10.02.2012 · „Behördennachmittag, Sie Ärmster!“ Das Mitleid der Kollegen ist inklusive. Warum suchen wir ein Amt eigentlich nur auf, wenn es sich ganz und gar nicht mehr vermeiden lässt?
Von Georg M. OswaldBehördennachmittag, Sie Ärmster!“ Hoff hatte das Mitleid seiner Kollegen. Wie alle suchte er Behörden nur auf, wenn es sich ganz und gar nicht vermeiden ließ. Auch für Bürger aus der etwas gehobeneren Mitte der Gesellschaft haftete dem Behördenbesuch etwas Unangenehmes an.
Man sah sich Fragen gegenüber, die einen in das Licht des Zweifels tauchten, selbst wenn man eine befriedigende Antwort zu geben wusste. Auch diesmal hatte es erst so weit kommen müssen, dass Hoff fürchtete, Abgesandte der Behörde könnten eines Tages plötzlich in seinem Schlafzimmer stehen, um ihn wegen seiner Versäumnisse zu verhaften.
Endlich entschloss er sich, die längst ausstehenden Verlängerungen und Umschreibungen mit Genehmigungserneuerungen zu beantragen. Für solche Zwecke wurde vom Arbeitgeber ein Behördennachmittag gewährt. Ein ganzer Nachmittag, denn man wusste ja, wie auf Behörden gearbeitet wurde.
Hoff war bereit, von Tür zu Tür geschickt zu werden, Nummern zu ziehen, auf Warte-Inseln zu darben, sich unter Rügen zu ducken, Bußgelder zu entrichten, Geständnisse zu unterzeichnen, alles zu tun, was notwendig war, um nach einigen Stunden geläutert wieder zurück in die etwas gehobenere Mitte der Gesellschaft zurückkehren zu dürfen.
Zu seiner Überraschung jedoch war die Behörde in einen lichten, modernen Zweckbau umgezogen, leicht zu erreichen und übersichtlich gestaltet. Am Informationsstand im Empfang bat eine freundliche junge Frau Hoff, sein Anliegen so genau wie möglich vorzutragen, damit sie ihm weiterhelfen könne. Als sie wusste, was er brauchte, bat sie ihn, dem Farbleitsystem "Rot" zu folgen, und von da an ging alles wie von selbst.
Wo immer er hinkam, wussten die Beamten bereits, was er brauchte, bevor er es ihnen sagen konnte. Augenzwinkernd wurde er auf eine abgelaufene Frist hingewiesen. Von der Erhebung eines Ordnungsgeldes wurde noch im gleichen Atemzug ausdrücklich abgesehen. So wie er dem Farbleitsystem "Rot" folgte, folgten andere "Grün", "Gelb", "Blau", "Violett" und anderen Farben.
In kürzester Zeit hatte Hoff alle ausstehenden Verlängerungen und Umschreibungen mit Genehmigungserneuerungen beieinander. Es war unglaublich. Gerade einmal zwanzig Minuten waren vergangen, und nun hatte Hoff den Rest des Nachmittags frei. Beschwingt ging er los und überlegte, was er alles damit anfangen konnte. Strenggenommen hätte er zurück zur Arbeit gehen müssen, aber das kam eigentlich nicht in Frage.
Denn dort würde er am nächsten Tag erzählen, was für eine stundenlange Tortur er zu ertragen gehabt hatte.
Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.