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Technischer Wandel : Künstliche Stimmen krempeln Sprecher-Berufe um

  • -Aktualisiert am

Der Physiker Stephen Hawking - hier auf einem Foto aus dem Jahr 2007 - konnte nur mithilfe einer künstlichen Stimme kommunizieren. Bild: Reuters

Theater, Werbung, Medien: Professionelle Sprecher sind gefragt. Aber jetzt sind digitale Stimmen immer mehr auf dem Vormarsch – und alte Berufsbilder in Gefahr.

          Passagiere, gebucht auf den Lufthansa-Flug LH 102 nach München, werden zum Flugsteig A 24 gebeten.“ So klingt eine von 14 000 Durchsagen, die jeden Monat am Frankfurter Flughafen zu hören sind. Sie werden von einer echten Frauenstimme gesprochen, allerdings setzt eine Software die Wortbausteine aus einer Sprachdatenbank zusammen. Ein Mitarbeiter gibt die Flugnummer „LH 102“ ein, sucht den Befehl „Aufruf“, und die Durchsage wird in einem vordefinierten Bereich des Terminals verbreitet. Bei Ad-hoc-Meldungen mit Passagiernamen, die das System nicht kennt, kommen Mitarbeiter vor Ort zum Einsatz, die die Mitteilung direkt in das System sprechen.

          Einmal von Profi-Sprechern aufgenommene und immer wieder abgespielte Durchsagen sind weit verbreitet: „Please hold the line“, erklingt in der Warteschleife am Telefon. Auch im Opernhaus erinnert eine Lautsprecherstimme daran, das Mobiltelefon auszuschalten. Auch von ausgebildeten Sprechern vorgelesene Hörbücher haben Zuwachs. Die Ausbildung für Sprecher in der Werbung, in den Medien, im Theater und bei öffentlichen Auftritten beinhaltet neben einem Artikulations- und Atmungstraining eine Optimierung des Stimmklanges, die von ausgebildeten Sprechtrainern angeboten wird. Die Dauer der Ausbildung orientiert sich am individuellen Bedarf des Schülers. Gerade Sprecher, die ihr Publikum nicht sehen, wie Radio- oder Hörbuchsprecher, lernen eine „Ansprechhaltung“ einzunehmen: Sie sollten etwa beim Vorlesen eines Märchens für eine Hörbuchproduktion eine Gruppe Kinder vor ihrem inneren Auge haben. „Tun sie dies nicht, wirkt der Sprecher unglaubwürdig und inkompetent“, sagt Ines Bose, Professorin für Sprechwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

          Merkmale einer ausgebildeten Stimme sind vor allem die Resonanz und die exakte Artikulation. Derzeit werden Möglichkeiten untersucht, digitalen Stimmen eine Qualität zu verleihen, die nicht nur einen angenehmen menschlichen Klang hat, sondern etwa auch schaurige Stellen in einem Märchentext entsprechend betont. Das könnte einen radikalen Wandel für die Berufsbilder rund ums Sprechen bedeuten.

          Laute von Buchstaben werden in kleinste digitale Bruchstücke zerlegt

          Möglich soll das durch verbesserte Sprachsynthese werden. Phonetiker Ingmar Steiner untersucht am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken die digitale Verarbeitung von Stimmen. „Die Laute von Buchstaben werden in kleinste digitale Bruchstücke zerlegt und berechnet“, erklärt er die aktuell von Google entwickelte Technologie „Wave Net“, die auf menschlichen Stimmen basiert und mit einem „atomaren“ Detailgrad vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten in der Sprachwiedergabe bieten soll. Dabei wird eine neue Form der Lauterfassung möglich, die über die bisherige Analyse durch große Datenbanksysteme hinausgeht, etwa ob der Buchstabe „a“ zu einer betonten Silbe gehört oder nicht.

          Schon jetzt erhältlich sind Sprachdialogsysteme (englisch IVR), die in Navigationsgeräten oder virtuellen Assistenten im Wohnraum Dienstleistungen erbringen: Ihre Digitalstimmen sind beim Vorlesen von Lexikoneinträgen oder Zeitungsartikeln zu hören, sie teilen die Uhrzeit oder Temperatur mit und machen auf Befehl das Licht an oder die Musik aus. Der Klang dieser Stimmen soll durch den Fortschritt in der Sprachsynthese weiter verbessert werden. Auch am Sprachverständnis wird weiter gearbeitet: Wurde die Absicht aus der Formulierung erkannt? Nicht jede Redewendung, regionale Färbung und Metapher erkennen die Rechner.

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