13.05.2006 · Um die vielzitierte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, bedarf es einer neuen Konzeption von Kinderbetreuung. Wie dies auch für Unternehmen attraktiv sein kann, haben zwei erfolgreiche Quereinsteiger gezeigt.
Von Sebastian Flohr„Mit Kindern verdient man kein Geld.“ Das mußten sich Oliver Strube und Alfons Scheitz zu Beginn ihrer Unternehmertätigkeit oft anhören. Ihre Büroräume wurden mit Graffiti besprüht, in ihrem Umfeld stießen sie auf Skepsis und heftigen Widerstand. Kindertagesstätten mit Begriffen wie Dienstleistung, Service und Kundschaft zu verbinden ist für viele durchaus gewöhnungsbedürftig. Diese Zeiten sind vorbei. Spätestens der Pisa-Schock hat die letzten Kritiker verstummen lassen.
Vor fast anderthalb Jahrzehnten suchten die beiden Väter nach einer Betreuungsmöglichkeit für ihren Nachwuchs. Beide wollten Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Weil sie aber nicht fanden, was sie suchten, gründeten sie die „Gesellschaft zur Förderung von Kinderbetreuung e.V.“ (GFK) und eröffneten ihre eigene Kindertagesstätte mit dem Namen „Oase“ im Kasseler Stadtteil Vorderer Westen. Das war der Grundstein für eine unternehmerische Erfolgsgeschichte.
Pioniergeist
Heute betreiben die studierten Sozialpädagogen 18 Kindertagesstätten in drei Bundesländern mit insgesamt 172 Mitarbeitern. Sie erwirtschaften einen Jahresumsatz von 5,5 Millionen Euro. Über 800 Kinder werden in ihren Einrichtungen täglich betreut. Die Planung und Konzeption der Kindertagesstätten übernimmt ihre Firma „Impuls - Soziales Management“. Für die anschließende konzeptionelle Umsetzung ist dann die GFK zuständig.
Offensichtlich haben die Kita-Manager durch ihren Pioniergeist den Nerv der Zeit getroffen. „Unser Angebot soll sich an den Bedürfnissen der Eltern orientieren“, sagt Alfons Scheitz. „Starre Regeln oder feste Öffnungszeiten existieren in unseren Einrichtungen nicht.“ So sind Betreuungsmöglichkeiten von 7 bis 22 Uhr keine Seltenheit. Um die vielzitierte Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, ist ihr Angebot vielfältig. Von der Betreuung der unter Dreijährigen über den Kindergarten bis zum Hort für Grundschüler reicht die Angebotspalette. Damit sich so viel Flexibilität auch wirtschaftlich rechnet, entwickelten Scheitz und Strube ein ausgefeiltes Zeitmanagementsystem.
„Wir verkaufen hier Zeit“
„Wir verkaufen hier Zeit“, sagt Alfons Scheitz. Je nach Bedarf haben die Eltern die Möglichkeit, ein Betreuungspaket von zehn bis 60 Stunden pro Woche zu buchen. Wann die Sprößlinge die Einrichtung besuchen, darf sich von Tag zu Tag unterscheiden. Falls nötig, können spontan zusätzliche Stunden gebucht werden. „Unsere Einrichtungen sind nicht teurer als andere“, sagt Alfons Scheitz. Die Mitarbeiter haben keine festen Dienstzeiten, sondern Jahresarbeitszeitkonten, damit immer genausoviel Personal anwesend ist, wie gerade benötigt wird. So können die Personalkosten gesenkt werden. „Wenn nur sieben Kinder zu beaufsichtigen sind, braucht in diesem Moment auch nur ein Erzieher anwesend zu sein.“
Die Kosten für die Betreuung der Kleinen richten sich nach den Einkommensverhältnissen der Eltern und dem jeweiligen Alter des Kindes. So sind im Monat zwischen 40 und 800 Euro zu entrichten. Als Symbol für die erbrachte Leistung erhalten alle Eltern eine detaillierte Abrechnung. Um die Effizienz ihrer Tagesstätten weiter zu verbessern, soll demnächst ein Stechkartensystem eingeführt werde. „Wir können dann für die Eltern noch genauer abrechnen und die Auslastungen unserer Einrichtungen besser auswerten“, sagt Scheitz.
Effizienteres Kindergartenmanagement
Neben Zeit verkaufen die Quereinsteiger auch das Wissen, wie eine Kindertagesstätte gemanagt werden muß. Sie erstellen Personalbedarfsberechnungen, Kunden-Feedback-Systeme, Marketingkonzepte oder Wettbewerbsanalysen. Ziel ihrer Organisationsberatung ist es, ein effizientes Gleichgewicht zwischen den Faktoren Wirtschaftlichkeit, Kundeninteressen und Mitarbeiterzufriedenheit herzustellen. Die Manager rechnen vor, daß eine mittelgroße Stadt durch eine betriebswirtschaftlichere Orientierung und ein effizienteres Kindergartenmanagement im Jahr 1,5 Millionen Euro sparen könne.
Auf das Wissen der beiden Nordhessen greifen mittlerweile nicht nur öffentliche und kirchliche Träger, sondern auch Unternehmen zurück. Scheitz und Strube betreiben Kindertagesstätten für den Internetanbieter T-Online, das Kasseler Mineralölunternehmen Wintershall oder den Chemiekonzern Solvay in Hannover. „Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, daß sie Kinderbetreuungsmöglichkeiten schaffen müssen, um qualifiziertes Personal zu rekrutieren“, sagt Strube. „In den Unternehmen, in denen Kinderbetreuung angeboten wird, steigen die Geburtenzahlen“, erklärt Scheitz.
Die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund
Der Geburtenrückgang beunruhigt die Unternehmer kaum. „Unsere Firma wächst in einem schrumpfenden Markt“, sagt Strube. „Es gibt zwar immer weniger Kinder, aber die Eltern suchen verstärkt eine qualitativ hochwertige Betreuung.“ So orientieren sich die Kindertagesstätten der GFK an pädagogischen Konzepten wie der Montessori-Pädagogik oder dem „situationsorientierten Ansatz“, bei denen konsequent die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen.
Darüber hinaus werden den Sprößlingen spielerisch Computer- und Fremdsprachenkenntnisse vermittelt. „Wir als Arbeitgeber müssen dafür sorgen, daß unser Personal weitergebildet wird“, betont Scheitz. 1,5 Prozent ihres Gesamtumsatzes werden in Fortbildungsprogramme für Erzieher investiert. In öffentlichen Einrichtungen seien es nur 0,2 Prozent.