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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Konflikte Schwierige Kollegen machen die Arbeit zur Qual

 ·  Überehrgeizige Angestellte buttern ihre Kollegen unter, manche machen es aus purem Zynismus, die meisten der Karriere wegen. Und das schlimme ist: Solches Verhalten hat durchaus Erfolg.

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Kein guter Arbeitstag für den Speditionskaufmann Günther Habel*. Ein kleines Mißgeschick unterlief dem 37jährigen Angestellten einer internationalen Spedition in Stuttgart gleich am Morgen. Er hatte übersehen, daß ein neuer Auftrag auf dem Tisch lag, und ihn deshalb nicht bearbeitet. Das kann passieren, und wie gut, daß es da den lieben Kollegen am Nachbartisch gibt.

Der hat einen Blick für den Fauxpas und sagt Habel Bescheid - und dem Vorgesetzten gleich mit. "Damit der Chef nicht denkt, ich hätte das verbockt", wie der Kollege gegenüber Habel betonte. Die beiden konnten von Anfang an nicht miteinander. "Aber so etwas habe ich noch nie erlebt", sagt der Familienvater. Man will es kaum glauben, aber solche Dinge passieren. Überehrgeizige Angestellte buttern ihre Kollegen unter, manche machen es aus purem Zynismus, die meisten der Karriere wegen. Und das schlimme ist: Solches Verhalten hat durchaus Erfolg.

Gerade in Großunternehmen

"Gerade in Großunternehmen, wo die Anonymität größer ist und die Leistungsmessung schwieriger, da kann man de facto doch erleben, daß unkollegiales Verhalten, nach dem Motto ,Oben buckeln, zur Seite treten', durch einen Karrieresprung belohnt wird. Oft werden nicht die Besten befördert, sondern die Angepaßten", sagt Thomas Schüller, Geschäftsführer der Junges & Schüller Unternehmens- und Personalberatung.

Legendäre Fernsehproduktionen wie "Firma Hesselbach" oder "Büro, Büro" haben die alltäglichen Konflikte am Arbeitsplatz noch als menschelndes Allerlei mit hohem Sympathiewert beschrieben. Auch der größte Pedant und Intrigant strahlte in diesen Serien eine gewisse Freundlichkeit aus. Doch das ist vorbei: In der Realität sind daraus scharfe Konflikte mit harten Bandagen geworden. Die Experten sind sich einig. Man muß sich wehren, gerade in Fällen, wenn der Kollege petzt. "Offensiv reagieren. Am besten geht man zum Chef und sagt: ,Sie haben ja gehört, mir ist ein Fehler unterlaufen. Das tut mir leid und kommt nicht mehr vor.' Danach muß man aber auch dem petzenden Kollegen deutlich machen, daß man sich das nicht bieten läßt", empfiehlt der Stadthagener Psychologe Johannes Hoppe.

Subtile Provokationen

Universalrezepte zur Lösung solcher Konflikte gibt es nicht, es handelt sich um sehr individuelle Ausgangslagen. Manche Kollegen versuchen auf Kosten ihrer Mitstreiter zu punkten, etwa in kleineren Team-Runden mit dem Vorgesetzten, wenn sie Nachfragen der Kollegen mit Häme beantworten. "Ich erkläre es Ihnen noch einmal, vielleicht verstehen Sie es dann . . ." ist ein beliebter Ansatz, den anderen zu erniedrigen. "Diese subtilen Vielleicht-Formulierungen sind eine ständige Provokation, der ich mich häufig erwehren muß", berichtet ein Abteilungsleiter aus dem Arbeitsalltag in der Automobilindustrie.

Es gibt Typen, die haben ihre Art zu provozieren perfektioniert. Und da gilt der Grundsatz: Immer die Ruhe bewahren, nicht in die Falle gehen und schreien, sonst hat man verloren. "Na, jetzt beruhigen Sie sich mal, machen Sie sich locker" sind dann nämlich die Repliken, die der Provozierte zu hören bekommt. Meist fällt dem verbal Geprügelten das perfekte Contra erst eine Stunde später auf der Straße ein. "Dabei kann man Schlagfertigkeit lernen. Es gibt keinen noch so provozierenden Spruch, der nicht pariert werden kann", sagt Eckhart Müller-Timmermann vom Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel, der Leuten in höheren Positionen, die sich solche Verbalattacken nicht gefallen lassen wollen, einschlägige Bücher oder einen Coach empfiehlt.

Ein Gegenmittel bei Beschimpfungen eines Kollegen ist das konkrete Nachfragen: "Sie sagen, ich bin ein Versager. Könnten Sie diese Beleidigung versachlichen und an einem konkreten Beispiel mit Zahlen und Fakten verdeutlichen?" Müller-Timmermann empfiehlt solche oder humoristische Repliken. Er interpretiert die zunehmende Aggression auch als Ausdruck eines Burn-out-Symptoms vieler Angestellter. Generell rät der Experte, immer aktiv zu sein. Wenn der Kollege die eigene Idee als die seine beim Chef verkauft, dann die Konsequenzen ziehen: in Zukunft nicht mehr viel reden, sondern gleich selbst mit dem Vorschlag zum Boß gehen.

Wenig geleistet, viel geredet?

Weit verbreitet ist auch die Konstellation, die Werner Kahn* tagtäglich erlebt. Der 35 Jahre alte Versicherungsfachwirt aus Hamburg hat einen Kollegen, der seiner Meinung nach wenig leistet und viel redet. Allerdings kennt der Schreibtischnachbar den gemeinsamen Vorgesetzten schon seit dem Studium und genießt so eine gewisse Protektion, meint Kahn. Zu allem Überfluß geriert sich der Kollege mitunter als eine Art Vize-Chef. Kahn, der ein Haus bauen will und eine höher dotierte Position anstrebt, ist sauer, weil er nicht weiß, wie der Kollege zu packen ist. "In einem Team gibt es normalerweise immer eine klare Aufgabenverteilung. Ist diese Aufgabe definiert, dann läßt sich sehr gut messen, wer versagt und wer nicht. Mit diesen Fakten läßt sich dann auch ganz gut beim Vorgesetzten argumentieren", empfiehlt Schüller.

Der Gang zum Chef sollte dann auch gut vorbereitet sein. Im besten Fall merkt der Chef, daß sein Schützling eine Niete ist. Werner Kahn hat dennoch Bedenken: Er befürchtet, seine Karriere durch ein solches Vorgehen zu gefährden. Also bügelt er Fehler seines Kollegen weiterhin aus und verabschiedet sich innerlich von seinem Job.

Signalisieren, daß man besser ist

Zwar ist der Arbeitsplatzwechsel immer eine Option, doch bis es soweit kommt, sollte man alles versucht haben. "Man muß dem Chef signalisieren, daß man besser ist. Doch man darf in diesem Gespräch auf keinen Fall den Gekränkten und das Opfer mimen", sagt der Managementtrainer Stefan Czypionka. "Viele Angestellte dialogisieren mit sich selbst, statt dem Chef zu sagen, daß sie Karriere machen wollen. Die meisten haben Angst vor dessen Reaktion, aber im schlimmsten Fall bleibt alles so, wie es ist", beruhigt Czypionka.

Auch bei direkten Konflikten mit einem schwierigen Chef gilt es, die Courage zu haben und den Vorgesetzten darauf anzusprechen. "Gute Vorgesetzte schätzen ein solches Verhalten auch. Es ist wichtig, solche Grenzen zu ziehen, sonst gilt man als Umfallertyp", sagt Schüller. "Ein ruhig-sachliches Gespräch kommt gerade bei Hardlinern in den Führungsebenen oft gut an, auch wenn man das gar nicht erwarten würde."

*Namen geändert

Buchtips:

"Konflikte mit Kollegen und Chefs" von Matthias Nöllke, Haufe-Verlag. "Das NonPlusUltra der Schlagfertigkeit" von Matthias Pöhm, mvg Verlag.

"Umgang mit schwierigen Partnern" von Stefan Czypionka, Ueberreuter Wirtschaftsverlag.

"30 Minuten für den Umgang mit schwierigen Kollegen" von Cary L. Cooper, Valerie Sutherland, Gabal.

"Ausgebrannt - Wege aus der Burnout-Krise" von Eckhart H. Müller, Herder.

"Mobbing" von Heinz Leymann, Rowohlt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juli 2004
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