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Leben und Arbeiten in Washington Washington ist ein teures Vergnügen

 ·  Immobilien und von Deutschen begehrte Nahrungsmittel haben in Washington ihren Preis. Doch in den Vororten, wo viele der ausländischen Firmenvertreter, Manager, Ökonomen, Juristen und Lobbyisten wohnen, läßt sich prima leben. Wenn es nicht zu heiß ist.

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Am schönsten ist es in Washington jetzt im Frühling, wenn rund um das Jefferson-Denkmal die Kirschbäume blühen. Auch in den Vororten der amerikanischen Hauptstadt, wo viele der ausländischen Firmenvertreter, Manager, Ökonomen, Juristen, Lobbyisten, Wissenschaftler, Journalisten und Botschaftsangehörige wohnen, blüht es: Azaleen und Zierbäume tauchen die Vorgärten in ein prächtiges Farbenmeer. Und das Wetter ist jetzt noch erträglich. Die schwüle Hitze, die trotz Klimaanlagen zu Hause, in den Autos und in den Büros vor allem Neuankömmlingen aus Deutschland und anderen Ländern mit gemäßigten Sommern zu schaffen macht, setzt, wenn man Glück hat, erst im Juli ein.

Im Vergleich zu anderen Metropolen nimmt sich Washington mit seinen kaum mehr als 570000 Einwohnern recht bescheiden aus, zumal die Stadt keine Hochhausarchitektur wie New York, Chicago oder Los Angeles zu bieten hat. Die fehlenden Wolkenkratzer sind dem Respekt vor dem amerikanischen Gesetzgeber geschuldet: So darf kein Gebäude (mit Ausnahme des Obelisken zu Ehren des ersten amerikanischen Präsidenten George Washington) höher als das Kapitol sein, in dem das Parlament tagt. Deshalb wird die Stadt zuweilen als "provinziell" oder auch als "europäisch" beschrieben. Auf jeden Fall ist Washington eine Stadt mit vielen Gesichtern: Sitz der mächtigsten Regierung der Welt sowie zahlreicher Vereinigungen und Organisationen, berühmter Museen und Kultureinrichtungen und damit Anziehungspunkt für Menschen aus aller Herren Länder. "Washington ist sehr international und trotzdem nicht zu hektisch, vor allem im Vergleich zu New York", lobt die deutsche Juristin Kirsten Burghardt Propst, die für eine Washingtoner Großkanzlei arbeitet.

Neuankömmlingen aus Deutschland wird das Einleben dadurch erleichtert, daß es eine starke und lebendige "German Community" gibt. Über fehlende Kontaktmöglichkeiten zu deutschen Landsleuten klagt in Washington niemand, eher darüber, daß es nicht immer ganz einfach ist, mit Amerikanern Freundschaften zu schließen. Nach den Erfahrungen von Robert Bergmann, dem Repräsentanten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), ist es für Neuankömmlinge aber vor allem gewöhnungsbedürftig, daß Washington eine Stadt krasser finanzieller und sozialer Gegensätze ist, vor allem zwischen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit (60 Prozent) und der weißen Minderheit. Zu den Schattenseiten gehört auch die hohe Kriminalitätsrate in den sozialen Brennpunkten der Stadt, die Washington den Ruf als Mordhauptstadt Amerikas eingebracht hat.

Das Leben von Ausländern, die aus beruflichen Gründen in die amerikanische Hauptstadt kommen, spielt sich jedoch vor allem im recht friedlichen Nordwestquadranten des District of Columbia ab, dort, wo sich die Regierungs- und Parlamentsgebäude befinden, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank sowie Lobbybüros und die Botschaften und Büros ausländischer Repräsentanten. In diesem Teil der Stadt, in dem es auch die meisten Touristenattraktionen, schicke Restaurants sowie hübsche und teure Wohnviertel gibt, gerät leicht in Vergessenheit, daß nicht weit entfernt von dem glanzvoll renovierten Hauptbahnhof "Union Station", von wo man in dreieinhalb Stunden nach New York reisen kann, das Washingtoner Leben ganz anders aussieht: Die Fenster von Supermärkten sind dort durch Gitterstäbe geschützt und die Häuser der überwiegend schwarzen Bewohner bescheiden und zum Teil in beklagenswertem Zustand. Mittlerweile gibt es zwar Straßenzüge im Nordosten der Stadt, in denen schöne Wohnungen in historischen Häusern entstanden sind und Kinos, Cafés und Bars Publikum mit gehobenem Einkommen anziehen. Aber vor allem ausländische Abgesandte mit Kindern lassen sich lieber in den Washingtoner Vororten der angrenzenden Bundesstaaten Virginia und Maryland nieder, deren grüne Idylle jenen, die schon in Washington pulsierendes Großstadtleben vermissen, entschieden zu langweilig ist.

Die Vororte haben nicht nur deshalb enormen Zuwachs erlebt, da vernünftiger Wohnraum in Washington enorm teuer ist; eine vierköpfige Familie sollte sich auf eine Monatsmiete von mindestens 3600 Dollar gefaßt machen. Zu dem Bauboom in den Außenbezirken hat auch die Ansiedlung neuer Unternehmen im nördlichen Virginia und entlang der Ausfallstraßen beigetragen, die Washington mit Maryland verbinden. Dort sind zahlreiche Unternehmen der Biotechnologie, Telekommunikationsbetriebe und Unternehmen der Informationstechnologie angesiedelt. Nach Angaben der "Greater Washington Initiative", einer gemeinnützigen Marketing-Vereinigung, gibt es mehr als 12000 High-Tech-Unternehmen im Großraum Washington. Damit übertreffe die Region alle anderen amerikanischen High-Tech-Standorte. Zwischen 1982 und 2002 seien im Umfeld der amerikanischen Hauptstadt 1,15 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden - das sei ebenfalls ein Rekord im gesamtamerikanischen Vergleich. Gemessen an dem Jahresdurchschnittseinkommen von knapp 74000 Dollar, gehöre die Region zu den reichsten Amerikas.

Ein Vorteil dieses Reichtums ist, daß es in den Außenbezirken Washingtons sehr gute öffentliche Schulen gibt. Der Wohlstand spiegelt sich außerdem in der großen Dichte von Gourmetgeschäften und Supermärkten mit Delikateßabteilungen wider. Dort werden auch Deutsche fündig, die in anderen Teilen der Vereinigten Staaten verzweifelt nach Körnerbrot sowie nach Käse suchen, der über das amerikanische Standardangebot farbenfroher, aber geschmacksneutraler Gummischeiben hinausgeht. Für internationale Spezialitäten muß man allerdings gepfefferte Preise zahlen. Überhaupt ist auch das Leben in den Vororten Washingtons alles andere als preiswert. Die Kosten für ein Einfamilienhaus im Großraum Washington seien allein im Jahr 2002 um 45000 Dollar gestiegen und betrügen nun im Durchschnitt knapp 260000 Dollar, hat die "Greater Washington Initiative" errechnet. In den Vororten wie Potomac, wohin es viele deutsche Familien zieht, weil dort die Deutsche Schule ist, kann man sich freilich glücklich schätzen, wenn man ein Haus für weniger als 500000 Dollar findet.

Entsprechend hoch sind auch die Mieten in den besseren Vororten: Einfamilienhäuser mit drei bis vier Schlafzimmern sind kaum noch für weniger als 3000 Dollar Monatsmiete zu haben, es sei denn, man ist bereit, erhebliche Anfahrtsstrecken in die Hauptstadt in Kauf zu nehmen. Wer nicht die Möglichkeit hat, mit der U-Bahn in die Stadt zu fahren, der muß sich auf qualvolle Autofahrten zur Arbeit gefaßt machen. Washington zählt zu den amerikanischen Städten mit der höchsten Verkehrsdichte, so daß man selten freie Fahrt hat. Dafür bietet Washington aber schon in relativer Nähe vielseitige Ausflugsmöglichkeiten. Zum Skifahren in West Virginia und zum Baden im Atlantik fährt man rund vier Stunden - wann man nicht in Staus gerät. Der Shenandoah-Nationalpark, der ein Paradies für Wanderer ist, und die Weingüter rund um Middleburg sind in weniger als zwei Stunden erreichbar. "Es gibt sicherlich schlimmere Orte, in die man geschickt werden kann", sagt BDI- und DIHK-Repräsentant Robert Bergmann.

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in Washington

Literatur: "Newcomer's Handbook for Moving to Washington DC", 3. Auflage von 2002, 15,36 Euro. Informationen im Internet gibt es auf der offiziellen Seite des "District of Columbia" (www.dc.gov). Für touristische Informationen empfiehlt sich die Internetseite www.washington.org. Die Amerikanische Handelskammer findet man unter www.dcchamber.org, die Marketinggesellschaft "Greater Washington Initiative" unter www.greaterwashing ton.org. Die Website der Repräsentanz des BDI und des DIHK heißt www.rgit-usa.com. Über das Kulturleben in Washington informiert www.cul turaltourismdc.org. Die Deutsche Botschaft hat die Internetadresse www. germany-info.org, die Deutsche Schule findet sich unter www.dasan.de/ds_washington/

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2004, Nr. 74 / Seite 55
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