Seit dem 1. Mai 2012 ist Robert Schneider (Name geändert) eine „LiV“, eine Lehrkraft im pädagogischen Vorbereitungsdienst des Landes Hessen. Seine Ausbilderin für BRB (Beratung und Reflexion Berufsrolle - so die ministerielle Stummelsprache) hatte der LiV erläutert, die weibliche Pädagogik sei auf das „Gender Mainstreaming“ zurückzuführen, das nunmehr alle Bereiche des Schulwesens im Sinne der Frauenförderung bestimme. Schneider wundert sich, schließlich hatte er in Kindergarten und Grundschule ausschließlich Frauen erlebt, und auch im Studienseminar, seiner neuen Dienststelle, ist die Mehrheit der LiV weiblich.
Im Studienseminar und in seiner Ausbildungsschule hat er bis zum 29. Juni 2012 Zeit, sich so weit zu qualifizieren, dass er nach den Sommerferien, vom 13. August an, zwölf Wochenstunden eigenverantwortlich und kompetent Unterricht geben kann. Er weiß noch nicht, dass das nicht gelingen wird - aber seine Ausbilder wissen es! Sie haben die letzten Monate damit verbracht, die sogenannten Module der Einführungsphase, die früher ein halbes Jahr dauerte, auf ein Vierteljahr zu reduzieren. Nun bleiben nur sechs Wochen, die den üblichen Schuljahresabschluss-Stress bescheren: Wandertage, Bundesjugendspiele und Sportfest, Schulkonzerte, Bücherrückgabe, Notengebung und Versetzungskonferenzen bestimmen die Vorferienzeit. Das mündliche Abitur und zentrale Abschlussprüfungen sorgen für zusätzlichen Wirbel. Zwei Feiertage nebst „Brückentagen“ und Pfingstmontag kosten eine weitere Arbeitswoche. In diesem unvermeidlichen Kunterbunt soll die LiV durch Abschauen und Ausprobieren alle Grundlagen für ein professionelles Unterrichtshandeln entwickeln, um alsbald allein in den Klassen zu bestehen?
Viele Professoren haben nur rudimentäre Unterrichtserfahrung
Die Ausbildung aller Lehrer findet in vier Einrichtungen statt: der Universität, dem Studienseminar, der Ausbildungsschule - und der Herkunftsschule, die den pädagogischen Nachwuchs durch eigenes Erleben nachhaltig geprägt, den Berufswunsch geweckt und die Inhalte und Ausprägungen der Lehrerrolle möglicherweise lebenszeitlich definiert hat. Diese gleichsam inoffizielle Ausbildungsstätte, der die jüngsten LiV vor fünf bis sechs Jahren entronnen sind, spielt in der „offiziellen“ Lehrerbildung kaum eine Rolle und wirkt darum halb bewusst und unkontrollierbar fort. LiV Schneider wird in seiner unvermeidlichen Unsicherheit die kruden, dumpf erinnerten Muster nutzen, wenn er von August an in seinen Klassen bestehen will. Ein einigermaßen professioneller Start ins Berufsleben ist das nicht.
Die Rolle der Universitäten in der Lehrerbildung ist in die Diskussion geraten. Sie sollen die angebliche Zweitrangigkeit der Lehramtsstudiengänge beenden und zugleich deutlich mehr für die schulische Praxistauglichkeit ihrer Lehre tun. Das können sie nicht leisten: Selbst wenn man Abstriche an der fachwissenschaftlichen Substanz und Qualität hinnähme, bleibt es dabei, dass viele Professoren keine oder nur rudimentäre Unterrichtserfahrung besitzen und auch das übrige Personal nicht regelmäßig selbst vor der Klasse steht. Wie sich die kollektive Widerständigkeit, Gleichgültigkeit oder Motivation von Schulklassen mit ganz unterschiedlichen Kindern aushalten und dann gestalten lässt, das ist das Zentrum unterrichtlichen Erlebens und Handelns und nicht das Feld der Universität. Es wäre unfair, dem Hessischen Amt für Lehrerbildung (AfL) vorzuwerfen, dass ihm die Integration von Universität und Studienseminar nicht gelungen sei.
Das AfL indessen hat im Auftrag des Kultusministeriums die Modularisierung der sogenannten zweiten Ausbildungsphase an den Studienseminaren ins Werk gesetzt. Die Methode war ebenso simpel wie probat: Man übertrug allen Seminaren die Aufgabe, die Module inhaltlich und methodisch zu gestalten - in Hessen also 32 Mal. Das hatte zur Folge, dass die Module inhaltlich rettungslos vollgepackt wurden, dass die Einheitlichkeit der Ausbildung zum Teil dahin ist und dass das einzelne Seminar für alles geradestehen muss, was misslingt. Die meisten Ausbilder lehnen die Modularisierung aus guten Gründen ab, wollten sich aber der Mitarbeit nicht verweigern und distanzieren sich seither unentwegt von den Früchten ihrer eigenen Mühen. Was für die Wissenschaft angesichts des Bologna-Zwangs sinnvoll sein mag, ist für die Einführung in die Pädagogik des Unterrichtens eine Katastrophe. Früher war die Ausbildung im Studienseminar ein kontinuierlicher Prozess der Professionalisierung von Lehrern. Eine „Note über den Ausbildungsstand“ zog darüber Bilanz; jetzt addiert sie Fragmente, die jeweils für sich benotet und „abgehakt“ werden. Weder die Pisa-Studie noch ein anderes Forschungsergebnis haben dieses Manöver jemals plausibel begründet.
Den Ausbildern im Studienseminar obliegt es, die Lehrer im pädagogischen Vorbereitungsdienst, denen die Schule durch zwei sogenannte studienbegleitende Praktika nahegebracht worden war, in wenigen Wochen „praxisschocktauglich“ zu machen. Das hieße eigentlich, dass die LiV Unterricht in allen Klassenstufen professionell planen und durchführen können, die sozialen Prozesse in den Lerngruppen verstehen und beherrschen, die Leistungsmessung und Notengebung pädagogisch transparent und notfalls gerichtsfest vornehmen, die Kommunikation mit einer zunehmend widerborstigen Elternschaft wahrnehmen, ihre Rolle im Lehrerkollegium definieren und auf wachsendem Anspruchsniveau den Anforderungen des bewertenden und prüfenden Studienseminars genügen.
Unterrichten ist immer Beziehungsarbeit
All das müsste den LiV nicht nur theoretisch erklärt, sondern lebendig vorgemacht werden. Denn Unterrichten ist - bei aller, unablässig wechselnden, theoretischen Fundierung - immer Beziehungsarbeit und Kommunikationskunst. Doch die Ausbilder an den Studienseminaren, die stets auch eigenen Unterricht erteilen sollten, taugen immer weniger zum Vorbild. Denn das Land spart nicht nur an der Dauer der Ausbildung, sondern auch an deren Qualität. Dieser Sachverhalt ist kompliziert, geradezu heimtückisch: Die Zahl der Lehrer im Vorbereitungsdienst, die ein Seminar auszubilden hat, muss in Beziehung gesetzt werden zur Menge der Unterrichtsverpflichtung der Ausbilder. Die können aber nicht gleichzeitig unterrichten, während sie ausbilden oder prüfen. Seit dem Jahr 2000 ist der „Wert“ einer Ausbildungsstunde auf etwa die Hälfte gesunken. Nunmehr dürfen den Seminaren pro LiV nur noch 4,75 Stunden angerechnet werden. Das bedeutet, dass die Zeit für theoretische Ausbildung, Beratung, Unterrichtsplanung, Lehrproben, Auswertung von Unterricht auf ein nicht mehr vertretbares Minimum geschrumpft ist. Der persönliche Kontakt wird zunehmend durch intensiven Mail-Austausch simuliert. Manche Ausbilder haben so viele Lehrer im Vorbereitungsdienst, dass sie - rechtswidrig - überhaupt nicht mehr unterrichten und den LiV nur noch als theoretische Lehrerwesen gegenübertreten. Vor allem in den sogenannten Flächenseminaren sind die Ausbilder ständig unterwegs und müssen gequält hinnehmen, dass eigener Unterricht notgedrungen ausfällt. Weil dieser Missstand finanziell nicht ins Gewicht fällt und nur den betroffenen Schülern schadet, schert er die Verantwortlichen nicht. Um eine Lehrerversorgung von 100,25 Prozent vorzutäuschen, haben die Verantwortlichen die Anrechnung des LiV-Unterrichts für die Schulen von 6,4 auf 8 Wochenstunden erhöht. Folglich bekommen die Schulen weniger ausgebildete Lehrer, die bislang oft gemeinsam mit den LiV eingeplant waren und die schlimmsten Ausbildungsmängel haben ausgleichen können. Das gibt es nun nicht mehr, und der Mangel nennt sich ministeriell „stärkere Praxisorientierung“.
Die Ausbildung der Lehrer ist die qualitätsentscheidende bildungspolitische Investition. Sie wirkt jeweils auf die nächste Generation der Kinder. Jede Stunde, die den Referendaren (die LiV seien hiermit sprachlich beerdigt) an Ausbildung entzogen wird, rächt sich bitter. Das Land Hessen meint offenkundig, dass die Ausbildung der Juristen schwieriger sei als die der Lehrer, denn das Rechtsreferendariat dauert weiterhin 24 Monate.
Die „Ressource Zeit“ kostet Geld
Es verordnet eine Ausbildungspraxis, in der alles, wie ein Seminarleiter formuliert, „auf der letzten Rille“ abzuspulen ist. Die „Ressource Zeit“ kostet Geld. Da Geld eingespart wurde, verschwand gründliches Nachdenken ebenso aus der Lehrerbildung wie das persönliche Vorbild derer, die das Handwerk des Unterrichtens beherrschen. Eine verantwortbare Lehrerausbildung schriebe eigentlich vor, dass Referendare mindestens genauso viele Unterrichtsstunden bei ihren Ausbildern sehen, wie sie selbst bewertete Lehrproben ableisten müssen. Das wäre eine Revolution! Inzwischen ist der Mai vorüber. Der Referendar Schneider hat noch keine Stunde selbständig unterrichten können; schließlich „müssen noch Noten gemacht werden“. Er hat darum auch keinen seiner Ausbilder unterrichtend erlebt. Doch nach den Zeugniskonferenzen, so erfährt er von den Profis, sei die Motivation der Schüler „im Keller“. Das solle er sich bloß nicht antun. Und nun?
Schneider würde gerne wissen, welche Klassen er nach den Ferien bekommt, weil er sie zuvor noch kennenlernen möchte und er sich fachlich vorbereiten muss. Daraus werde möglicherweise nichts, beunruhigt ihn die Schulleitung. Erst wenn die Lehrerzuweisung für das nächste Schuljahr „steht“, kann die Unterrichtsverteilung vorgenommen werden. Wenn Herr Schneider Glück hat, erfährt er in den Ferien, in welcher Klasse er welches Fach wird unterrichten müssen. Hat er Pech, drückt man ihm am ersten Schultag seinen Stundenplan in die Hand, und Schneider kann froh sein, wenn der nicht noch geändert wird.
Währenddessen droht der Lehrerausbildung neues Ungemach: Ein Praxissemester soll der Universität genau das abverlangen, was sie nicht leisten kann, und die zweite Ausbildungsphase weiter verkürzen. Dann wird sich die „LiV Schneider“ in der Rückschau noch privilegiert vorkommen. Man darf gespannt sein, ob die Studienseminare diese neuerliche Attacke auf ihre Kompetenz und Bedeutung endlich parieren werden.
Elendes Geschwätz
Alina Duesselman (Malinkov)
- 08.06.2012, 01:55 Uhr
Der kurze Weg zum Praxisschock
Gerhard Treutlein (Vielfahrer)
- 08.06.2012, 01:16 Uhr
Es ist schier zum Entsetzen
Björn Hiemer (bhiemer)
- 07.06.2012, 13:35 Uhr
Jammern auf hohem Niveau
Alina Duesselman (Malinkov)
- 07.06.2012, 11:20 Uhr
OK...?
Thomas Berger (tberger)
- 07.06.2012, 10:38 Uhr
