14.03.2003 · Wenn sich Mitarbeiter oder Firmen streiten, ziehen sie lieber vor Gericht als im Gespräch eine Lösung zu suchen. Wirtschaftsmediation ist hierzulande noch kaum verbreitet.
Von Birgit ObermeierAnfechtung der Kündigung, Streitigkeiten über Gehalt, Zulagen oder Urlaubsanspruch oder Klagen über den Verstoß von Betriebsvereinbarungen. Jedes Jahr landen rund 600.000 Fälle vor deutschen Arbeitsgerichten. Vor Zivilgerichten streiten Firmen gegen Firmen über Schadensersatzforderungen oder Vertragsverletzungen aller Art. Der Zank vor dem Kadi fördert nicht gerade das Betriebsklima, Geschäftsbeziehungen dürften hinterher definitiv beendet sein.
Dabei ginge es auch anders, meint Reinhard Greger, Professor für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Freiwillige Gerichtsbarkeit an der Universität Erlangen. „Die Möglichkeiten der außergerichtlichen Konfliktbeilegung sind im Bewusstsein der Kläger, aber auch der Anwälte und Richter noch nicht ausreichend verankert.“ Greger betreut einen Modellversuch des bayerischen Justizministeriums, der unter anderem die Konfliktlösung durch Mediation fördert.
Konsens, kein Kompromiss
Statt auf die Durchsetzung rechtlicher Ansprüche zielt dieses Verfahren darauf, einen für alle Beteiligten tragbaren Interessensausgleich zu erzielen, der den Weg für eine künftige Zusammenarbeit nicht verschließt. Die Methode: Miteinander reden. Weil das bei längeren Querelen meist nicht mehr konstruktiv möglich ist, wird das Gespräch von einem unparteiischen Dritten geleitet. Das kann ein Jurist sein. Die für die außerrechtliche Konfliktlösung nötigen kommunikativen Qualifikationen sollen gemäß der neuen Ausbildungsordnung schon bald im Studium vermittelt werden. Ebenso kann ein in Mediationstechnik geschulter Trainer, Psychologe, aber auch ein Mitarbeiter als Vermittler agieren. Ob letzterer die Rolle überzeugend ausfüllen kann, hängt stark von seiner Distanz zur Streitfrage und damit auch von der Größe des Betriebs ab.
Als Voraussetzung für den Erfolg gilt: DieStreithähne müssen dem Mediator vertrauen, ihn wertschätzen und aus freien Stücken an der Konfliktlösung teilnehmen - mit dem Bewusstsein, dass das Ergebnis völlig offen ist. Darin liegt auch der wesentliche Unterschied zu einem gerichtlichen Vergleich: „Vergleiche sind Kompromisse, auf die man sich einlässt, wenn die Chancen im Prozess schwinden. Das Ergebnis einer Mediation aber ist ein echter Konsens. Verlierer gibt es dabei keine“, sagt Cristina Lenz, Anwältin, erfahrene Mediatorin und Vorsitzende des Bundesverbands Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt (BMWA).
Wo der Schuh wirklich drückt
Hat sich der Mediator ein Bild von dem Konflikt gemacht, fordert er die Parteien in einer gemeinsamen Sitzung auf, ihre Sicht der Dinge dazulegen. Neben Fakten und sachlichen Argumenten sollen dabei bewusst auch emotionale Aspekte zur Sprache kommen. Allzu oft zeige sich, dass der Schuh an einer ganz anderen Stelle als vorgegeben drückt, sagt Lenz: „Der Mitarbeiter streitet um eine Gehaltserhöhung, in Wirklichkeit geht es ihm aber um mehr Anerkennung und Wertschätzung.“ Ein repräsentativerer Schreibtisch oder ein leistungsfähiger Rechner und er wäre auch zufrieden.
Persönliche Animositäten, Ängste, gekränkte Eitelkeiten oder tatsächlich ein sachliches Problem: Den wahren Konfliktherd und die jeweiligen Interessen der Beteiligten heraus zu arbeiten, ist die zentrale Aufgabe des Mediators. Dazu muss er vor allen Dingen gut zuhören, das Gesagte strukturiert wiedergeben und sich in die beteiligten Personen einfühlen können - ohne dabei seine unparteiische Haltung zu verlassen. Das setzt psychische Stabilität und eine gewisse Reife voraus. Von einem Wirtschaftsmediator sei zudem „Stallgeruch“ und eine gewisse Ebenbürtigkeit mit den Streitparteien gefragt, lautet eine Erkenntnis des von der Grundig Akademie durchgeführten EU-Projekts „Business Mediation“.
Weg vom „Lila-Latzhosen-Image“
Ob der angestrebte Konsens nach zwei Tagen, Monaten oder gar nicht gefunden wird, hängt von der Vertracktheit des Konflikts und der Bereitschaft der Beteiligten ab. Das Ergebnis der Mediation wird in einem rechtsverbindlichen Vertrag, häufiger aber in einem nur moralisch verpflichtenden Memorandum festgehalten. Die Erfolgsquoten in der Wirtschaftsmediation seien hoch, die Kosten ab 120 Euro pro Stunde tragbar, meint Lenz. Freilich: Scheitert die Vermittlung, könnte neben Zeit und Geld noch mehr verloren sein - wenn die Gegenpartei in einem anschließenden Gerichtprozess offenen Worte ausspielt, die in der Mediation gefallen sine. „Dieses Risiko lässt sich nicht ausschalten“, sagt Hans-Georg Mähler, Vorsitzender des Ausschusses Mediation in der Bundesrechtsanwaltskammer. „Ein geschickter Mediator achtet jedoch darauf, dass die Diskrepanz des Gesagten nicht zu groß wird.“
Hauptberufliche Mediatoren gibt es hierzulande mangels Bedarf noch kaum. Gerade in der Wirtschaft hafte der außergerichtlichen Konfliktlösung immer noch ein „Lila-Latzhosen-Image“ an, sagt Lenz. Dabei sei Mediation ganz und gar nichts für Weicheier, ereifert sich die Juristin: „Über einen Anwalt klagen, kann jeder. Das Problem mit dem Gegner persönlich auszutragen, dazu braucht es aber Rückgrat.“
So mancher Führungskräften würde eine Schulung in Mediation nicht schaden, sagt Lenz, zur Stärkung der eigenen Sozialkompetenz. Bei der Grundig Akademie will man bereits einen Trend in diese Richtung erkennen. Bleibt zu hoffen, dass viele Konflikte künftig gar nicht erst entstehen.