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Leyla Piedayesh Miss Multitasking

 ·  Ihre Berufung hat sie erst spät gefunden. Über den Umweg BWL, aber schließlich umso schneller wurde Leyla Piedayesh zu einer der erfolgreichsten Modedesignerinnen Deutschlands.

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Die Stimme ist weg. Vier Wochen lang war sie „hardcore-krank“. Seit ein paar Monaten leidet sie zudem unter Gluten-Unverträglichkeit. Gestern hat sie sich auch noch den Magen verdorben. Und der Stress! „Das hier“, krächzt sie und zeigt in ihr Atelier im Berliner Bezirk Mitte, „das wird ja alles immer größer!“

Leyla Piedayesh klingt bemitleidenswert. Man muss sie dennoch beneiden. Denn die Vierzigjährige ist in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten deutschen Modemacherinnen geworden. Aus dem Nichts hat sie „Lala Berlin“ aufgebaut. Freuen kann sie sich darüber heute nicht so richtig. Um den Hals zu schonen, haucht sie nur ins Aufnahmegerät. Auch Tee soll helfen. Nach einer halben Stunde kommt die Assistentin mit dem nächsten Glas. „Haste mir Honig reingetan? Ja? Danke!“

„Uns ging’s eigentlich gut“

Da hat Lala, wie ihre Freunde sie nennen, schon erzählt von ihrem Leben in Teheran, wo sie 1970 geboren wurde. Der Vater war Gas- und Öl-Ingenieur, die Familie gehörte zum iranischen Mittelstand, die Mutter war eine modische Frau. Die kleine Leyla trug in Kindergarten und Schule Uniform, da musste man sich keine Gedanken um die richtige Kleidung machen. „Uns ging’s eigentlich gut.“ Bis zur Islamischen Revolution, die 1979 über das Land hereinbrach. „Ich habe noch gesehen, wie die Läden brannten, in denen Alkohol verkauft wurde.“ Die Mutter flüchtete mit ihren beiden Kindern. Der Vater blieb noch ein Jahr. Dann floh auch er nach Deutschland, zu seiner Familie.

Die Neunjährige bekam von den dramatischen Umständen nicht viel mit - oder sie hat es erfolgreich verdrängt. Für die Eltern, vor allem den Vater, der in Deutschland nicht richtig Fuß fassen konnte, war es ein biographischer Bruch. „Pipelines braucht man hier leider nicht so viele“, sagt Leyla Piedayesh lakonisch. Zum Glück hatten sie Verbindungen: Ihre Großeltern mütterlicherseits - der Großvater war einst ein großer Teppichhändler in Teheran - lebten schon lange in Deutschland. „So kamen wir nach Wiesbaden. Und für alte Leute und Kinder ist es da ja sehr schön.“

„Ich habe eben mein Herz auf der Zunge“

Leyla musste erst einmal Deutsch lernen. Die Lehrer gaben ihr keine Empfehlung fürs Gymnasium. Die Mutter aber setzte sich durch. In der Oranienschule musste Leyla zwar die sechste Klasse wiederholen. Dann hatte sie aber keine Probleme mehr: „Ich habe weder Mega-Noten mit nach Hause gebracht, noch habe ich total abgeloost.“ Immerhin, das zeigen solche Sätze, hat sie sich als Jugendliche eine originelle Sprache zugelegt: „Ich habe eben mein Herz auf der Zunge.“ Und noch etwas ist aus ihrer Schulzeit geblieben: „Ich war schon damals eine Multitaskerin, habe dauernd gequatscht, aber mit einem Ohr zugehört. Und wenn mich die Lehrer fragten, wusste ich immer die Antwort.“ Den Lehrern muss das ziemlich auf den Geist gegangen sein.

Als Vierzehnjährige wäre sie gerne Schauspielerin geworden. „Aber meine Eltern hätten das nicht lustig gefunden.“ Als Tochter von Einwanderern hatte sie wohl besonders aufstiegswillig zu sein. Vielleicht projizierte ihr Vater auch mangels eigener Aussichten Karrierewünsche auf seine Kinder. „Ich musste jedenfalls mit ihm kämpfen, dass ich in die Foto- statt in die Informatik-AG gehen durfte.“ Diesen Wunsch konnte sie noch durchsetzen. Richtig rebelliert aber hat sie damals nicht. Nach dem Abitur studierte sie an der International Business School in Bad Homburg, ganz im Sinne ihres Vaters.

Leyla Piedayesh kann auch mit Zahlen umgehen

Es hilft ihr bis heute. Denn so überschießend ihre Phantasie, so gut ihr Blick für die Mode - Leyla Piedayesh kann auch mit Zahlen umgehen. Und das wird wichtiger. Denn aus dem kleinen Label, 2005 gegründet, ist eine richtige Marke geworden. Zuerst arbeitete sie in Berlin noch zu Hause. Dann zog sie in die Mulackstraße, wo sie im Januar 2006 ihren Laden eröffnete. Und nun hat sie ihr Atelier in einer Hinterhof-Etage in der Anklamer Straße, wo es auch schon zu eng wird. Rund 20 feste Mitarbeiter, viele Praktikanten, Hochbetrieb: Die Frau für die Grafiken hat ihren Schreibtisch im Showroom, weil sie anderswo keinen Platz und keine Ruhe fand.

Im Flur stapeln sich die Kartons mit der über den Online-Shop bestellten Ware. Ein weiterer Laden wurde in Kopenhagen eröffnet. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr zwischen zwei und drei Millionen Euro. Jetzt noch eine Zweitlinie oder ein Parfüm - das würde allzu viele Kräfte binden. Also braucht sie erstens einen Investor und zweitens einen Kaufmann, damit sie sich aufs Design konzentrieren kann. Dann würde sie die Mitarbeiter auch nicht mehr nerven mit ihrer Doppelrolle als Kreativ- und Kommerz-Chefin: „Manchmal kann ich mich deswegen nicht entscheiden. Andererseits ist der Zweifel der fruchtbarste Boden.“ So oder so: Sie will nichts überstürzen. „Es muss passen.“ Sie hat noch zwei gute Marken der Berliner Mode vor Augen, Macqua und Sissi Wasabi, die dem falschen Investor aufsaßen. „Die sind untergegangen. Das war nicht so nett.“

„Blut-und-Eiter-Geschichten“

Es hilft Leyla Piedayesh in ihrem Beruf, dass sie vorher schon einen anderen hatte. Nach dem Studium und einem Auslandspraktikum bei einer Filmproduktion in London ging sie nach München. Dort arbeitete sie für Produktionsfirmen und half unter anderem die Sendung „Leben und Wohnen“ für den Sender tm3 zu produzieren. Für Boulevardmagazine machte sie danach „Blut-und-Eiter-Geschichten“: „Da sieht man Deutschland ganz nah.“ Sie hatte das Einfühlungsvermögen, Schicksalsopfer zum Reden zu bringen. „Aber das ging irgendwann an die Substanz.“

Dann rief wieder der Lifestyle zu einer geplanten Website. Weil die Internetblase zerplatzte, bewarb sie sich beim Musiksender MTV, wo sie als Redakteurin an Dokumentationen über Rock-Größen arbeitete: „Lustig, bei Rock am Ring abzuhüpfen.“ Aber beim dritten Mal Regen und Schlamm war der Reiz auch verflogen. Dann zog sie nach Berlin, arbeitete für „MTV Select“, ein Lifestyle-Format, entwarf Pläne für eine eigene Modelinie des Musiksenders. Aber auch da kam sie nicht weiter. Erschöpft war sie, vielleicht auch desillusioniert.

„In München oder Frankfurt hätte ich es nicht geschafft“

Erst weit nach ihrem 30. Geburtstag sollte sie ihre eigentliche Bestimmung finden. Sie musste noch einen kleinen Umweg nehmen, über Indien, vier Monate lang. Tat nicht viel, strickte zum Zeitvertreib, ließ ein paar Taschen und Klamotten produzieren, schwieg zehn Tage im Schweigekloster, kam zurück und wusste, was sie wollte. Zum Geburtstag schenkte ihr die Chefin der Modemesse „Premium“ im Januar 2004 einen Stand auf der Messe, fünf Quadratmeter, ganz hinten im Tunnel unter dem Potsdamer Platz. Japanische und amerikanische Einkäufer orderten ihre handgestrickten Sachen gleich massenweise. Sie traute ihren Augen kaum. Abends ging sie ins „Cookies“ und dachte: „Ich erobere die Welt.“

Und fast so ist es ja auch gekommen. Das Berliner Modewunder mit vielen neuen Marken, den großen Messen und den Schauen half ihr. „In München oder Frankfurt hätte ich es nicht geschafft.“ Und dennoch: „Ein bisschen Identität fehlt in Berlin. Vieles ist schwimm-schwamm-schwumm.“ Es ist wohl kein Zufall, dass sich ihr lautmalerisches Urteil auf ihre Meinung zur Popmusik reimt: „Jetzt ist nur noch bim-bam-bum. Die Kommerzialisierung verblödet die Leute, wenn es nur darum geht, Charts zu stürmen, Geld zu machen, den Sommerhit rauszubringen.“

„Ab einem gewissen Punkt muss man’s ruhiger angehen“

Je größer alles wird, desto schwieriger wird es mit der Originalität. Vielleicht will sie sich auch deswegen das Multitasking etwas abgewöhnen: „Das überfordert den Geist. Ab einem gewissen Punkt muss man’s ruhiger angehen, sonst dreht man durch.“ Auch wegen der Verzögerungen durch ihre Krankheit macht sie deshalb bei der Modewoche, die dieser Tage in Berlin stattfindet, keine Schau, nur eine Veranstaltung im kleinen Rahmen.

Schließlich gibt es auch noch das Mutti-Tasking. Tochter Lou Parisa ist vier Jahre alt. Der Mutter bedeutet sie alles. Das erkennt man an dem Zettel, den sie vor einem Langstreckenflug an die Bürowand pinnte: „Testament - Hiermit vererbe ich alles, was ich habe, meiner Tochter Lou Parisa“. Lou scheint sich ihrer Rolle bewusst zu sein. Sie hat viele modische Extrawünsche, will nur noch Kleider tragen, keine Hosen und keine Leggings mehr. Gold ist ihr „die allerschönste Farbe der Welt“. Die Mama nennt sie „Prinzessin Mehr-geht-nicht“. Nicht einmal die Jeremy-Scott-Turnschuhe von Adidas mit den Flügeln wollte die Kleine.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... guter Laune, einem Becher Chai-Tee mit laktosefreier Milch und einem Kind, das anzieht, was ich will.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich zwei Wodka getrunken habe.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... der sollte intelligent und schnell sein - und er sollte wissen, wie man mit Geld umgeht.

Erfolge feiere ich ...

... ganz groß.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ich etwas mehr als drei Mal erklären muss.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... vier Kinder haben. Jetzt habe ich eins und bin auch glücklich.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... - gibt’s nicht, kann ich nicht sagen, weil alles, was ich getan habe, zu meinem Leben gehört.

Geld macht mich ...

... nicht glücklich, aber gibt mir Sicherheit.

Rat suche ich ...

... im Gespräch mit mir selbst.

Familie und Beruf sind ...

... mein Leben.

Den Kindern rate ich, ... 

... an sich zu glauben und das zu tun, was sie wollen.

Mein Weg führt mich ...

... in den Tod.

Zur Person

Leyla Piedayesh wird 1970 in Teheran geboren. 1979 flieht ihre Mutter mit den beiden Kindern nach Deutschland, der Vater folgt.

Sie macht Abitur in Wiesbaden, studiert Betriebswirtschaft und arbeitet für Fernsehproduktionen.

Im Jahr 2004 wendet sie sich endgültig der alten Leidenschaft Mode zu. 2005 gründet sie ihr Label „Lala Berlin“.

Die Marke umfasst zuerst nur Strick, heute kleidet sie Frauen rundum ein. Piedayesh stattet viele Prominente wie Heike Makatsch und Hannah Herzsprung aus. 

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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