http://www.faz.net/-gyl-8337m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 11.05.2015, 15:26 Uhr

Unzufriedene Arbeitnehmer Meine Firma liebt mich nicht

Deutschland streikt und meckert - obwohl wir länger Urlaub machen und weniger arbeiten als in anderen Ländern, sind wir oft unzufrieden. Sind wir zu verwöhnt? Oder brauchen wir eine völlig neue Arbeitskultur?

von Isa Hoffinger
© (c) Ian Lishman/Juice Images/Cor Null Bock: Viele Arbeitnehmer in Deutschland sind unzufrieden.

Irgendetwas könnte die Marketingabteilung der Deutschen Bahn verpasst haben in den vergangenen Monaten. In diesen Tagen endet der achte Streik der Lokführer für mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten und mehr Einfluss. Während das Personal unzufrieden ist, sieht die Deutsche Bahn sich auf dem Weg zu einem „Top-Arbeitgeber“. Eins der zehn attraktivsten Unternehmen in Deutschland möchte die Bahn werden, heißt es auf deren Internetseite. „Zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ heißt es dort, seien die „Voraussetzung für zufriedene Kunden“. Im Rahmen von „Zukunftskonferenzen und Regionalen Zukunftsdialogen“ will die Bahn die Mitarbeiter in die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur einbinden. Was das konkret heißen soll und welche Kultur gepflegt wird, geht aus dieser Beschreibung nicht hervor. Zudem dürfen die Mitarbeiter dem Vorstandsvorsitzenden persönlich Fragen stellen - ob dieser sie auch alle beantwortet, bleibt offen. Und auch die Einführung eines „360-Grad-Feedbacks“ wird dem Durchschnittsangestellten erst mal wenig sagen.

Mehr zum Thema

Die Selbstdarstellung der Bahn auf ihrer Homepage ist das perfekte Beispiel dafür, wie schwer wir Deutsche uns damit tun, ein positives Leitbild zu formulieren, das auch in Konzernstrukturen lebbar ist. Vieles, was nach innen und außen kommuniziert wird, klingt verquast, steif, hohl und blutleer. Dabei sind Leitbilder im Grunde etwas Gutes. Sie bieten eine Art Gerüst, an dem sich neue Mitarbeiter entlanghangeln können. Bewerbern ermöglichen sie Orientierung, setzen moralische Standards im Hinblick auf den Umgang von Kollegen miteinander, und sie sind im besten Fall motivierend für die Mitarbeiter. Das Dumme ist bloß, dass Idealbilder, die von Marketing- oder Personalabteilungen entwickelt werden, oft wenig mit der Realität zu tun haben.

Nur 16 Prozent der deutschen Beschäftigten weisen laut der jüngsten Studie des Beratungsunternehmens Gallup eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber auf und sind bereit, sich für dessen Ziele voll einzusetzen. Der Rest der Belegschaft leistet offenbar entweder Dienst nach Vorschrift oder hat schon innerlich gekündigt. Gallup berechnet daraus einen Schaden von mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr für die deutsche Volkswirtschaft. Auch wenn man die Zahl nicht auf die Goldwaage legen darf, ist wohl unstrittig, dass unglückliche Angestellte oft nicht bei der Sache sind, anderen Kollegen die Stimmung vermiesen können, eher streiken oder in letzter Konsequenz das Unternehmen verlassen und im schlimmsten Fall ihr Wissen bei der Konkurrenz einbringen.

Mehr Arbeit, weniger Urlaub, weniger Streiks

„Ein Grund für die Unzufriedenheit ist die Spaltung der Belegschaft in einen Teil der Kollegen mit alten, unbefristeten Verträgen, die viel verdienen, und einen anderen Teil von Teams mit schlechter bezahlten Verträgen“, sagt Gernot Pflüger. Der Geschäftsführer der CCP Studios Event GmbH in Offenburg produziert Werbefilme, kapitalistischer geht es also kaum. Er pflegt aber seit 20 Jahren einen für deutsche Verhältnisse recht ungewöhnlichen Führungsstil. In seiner Firma verdienen alle dasselbe, unabhängig davon, ob sie als Kameramann, Grafikdesigner, Cutter oder Projektleiterin arbeiten. Die rund 30 Angestellten kommen zur Arbeit, wann sie wollen, und suchen sich ihre Aufgaben nach ihren Neigungen aus. „Jeder ist mal der Chef, je nachdem, wer bei einem Projekt die besten Fachkenntnisse hat, der hat das Sagen“, erzählt Pflüger. Seine Mitarbeiter sind außerdem an wichtigen Entscheidungen beteiligt, zum Beispiel wenn es um Neueinstellungen geht. Pflüger als Geschäftsführer kann sogar von seinen Angestellten überstimmt werden und musste sich für seine Art der Personalführung schon als „Kommunist“ beschimpfen lassen.

In seinem Buch „Arbeiten ohne Chef“ beschreibt er seine Vision von einer menschenfreundlichen, ethischen, motivierenden Unternehmenskultur. „Die meisten Chefs betrachten ihre Mitarbeiter als Feinde, die man ständig anleiten oder kontrollieren muss, das lähmt deren Eigeninitiative und verhindert, dass sich die Leute mit der Firma identifizieren“, sagt er. Wie groß das Bedürfnis nach alternativen Arbeitskulturen und die Unzufriedenheit mit konventionellen Hierarchien offenbar ist, bekam er nach einem Fernsehauftritt zu spüren. Rund 2000 Initiativbewerbungen flattern ihm danach ins Haus. Nach einem Blick über die Grenzen hinweg sind Beschwerden über schlechte Arbeitsbedingungen jedoch nur schwer nachvollziehbar. Laut einer OECD-Studie arbeiten Deutsche im Durchschnitt nämlich nur 1419 Stunden, Schweizer dagegen schon 1640 und Amerikaner sogar 1778 Stunden im Jahr.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Berliner Start-up Virtenio Der Datensammler fährt mit

Achtung, wertvolle Ware! Was auf langen Transporten passiert, bleibt bisher zumeist im Dunkeln. Das junge Unternehmen Virtenio aus Berlin will das ändern. Mehr Von Manfred Schäfers 3 8