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Veröffentlicht: 12.04.2008, 05:00 Uhr

Überschätztes Multitasking Besser eins nach dem anderen

Das Bild der Frau als Meisterin des Multitaskings beginnt zu bröckeln. Psychologen und Hirnforscher kratzen es an: Zappen zwischen verschiedenen Aufgaben geht Hand in Hand mit kürzerer Aufmerksamkeit.

© fotolia.com Multitasking - ein irreführender Begriff aus der Computerwelt

Es ist eines der wenigen Dinge, die Männer Frauen mehr oder weniger einmütig zugestehen: Das weibliche Geschlecht ist besser darin, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. E-Mails lesen und dabei telefonieren? Auf die Kinder gucken, das köchelnde Essen im Auge behalten und gleichzeitig mit der Freundin quatschen? Kein Problem für Frauen, extrem schwierig für Männer, glauben laut mehrerer Umfragen sowohl männliche als auch weibliche Befragte. Mehr noch: Fragt man die Frauen selbst, ziehen viele es sogar vor, sich mit unterschiedlichen Dingen gleichzeitig zu beschäftigen, während Männer viel lieber in Ruhe eines nach dem anderen erledigen.

Doch das Bild der Frau als Meisterin des Multitaskings beginnt zu bröckeln. Angekratzt wird es vor allem von Psychologen und Hirnforschern: Deren Studien lassen nämlich nicht nur keine Überlegenheit beim weiblichen Geschlecht erkennen, sondern sie stellen gleich das gesamte Konzept des menschlichen Multitaskings infrage. „Das gibt es gar nicht“, lautet etwa Ernst Pöppels Einschätzung. Das Gehirn sei rein physiologisch gar nicht in der Lage, auf mehrere Dinge gleichzeitig zu reagieren, erläutert der Psychologe von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in der Mai-Ausgabe des Magazins „Bild der Wissenschaft“.

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Die Betonung liegt dabei auf reagieren, denn mehrere Reize parallel wahrnehmen und verarbeiten, wie es Mütter beim Aufpassen aufs kochende Süppchen und die spielenden Kinder tun, das geht durchaus. Allerdings scheint es sich auch hierbei um eine Fähigkeit zu handeln, die Frauen vor allem durch ständiges Üben besser beherrschen als Männer - und nicht etwa um eine angeborene Überlegenheit. Und wo Konsequenzen aus dem Wahrgenommenen gezogen oder gar bewusst Entscheidungen getroffen werden müssen, ist es mit dem Parallelen gleich ganz vorbei. „Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann immer nur ein einziger Sachverhalt im Zentrum des Bewusstseins stehen“, unterstreicht Pöppel.

Folgerichtig ist auch das Gefühl, Verschiedenes gleichzeitig erledigen zu können, nichts als eine Täuschung. In Wahrheit rasen Gedanken und Aufmerksamkeit von einer Aufgabe zur nächsten, wieder zurück und dann weiter - ein System, bei dem es nicht überrascht, dass die Effizienz stark leidet. Das haben unter anderem die beiden amerikanischen Hirnforscher David Meyer und Jeffrey Evans gezeigt, indem sie Probanden unterschiedliche Aufgaben parallel lösen ließen.

Mehr Fehler

Das Ergebnis: Die Testteilnehmer brauchten nicht nur jedes Mal Zeit, um sich umzustellen, wenn sie von einer zur nächsten Tätigkeit wechselten. Sie reagierten auch langsamer und machten mehr Fehler, vor allem, wenn eine der Aufgaben zusätzlich starke Emotionen hervorrief. Insgesamt, so das ernüchternde Fazit der Wissenschaftler, schafft das Gehirn unter solchen Bedingungen nicht einmal die Hälfte der Leistung, die es ohne Ablenkung erbringen würde. Man muss sich also mindestens zehn Minuten durchgehend mit einer Sache beschäftigen, um nicht ausgebremst zu werden, lautet daher ihre Empfehlung.

Wie sehr die Multitasking-Bremse auch im Alltag zuschlägt, konnte der Aachener Psychologe Iring Koch an einer Supermarktkasse beobachten. Die Kassiererin sei dabei gewesen, Milchtüten über den Scanner zu ziehen, als das Telefon klingelte. „Sie ging dran, und dabei stockte selbst eine so simple Aufgabe wie das Scannen der Ware. Telefonieren und dabei gleichzeitig Milchtüten übers Band ziehen - damit war das Gehirn schon überfordert“, erzählt der Wissenschaftler.

Dazu kommt noch ein weiterer Faktor, den wohl fast jeder aus eigener Erfahrung kennen dürfte: Wenn mehr als eine Aufgabe ihrer Erledigung harrt, entsteht Stress. „Auch wenn die Leistung konstant bleibt, nehmen die Menschen so etwas meist als anstrengender wahr. Sie haben das Gefühl, dauernd auf einen neuen Reiz oder eine Information reagieren zu müssen“, weiß Psychologe Koch.

Ein Problem am Arbeitsplatz

Natürlich gibt es auch Menschen, die genau das anregend finden. Sie suchen sich bewusst Arbeiten und Tätigkeiten aus, die sie immer wieder mit Neuem konfrontieren - „Multitasking-Junkies“ sozusagen. Doch auch sie finden in den Augen von Psychologen keine Anerkennung, im Gegenteil: Eine Studie aus Harvard hat eindeutig gezeigt, dass dieses Zappen zwischen verschiedenen Aufgaben Hand in Hand mit einer verkürzten Aufmerksamkeitsspanne geht. Langfristige Projekte kommen daher für solche Menschen kaum noch infrage, weil sie sich darauf einfach nicht konzentrieren können.

Diese Unfähigkeit zu effizientem Multitasking wird zunehmend am Arbeitsplatz zum Problem. Ständig durchbrechen Telefonate, E-Mails oder Anfragen von Kollegen die Konzentration und verlangen sofortige Reaktionen. „Die Firmen täten besser daran, den Multitasking-Druck, der auf den Angestellten lastet, zu vermindern“, meint Koch, der sich bereits seit über zehn Jahren mit dem Problem beschäftigt. Umgekehrt müssten die Mitarbeiter für ein effizientes Arbeiten damit anfangen, Dinge nacheinander zu erledigen. „Das lässt sich leicht lernen“, versichert Koch - und zwar für Männer und Frauen gleichermaßen.

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