26.03.2004 · Im deutschen Bildungssystem und Arbeitsmarkt haben Werdegänge angelsächsischer Art keine Tradition. Bachelor-Studenten kennen daher die Frage: "Kann man nach nur drei bis vier Jahren überhaupt etwas werden?"
Von Traude CastorWoody Allen und Robert MacNamara haben eines gemeinsam: Sie haben dort Philosophie studiert, wo Bachelor und Master keine unbekannten Größen sind. Mit der Einführung des zweistufigen Studiensystems in Deutschland hingegen tauchen Probleme in der Verzahnung von Ausbildung und Arbeitsmarkt auf, die andernorts keine Rolle spielen.
Im deutschen Bildungssystem und Arbeitsmarkt haben Werdegänge angelsächsischer Art - nach einem Biologie-Bachelor über ein Traineeship zu Financial Services - keine Tradition. Die skeptische Frage "Und was willst du damit einmal werden?" hat sich angesichts der neuen kurzen Bachelor-Studiengänge ein wenig verschoben: "Kann man nach nur drei bis vier Jahren überhaupt etwas werden?"
Versäumnisse vor der Einführung der Studiengänge
Statistisch existieren sie nicht, die ersten Novizen am Arbeitsmarkt. Untersuchungen über ihren Verbleib sind für Ende 2004 angekündigt. Das Centrum für Hochschulentwicklung CHE startet eine Sammlung von Erfahrungsberichten der ersten Absolventen-Jahrgänge, die Hochschul-Informations-System GmbH HIS eine repräsentative Umfrage. Es ist im Vorfeld der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge versäumt worden, solche Berufsfelder auszumachen, in denen ein niedriger akademischer Abschluß eine Chance gegenüber eingeführten Ausbildungsberufen hat.
An den Karrieren der ersten Absolventen soll nun insbesondere die Tauglichkeit der Bachelor-Studiengänge abgelesen werden. Ein in einem Reformprozeß fragwürdiges Verfahren, denn nicht nur die Universitäten wandeln sich, auch die Unternehmen müssen mit neuen Personalentwicklungsplänen erst reagieren. Das ist in einer Zeit ein schwieriges Unterfangen, in der die konjunkturelle Lage einen latenten bis manifesten Mangel an Fachkräften verdeckt und zum Teil selbst große Unternehmen nur noch Praktikanten rekrutieren.
Höhere Anteile der Jahrgänge für das Studium gewinnen
Prognosen sind ein heikles Feld. Doch der gefürchtete Fachkräftemangel in spätestens einem Jahrzehnt gehört zu den klar benennbaren Folgen der demographischen Entwicklung. Um diesem zu begegnen, müssen bereits heute höhere Anteile eines Jahrgangs für das Studium gewonnen werden und in Zukunft flexible Weiterbildungsangebote den Anschluß älterer Arbeitnehmer an kürzere Innovationszyklen sichern.
Mit der Umstellung der Studienstrukturen auf ein gestuftes System mit überschaubaren und flexibel plan- und finanzierbaren Studienabschnitten verbindet sich die Hoffnung, mehr junge Menschen für die höhere Qualifikation zu gewinnen und Bildungsinvestitionen des einzelnen auf ein ganzes Leben zu verteilen. Einige Unternehmen wie die Zürichgruppe Deutschland oder die Hypo-Vereinsbank stellen ihre Karrierewege von der dualen Ausbildung bereits mit Trainee-Programmen und berufsbegleitenden Qualifizierungsmöglichkeiten auf die neuen Abschlüsse um.
Scheitern an der Eingabe-Maske für Online-Bewerbungen
Vieles spricht dafür, daß mit der Erweiterung der Märkte Arbeitsprozesse arbeitsteiliger bewältigt werden müssen und eine Vielzahl aussichtsreicher akademischer Einstiegsberufe für Bachelor-Absolventen entstehen werden. In einem Wachstumsmarkt wie der medizinischen Versorgung beispielsweise räumen Experten einem Medizin-Bachelor, der Management- und Qualitätssicherungsaufgaben übernimmt, gute Chancen ein. Im IT-Bereich können Bachelor-Absolventen bereits heute eine Qualifikationslücke schließen. Wer Bachelor-Studiengänge nur als Zulieferer für den Master anlegt, blockiert diese durchaus wahrscheinliche Entwicklung auch in anderen Bereichen.
Erkennbar ist heute eine für Hochschulabsolventen auch sonst typische fach- und firmenspezifische Gemengelage aus guten und schlechten Erfahrungen: Für Ingenieure ist die allgemeine Arbeitsmarktlage derzeit vergleichsweise gut. Siemens übernimmt die Hälfte der erfolgreichen Absolventen aus einem Bachelor-Studiengang. Einige deutsche Firmen unterstützen und nutzen den Wunsch von Mitarbeitern, sich berufsbegleitend durch einen Master zu qualifizieren. Die Absolventin eines geisteswissenschaftlichen Bachelor-Studiengangs der Universität Bochum arbeitet seit 2001 in der Personalabteilung am deutschen Standort eines amerikanischen Software-Herstellers. Einer der ersten Bachelor-Absolventen ist nach einem Studium der Romanischen Philologie und der Vor- und Frühgeschichte heute in einer typischen Schnittstellenfunktion für eine italienische Bank tätig. Andere Bewerber berichten hingegen, daß sie bereits an der Maske für Online-Bewerbungen scheitern, weil für den Bachelor-Abschluß keine Eingabe vorgesehen ist. Die meisten Unternehmen verhalten sich entweder abwartend oder entscheiden, wie bisher auch, nach der Persönlichkeit des Bewerbers.
Vorgabe: eigenständiges berufsqualifizierendes Profil
Gut beraten ist jedoch, wer sich heute bei der Personalrekrutierung unter den ersten Jahrgängen der Bachelor- und Master-Absolventen umsieht. Denn es ist anzunehmen, "daß Bachelor- und Master-Studiengänge, insbesondere die Studiengänge mit einem Eignungsfeststellungsverfahren, von besonders motivierten, ,risikobereiten' Studierwilligen gewählt werden, die sich zudem ihrer Studiengangwahl absolut sicher sind und daher engagiert und erfolgreich studieren", so das Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung. Über die im Studium erworbenen Qualifikationen geben die dem Zertifikat beigefügten Diploma-Supplements sehr viel genauer Auskunft als die Zeugnisse der herkömmlichen deutschen Abschlußgrade.
"Ein eigenständiges berufsqualifizierendes Profil" sollen die neuen Studiengänge haben. An dieser Rahmenvorgabe scheiden sich die Geister. Um Berufsbefähigung zu gewährleisten, sollen Struktur und Inhalt der Studiengänge nach den Maßgaben der Modularisierung verändert, Praxiselemente integriert und Schlüsselqualifikationen vermittelt werden. Die empirischen Befunde der Studie des Wissenschaftlichen Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel vom September 2003 lassen quantitativ zwar nur eine verhaltene Umsetzung des Geforderten erkennen. Aufschlußreich für die Erkenntnis der wirklichen Neuerungen an den deutschen Hochschulen ist jedoch vielfach der Blick auf die Veränderungen der inhaltlich-curricularen Strukturen.
Statt wissenschaftlichem Nachwuchs - Berufseinsteiger
Viele Universitäten, deren definierter Auftrag bislang die Sicherung des wissenschaftlichen Nachwuchses war, tun sich mit der Etablierung kurzer berufsqualifizierender Studiengänge schwer. Vielfach wird nur ein konsekutives Bachelor-Master-Programm angeboten und vor dem frühen Berufseinstieg gewarnt. Die Sorge um die Nivellierung der Ausrichtungen von Fachhochschulen und Universitäten ist groß.
In der Vorgabe, eine Leistung zu erbringen, die sich an den Forderungen des Marktes orientiert, sehen Professoren und Teile der Studentenschaft zudem eine Gefahr für die tradierte und fruchtbare Verbindung von Forschung und Lehre an den deutschen Universitäten. Praktiziert wurde diese Verbindung jedoch auch in der Vergangenheit in den Oberseminaren. Gerade in den Geisteswissenschaften ist unter diesem Deckmantel im Grundstudium auch Mißbrauch getrieben worden. Mit der Folge, daß Studierende die Alma mater verlassen, die sie nicht nährt.
Verschiebung der Gewichte zugunsten der Lehre
Hier ist eine Verschiebung der Gewichte zugunsten der Lehre und die Rehabilitation der verantwortungsbewußten Lehrer unter den Universitätsdozenten längst überfällig. Auch die Schmälerung der nicht zweckgerichteten Forschung wird befürchtet. Viele bahnbrechende Errungenschaften sind zufällig, nicht zielgerichtet entstanden. In anwendungsorientierten Fächern wie der diskreten Mathematik kennt man die Scheu vor der Verbindung von Grundlagenforschung und Nutzen ohnehin nicht.
Hybride Studiengänge wie Philosophy & Economics verdanken sich bereits der Reform. Die im Prozeß der Einführung der neuen Studiengänge geforderte Durchlässigkeit zwischen den Hochschularten läßt auch in der Forschung neue Wege zu: So haben sich die in der Grundlagenforschung arbeitenden Mediziner der Universität Heidelberg und des Deutschen Krebsforschungszentrums mit den Umsetzungsexperten aus dem Bachelor- und Master-Studiengang Biotechnologie der Fachhochschule Mannheim in einem Graduiertenkolleg zusammengetan. Master-Absolventen der Fachhochschule sind an der Erforschung und Entwicklung molekularer Bildgebungsverfahren beteiligt. In der Folge könnten kürzere Zyklen für Produktinnovationen und Unternehmensausgründungen wiederum dem Arbeitsmarkt zugute kommen.
Nur ein Drittel aller Studieninteressierten beziehen laut einer HIS-Umfrage die neuen Studiengänge in ihre Auswahl ein. Ob sie jedoch die neuen Angebote als Chance, ihre individuelle Investition in Bildung eigenständiger, verläßlicher, flexibler und ökonomischer planen zu können, wahrnehmen oder als ein neuerliches Experiment zu ihren Lasten empfinden, ist auch entscheidend für die Motivation und die Eigenverantwortung, mit der sie in den Beruf gehen.
Das Netzwerk "Wege ins Studium" gibt ab 26. März eine Broschüre und Internetinformationen für Studieninteressierte und Berater zu den neuen Studiengängen heraus. Informationen unter www.wege-ins-studium.de.
Weitere Tips bieten: Frank, A./Dudek, K.: Mit dem Bachelor ins Unternehmen, Beiträge zur Hochschulpolitik 2/2004 (www.hrk.de/termine/Bache lorprogramm.pdf).
Gensch, S. G./Schindler, G.: Bachelor- und Masterstudiengänge an den Staatlichen Hochschulen in Bayern (www.ihf.bay ern.de/dateien/monographien/Mono graphie_64.pdf).
Reinberg, A./Schreyer, F., Arbeitsmarkt für AkademikerInnen: Studieren lohnt sich auch in Zukunft, IAB-Kurzbericht 20 (doku.iab.de/kurzber/2003/ kb2003.pdf).
Schwarz-Hahn S./Rehburg M. (2003), Bachelor und Master in Deutschland (www.bmbf.de/pub/bachelor_und_master_in_deutsch land.pdf).