http://www.faz.net/-gyl-715sh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.07.2012, 08:00 Uhr

Kenntnisse von Studienanfängern Gute Selbstdarstellung, schlechte Sprachbeherrschung

Eine Befragung an den Philosophischen Fakultäten zeigt: Vielen Studienanfängern mangelt es an grundlegenden Kenntnissen. Manche sind sogar unsicher, wann der Zweite Weltkrieg war. Ein Interview mit Gerhard Wolf, dem Initiator der Umfrage.

© Archiv Der Mediävist Gerhard Wolf war bis Juni Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Herr Wolf, Sie haben im vergangenen Herbst eine Umfrage an den Philosophischen Fakultäten zur Studierfähigkeit gemacht. Was ist herausgekommen?

Es war einigermaßen überraschend: Nicht nur weil wir einen hohen Rücklauf hatten - von 60 angeschriebenen Fakultäten haben etwa 30 geantwortet -, sondern weil wir auch viele Beispiele bekamen, die zeigten, wie sehr sich die Studierkompetenz geändert hat. Ich behaupte nicht, dass die heutige Studentengeneration dümmer ist, aber die Kompetenzen liegen heute auf einem ganz anderen Gebiet. Das macht den Geisteswissenschaften enorm zu schaffen.

Inwiefern?

Da sind zum Beispiel mangelnde Kenntnisse der Grammatik, also Tempora, Casus, Modi und Syntax. Eine Erklärung ist die veränderte Kommunikation in der Gesellschaft. Deshalb sind diese heute schon als elitär empfundenen Begriffe und ihre Bedeutung den Studenten vielfach fremd.

Ein Kollege führte kürzlich die Schlechtschreibung der Schüler auf fehlende Regelwerke in den Schulen zurück.

Das Regelwerk gibt es noch, aber es wird nur noch bis zur Mittelstufe abgeprüft. Wir müssen erkennen, dass die Sprachbeherrschung zugunsten von Medienbeherrschung und Techniken der Selbstdarstellung zurückgegangen ist. Deswegen sind nicht wenige Studienanfänger mit den formalen Ansprüchen der Textorganisation überfordert. Die Schulen vermitteln nicht mehr die wesentlichen Kulturtechniken. Es ist tragisch, dass die Universitäten darauf nicht vorbereitet sind.

Wie sieht es mit der Literaturkompetenz aus: Können Studierende heute besser mit Texten umgehen?

Sie gehen anders mit Texten um. Da ihnen die handwerklichen Analyseinstrumente und das historische Kontextwissen oft fehlen, versuchen sie es mit ihren subjektiven Empfindungen. Wenn man aber an Goethes Werther wie an einen Harry-Potter-Roman herangeht, erleidet man schnell Schiffbruch. Generell besteht eine mangelnde Fähigkeit, selbständig zu formulieren, zusammenhängende Texte selbständig zu schreiben und unterschiedliche Stilregister zu bedienen. Gleichzeitig sind die Universitäten heute auch stärker wissenschafts- und methodenorientiert als früher. Durch die Bachelorstudiengänge sind teilweise Inhalte in diese Module gekommen, die einen extrem hohen Wissenschaftsanspruch haben. Davon werden vor allem Lehramtsstudenten überfordert.

Sieht es dafür besser beim Textverständnis aus? Im Internet wird schließlich viel gelesen.

Es fehlt nach unseren Beobachtungen an der Fähigkeit, bei Vorträgen oder Vorlesungen mitzuschreiben. Die Studierenden verlassen sich auf Skripte, die sie im Netz nachlesen können. Es ist aber eine Kulturtechnik, dass ich einem Argumentationsgang nicht nur folge, sondern ihn auch umsetze in meine eigene Sprache.

Wie kommt es zu diesen Defiziten?

Es klingt banal, aber meiner Ansicht nach fehlt es an Training, an Leseförderung in der Schule.

Experten fordern Leseförderung vor allem für die Jungen.

Ja. Unsere Umfrage zeigt auch deutlich, dass die genannten Kompetenzmängel zu einer weiteren Verweiblichung der Geisteswissenschaften führen, weil Mädchen vieles noch besser beherrschen als Jungen. Die Bachelor-Studiengänge kommen den Mädchen ohnehin entgegen: Mädchen sind bekannt für schnelle Aufnahme und Reproduktion von Wissen. Jungen sagt man dagegen nach, etwas langsamer, dafür aber kreativer zu sein.

Hat sich wenigstens die Lage in den modernen Fremdsprachen verbessert? Auslandsaufenthalte sind ja heute fast selbstverständlich geworden.

Selbst englische Texte werden nicht flüssig gelesen, obwohl Englisch in der Schule zu Recht eine wichtige Rolle spielt. Es scheint aber nicht richtig vermittelt zu werden. Eine Erklärung ist die: Wenn man die Struktur der eigenen Sprache nicht ausreichend beherrscht, ist es schwer, im fortgeschrittenen Alter die Struktur einer neuen Sprache erlernen.

Diktatur und Demokratie können viele Schüler nicht mehr voneinander unterscheiden, zeigte gerade eine Studie. Gibt es ähnliche Erfahrungen mit Studenten?

Ja, es ist schon bedauerlich, wenn Studenten unsicher sind, ob der Zweite Weltkrieg im 19. oder 20. Jahrhundert war. Auch die Geschichte des Christentums ist vielen unbekannt. Die Gefahr ist, dass sich dadurch ein Aberglaube und eine antirationalistische Haltung ausbilden.

Mehr zum Thema

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutsche Sprache Hallo! Was geht? Alles gut!

Das Deutsche ist eine reichhaltige Sprache und auf der ganzen Welt verbreitet. Aber mit der Sprachbeherrschung im Einwanderungsland Deutschland sieht es derzeit schlecht aus. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Roland Kaehlbrandt

11.08.2016, 11:46 Uhr | Politik
Ganz ohne Abgase 20.000 Kilometer Fahrt in einem Elektro-Tuk Tuk

Beweisen, was Elektromobilität leisten kann - das ist das Ziel von drei Studenten. Dafür haben sie eine ungewöhnliche Reise unternommen: Mit einem Elektro-Tuk Tuk sind die drei durch 16 Länder von Bangkok nach Toulouse gefahren. Mehr

20.08.2016, 12:57 Uhr | Technik-Motor
Historisches Museum Ein Eritreer sieht sofort die Sklaven

Das Historische Museum setzt auf Partizipation und lässt Flüchtlinge Ausstellungsobjekte neu bewerten. Damit ist das Museum ein Vorreiter in Deutschland. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

12.08.2016, 09:48 Uhr | Rhein-Main
Demonstrationen in Lima Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizei in Peru

Fliegende Steine auf der einen, Tränengas und Gummigeschossen auf der anderen Seite - als peruanische Studenten in der Hauptstadt gegen Korruption an Universitäten demonstrierten, kam es zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Mehr

09.08.2016, 15:07 Uhr | Gesellschaft
Perspektiven Hochqualifizierter Deutschlands beste Ausländer

In der Wirtschaft würde man uns als High-Performer bezeichnen. Und doch sind Abneigung und Ausgrenzung für uns alltäglich. Warum wir gehen. Trotz guter Ausbildung und guter Jobchancen. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Florian Martens

15.08.2016, 11:14 Uhr | Feuilleton

Fair und öko Smartphone mit Gewissen

Der Markt für Smartphones ist riesig. Viele kommen aus China und werden unter sozial und ökologisch zweifelhaften Bedingungen hergestellt. Es geht auch anders, beweist das Start-up Fairphone. Mehr Von Johanna Schiele 10 40