Gebildete Menschen, darunter viele Hochschullehrer beklagen, dass die Allgemeinbildung der Studenten immer größere Lücken aufweise. Stellvertretend dafür stehen die Aussagen eines Philologieprofessors in der F.A.Z. Er hatte in einer Umfrage an dreißig philosophischen Fakultäten wenig Erfreuliches zutage gefördert, zum Beispiel, dass Studenten die deutsche Sprache immer schlechter und Techniken der Selbstdarstellung immer besser beherrschen. Erschreckend ist auch seine Feststellung, viele Studenten wüssten nicht, ob der Zweite Weltkrieg im 19. oder 20. Jahrhundert war. Solche Befunde alarmieren, keine Frage.
Die Kritiker der jetzigen Studentengeneration dürften Zahlen über immer mehr Hochschulabsolventen mit gemischten Gefühlen betrachten. So war 2010 schon jeder zweite Schulabsolvent berechtigt, ein Studium aufzunehmen (12 Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor); vierzig Prozent begannen ein Studium, und drei von zehn erreichten einen Hochschulabschluss - eine Steigerung von 13 Prozentpunkten gegenüber 2000. Dem Wissenschaftsrat ist dieser Anstieg freilich noch zu gering; er empfiehlt, die Absolventenquote auf 35 Prozent zu steigern: Nur so könne der zunehmende Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften gedeckt werden.
Wird noch mehr Bildungsniveau geopfert?
Doch ist nicht zu befürchten, dass einer zunehmenden Akademisierung noch mehr Bildungsniveau geopfert wird? Sind die Anforderungen nicht schon zu stark gesenkt worden, um vielen den Gang an die Hochschulen zu ermöglichen? Sollte Bildung nicht einer wirklichen, vermutlich kleineren geistigen Elite vorbehalten sein?
So beunruhigend rudimentäre Kenntnisse der deutschen Geschichte sind - daraus darf nicht die Forderung abgeleitet werden, weniger Menschen sollten studieren. Das gebietet auch die wirtschaftliche Vernunft, denn hochqualifizierte Menschen sind für die deutschen Unternehmen, die in einem scharfen internationalen Wettbewerb stehen, und damit für den allgemeinen Wohlstand in diesem Land von großem Wert. Bildungsökonomen sind denn auch beunruhigt, dass hierzulande die Akademikerquote, anders als in vielen anderen - vor allem asiatischen - Ländern, über einen langen Zeitraum kaum gestiegen ist.
Die Qualität der Lehre muss besser werden
Die duale Ausbildung, eine deutsche Besonderheit, mag da ein Trost sein, denn sie steht manchem Studiengang im Ausland nicht nach. Doch sie wird - auch angesichts der demographischen Entwicklung und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels - nicht reichen. Mehr und nicht weniger Menschen sollten eine Hochschulausbildung absolvieren.
Weil das nicht auf Kosten des Niveaus gehen darf, muss vor allem eines besser werden: die Qualität der Lehre. So sehen Bildungsfachleute einen engen Zusammenhang zwischen hohen Abbrecherquoten im Studium und einer unzureichenden Stoffvermittlung. Dieses Problem wird sich weiter verschärfen, weil die Studentenschaft immer heterogener wird - da immer mehr Studenten aus bildungsfernen Elternhäusern und ohne Abitur an die Hochschulen kommen.
Auch Bund und Länder wissen um die Mängel in der Lehre; deshalb fördern sie mit dem Qualitätspakt Lehre Projekte zu ihrer Verbesserung. Dennoch ist zu bezweifeln, dass die Mehrzahl der Dozenten bald genauso viel Ehrgeiz in der Lehre wie in der Forschung entwickelt. Denn die Anreize, sich in der Forschung zu profilieren, sind zumindest an den Universitäten ungleich viel größer. Dann kann man Mittel einwerben, Personal einstellen und so Bedeutung und Ansehen steigern. Auch sind Forschungspreise viel besser dotiert als Lehrpreise.
Eine bessere Lehre muss freilich schon in der Schule beginnen. Dass es dort vor allem auf den Lehrer ankommt, weiß auch jedes Kind. Doch zeigen Studien, dass viele Lehrer im Laufe ihres Berufslebens stark an Motivation verlieren und dass zu oft die Falschen Lehrer werden. Um Letzteres zu verhindern, müssten die Studenten früher und intensiver mit der Praxis in Berührung kommen.
Die Lehrer müssen das Lehren lernen
Dass die Lehrer das Lehren besser lernen müssen, gilt vor allem für Mathematik: Es ist fatal, dass die halbe Nation Angst vor diesem Fach hat - mit der Auswirkung, dass sich zu wenige Studienanfänger für technische Fächer entscheiden. Es kann schlicht nicht sein, dass so viele Menschen dafür so wenig begabt sind. Mathematik wird oft zu schlecht vermittelt; darauf weisen auch viele Fachleute hin.
Motivierte und gut ausgebildete Lehrer kommen auch besser mit Klassen zurecht, die aus einer heterogenen Schülerschaft bestehen. Und sie erkennen versteckte Talente. Das ist wichtig, denn die Zahl der Akademiker steigt auch, wenn es gelingt, den Bildungserfolg stärker von der Herkunft zu entkoppeln. In Deutschland werden bekanntlich die Weichen für die spätere (Bildungs-)Karriere schon früh gestellt. So manches akademische Talent wird deshalb übersehen.
Darum ist es so wichtig, dass das Bildungssystem durchlässiger wird, dass zum Beispiel, wie es seit einiger Zeit geschieht, mehr begabten Menschen ohne Abitur der Weg an die Hochschule geebnet wird. Die Unternehmen heißen solche höher qualifizierten Kräfte freudig willkommen - und verschmerzen die ein oder andere Lücke in der Allgemeinbildung.
Auch hier uns die OECD erfolgreich "um die Fichte"
geführt...
Michael Arndt (Mikel1962)
- 14.08.2012, 09:39 Uhr
Dass ich mal so einen Beitrag in der FAZ lsen muss, macht mich stutzig
Michael Scheffler (Striesner)
- 13.08.2012, 23:37 Uhr
Wie in Brasilien...
Closed via SSO (Leao)
- 13.08.2012, 16:23 Uhr
Gymnasiallehrer = Wissenschaftler ?
Rudolf März (maerkur)
- 13.08.2012, 14:45 Uhr
Wenn 50% eine Volkes hochschulreif sind,...
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 13.08.2012, 13:44 Uhr
