhestand - irgendwann einmal.
Zur Person
- Mamphela Ramphele wird 1947 in Südafrika als eines von sieben Geschwistern geboren.
- Während ihres Medizinstudiums lernt sie den Widerstandskämpfer Steve Biko kennen und schließt sich dessen Studentenrevolte an. Später macht sie auch einen Doktor in Sozialanthropologie.
- Nach der Wahl Nelson Mandelas zum Staatspräsidenten wird sie Rektorin der Universität Kapstadt, danach Direktorin der Weltbank.
- Heute lebt sie als Geschäftsfrau in Kapstadt, sitzt in mehreren Aufsichtsräten und gehört zu den schärfsten Kritikern der Regierung.
