21.06.2002 · Karriere macht nur, wer nach sieben noch im Büro sitzt, lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Alles eine Frage der Organisation.
Von Birgit ObermeierUta Schüsslbauer-Böhm arbeitet 20 Stunden pro Woche. Montag und Dienstag ganztags, Donnerstag nur nachmittags. Teilzeit eben. Das Besondere daran: Die zweifache Mutter ist Leiterin einer Commerzbank-Filiale in Hamburg.
In ihrer Abwesenheit übernimmt ein erfahrener Kundenberater das operative Geschäft. Die Verantwortung für die sechsköpfige Belegschaft liegt jedoch allein bei ihr. Planlosigkeit oder Gemauschel fürchtet Uta Schüsslbauer-Böhm nicht: „Ich habe ein gut funktionierendes Team, auf das ich mich verlassen kann.“
Mehr Zeit gewünscht
Den Anspruch auf Teilzeit hat die Commerzbank Anfang der 90er Jahre, lange bevor er gesetzlich wirksam wurde, in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben. Und zwar explizit für alle Qualifizierungsstufen. Andere Konzerne wie DaimlerChrysler, BMW, Bosch oder Siemens haben nachgezogen. Immerhin zeigen diverse Umfragen, dass sich zahlreiche Führungskräfte mehr Zeit für Familie, Hobbies oder die lang geplante Promotion wünschen. Das Bundesarbeitsministerium versucht seit über einem Jahr mit einer Werbekampagne das Image von Teilzeit aufzupolieren.
Und dennoch: Halbtags-Chefs wie Uta Schüsslbauer-Böhm sind die große Ausnahme. Auch auf die geteilte Führung in Form von Job Sharing lassen sich nur wenige Mitarbeiter und Unternehmen ein. Als Chance wird Teilzeit nur von weiblichen Führungskräften begriffen, um Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen.
Angst vor Statusverlust
Zu groß sind die Bedenken, zu tief die Verhaftung in tradierten Vorstellungen. Teilzeit, das klingt für viele immer noch nach wenig qualifizierten Jobs, Frauensache oder mangelndem Engagement. Jedenfalls nicht nach einer dynamischen Führungskraft. Wer nicht 50, besser noch 60 Stunden pro Woche im Büro sitzt, so die Befürchtung, gilt bald als entbehrlich und ersetzbar. Insbesondere dann, wenn sich der Stellvertreter oder Teilzeitpartner als fähig erweist. Oder aber gezielt am Stuhl sägt, während man selbst seelenruhig Pausenbrote schmiert.
Das lasse sich freilich nicht sicher ausschließen, sagt Angela Fauth-Herkner, Geschäftsführerin der Münchner Arbeitszeitberatung Fauth-Herkner & Partner. Ebenso wenig wie die Gefahr, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als falsches Signal nach innen verstanden wird. „Es gibt nun mal Unternehmen, die zuerst Teilzeitstellen abbauen.“ Allen Betriebsvereinbarungen zum Trotz. Die Deutsche Bank, grundsätzlich innovativ bei Arbeitszeitmodellen, hält sich beim Thema Teilzeit derzeit jedenfalls lieber bedeckt.
Eine Frage der Neu-Organisation
Dabei biete die Reduzierung von Arbeitszeit gerade heute die Chance, Lohnkosten zu sparen und erfahrene Führungskräfte dennoch zu halten, sagt Fauth-Herkner. Das Argument, Manager müssten stets erreichbar sein, lässt sie nicht gelten: „Auch wer Vollzeit arbeitet, ist häufig durch Termine und Sitzungen verhindert.“ Teilzeit-Arrangements seien häufig nur eine Frage der Neu-Organisation. Dabei gilt zu klären, welche Aufgaben nur die Führungskraft übernehmen kann, welche sich an einen Stellvertreter delegieren lassen und wie weit das Team eigenverantwortlich arbeiten kann. Die praktischen Grenzen bemessen sich am individuellen Anteil von Fach- und Führungsaufgaben, meint Silke Walters, Sprecherin für Personalfragen bei DaimlerChrysler. Während sich Fachaufgaben problemlos delegieren ließen, sei Führungsverantwortung nur schwer teilbar.
Klar ist: Es gibt keine Standardlösungen für Teilzeit in Führungspositionen. So gilt auch bei der Commerzbank: „Wer seine Arbeitszeit reduzieren möchte, präsentiert seinem Vorgesetzten am besten bereits ein Konzept dafür“, sagt die für Arbeitszeitflexibilisierung zuständige Personalerin Bianca Reuter. Um Unklarheiten, Neid oder gar Intrigen zu vermeiden, sollten Kollegen und Mitarbeiter in jedem Fall in die Umsetzung einbezogen werden.
Vollzeitnahe Modelle
Es muss ja nicht gleich auf eine Halbtagesstelle hinauslaufen. Im Rahmen des Programms „Teilzeit light“ können Commerzbank-Mitarbeiter ihre Wochenstunden um fünf bis 20 Prozent reduzieren. Derart vollzeitnahe Modelle sind in der Unternehmenspraxis auch am weitesten verbreitet, häufig in Verbindung mit Telearbeit.
Bei BMW etwa können Führungskräfte, die ihre Arbeitszeit auf 90 Prozent reduziert haben, selbst bestimmen, ob sie einzelne Tage frei nehmen oder in längeren Abständen lieber eine ganze Woche. Ebenso können sie vorerst weiter Vollzeit arbeiten und ihre Überstunden auf einem so genannten Langzeitarbeitskonto ansparen. Über einen Zeitraum von drei Jahren kommen sie dann auf ein dreimonatiges Sabbatical - und beziehen ihr volles Gehalt weiter, während sie etwa mit dem Segelboot durch die Karibik schippern. Mehr als 1.000 BMW-Mitarbeiter haben diese kleine Flucht - wohin auch immer - schon genutzt.