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Kenntnisse von Studienanfängern Gute Selbstdarstellung, schlechte Sprachbeherrschung

Eine Befragung an den Philosophischen Fakultäten zeigt: Vielen Studienanfängern mangelt es an grundlegenden Kenntnissen. Manche sind sogar unsicher, wann der Zweite Weltkrieg war. Ein Interview mit Gerhard Wolf, dem Initiator der Umfrage.

© Archiv Vergrößern Der Mediävist Gerhard Wolf war bis Juni Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Herr Wolf, Sie haben im vergangenen Herbst eine Umfrage an den Philosophischen Fakultäten zur Studierfähigkeit gemacht. Was ist herausgekommen?

Es war einigermaßen überraschend: Nicht nur weil wir einen hohen Rücklauf hatten - von 60 angeschriebenen Fakultäten haben etwa 30 geantwortet -, sondern weil wir auch viele Beispiele bekamen, die zeigten, wie sehr sich die Studierkompetenz geändert hat. Ich behaupte nicht, dass die heutige Studentengeneration dümmer ist, aber die Kompetenzen liegen heute auf einem ganz anderen Gebiet. Das macht den Geisteswissenschaften enorm zu schaffen.

Inwiefern?

Da sind zum Beispiel mangelnde Kenntnisse der Grammatik, also Tempora, Casus, Modi und Syntax. Eine Erklärung ist die veränderte Kommunikation in der Gesellschaft. Deshalb sind diese heute schon als elitär empfundenen Begriffe und ihre Bedeutung den Studenten vielfach fremd.

Ein Kollege führte kürzlich die Schlechtschreibung der Schüler auf fehlende Regelwerke in den Schulen zurück.

Das Regelwerk gibt es noch, aber es wird nur noch bis zur Mittelstufe abgeprüft. Wir müssen erkennen, dass die Sprachbeherrschung zugunsten von Medienbeherrschung und Techniken der Selbstdarstellung zurückgegangen ist. Deswegen sind nicht wenige Studienanfänger mit den formalen Ansprüchen der Textorganisation überfordert. Die Schulen vermitteln nicht mehr die wesentlichen Kulturtechniken. Es ist tragisch, dass die Universitäten darauf nicht vorbereitet sind.

Wie sieht es mit der Literaturkompetenz aus: Können Studierende heute besser mit Texten umgehen?

Sie gehen anders mit Texten um. Da ihnen die handwerklichen Analyseinstrumente und das historische Kontextwissen oft fehlen, versuchen sie es mit ihren subjektiven Empfindungen. Wenn man aber an Goethes Werther wie an einen Harry-Potter-Roman herangeht, erleidet man schnell Schiffbruch. Generell besteht eine mangelnde Fähigkeit, selbständig zu formulieren, zusammenhängende Texte selbständig zu schreiben und unterschiedliche Stilregister zu bedienen. Gleichzeitig sind die Universitäten heute auch stärker wissenschafts- und methodenorientiert als früher. Durch die Bachelorstudiengänge sind teilweise Inhalte in diese Module gekommen, die einen extrem hohen Wissenschaftsanspruch haben. Davon werden vor allem Lehramtsstudenten überfordert.

Sieht es dafür besser beim Textverständnis aus? Im Internet wird schließlich viel gelesen.

Es fehlt nach unseren Beobachtungen an der Fähigkeit, bei Vorträgen oder Vorlesungen mitzuschreiben. Die Studierenden verlassen sich auf Skripte, die sie im Netz nachlesen können. Es ist aber eine Kulturtechnik, dass ich einem Argumentationsgang nicht nur folge, sondern ihn auch umsetze in meine eigene Sprache.

Wie kommt es zu diesen Defiziten?

Es klingt banal, aber meiner Ansicht nach fehlt es an Training, an Leseförderung in der Schule.

Experten fordern Leseförderung vor allem für die Jungen.

Ja. Unsere Umfrage zeigt auch deutlich, dass die genannten Kompetenzmängel zu einer weiteren Verweiblichung der Geisteswissenschaften führen, weil Mädchen vieles noch besser beherrschen als Jungen. Die Bachelor-Studiengänge kommen den Mädchen ohnehin entgegen: Mädchen sind bekannt für schnelle Aufnahme und Reproduktion von Wissen. Jungen sagt man dagegen nach, etwas langsamer, dafür aber kreativer zu sein.

Hat sich wenigstens die Lage in den modernen Fremdsprachen verbessert? Auslandsaufenthalte sind ja heute fast selbstverständlich geworden.

Selbst englische Texte werden nicht flüssig gelesen, obwohl Englisch in der Schule zu Recht eine wichtige Rolle spielt. Es scheint aber nicht richtig vermittelt zu werden. Eine Erklärung ist die: Wenn man die Struktur der eigenen Sprache nicht ausreichend beherrscht, ist es schwer, im fortgeschrittenen Alter die Struktur einer neuen Sprache erlernen.

Diktatur und Demokratie können viele Schüler nicht mehr voneinander unterscheiden, zeigte gerade eine Studie. Gibt es ähnliche Erfahrungen mit Studenten?

Ja, es ist schon bedauerlich, wenn Studenten unsicher sind, ob der Zweite Weltkrieg im 19. oder 20. Jahrhundert war. Auch die Geschichte des Christentums ist vielen unbekannt. Die Gefahr ist, dass sich dadurch ein Aberglaube und eine antirationalistische Haltung ausbilden.

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Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: F.A.Z.

 
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