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Veröffentlicht: 12.06.2017, 06:47 Uhr

Berufliches Comeback Zwischen Intensivstation und Chefsessel

Einem Spenderherz verdankt Oscar Munoz, dass er noch lebt. Hier erklärt er, warum er danach auf den wohl härtesten Posten in der Luftfahrtbranche zurückgekehrt ist.

von
© Wayne Slezak Teamgeist: United-Chef Munoz schwört Mitarbeiter auf gemeinsame Ziele ein.

Den 9. April 2017 wird Oscar Munoz so schnell nicht vergessen. Es ist jener Sonntag, an dem ein verstörender Vorfall an einem amerikanischen Flughafen den Vorstandschef von United Airlines aus der Fassung brachte und ihn binnen Stunden zu einer tragischen Figur in der breiten Öffentlichkeit machte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich damals jene Videoszene im Internet, die den gewaltsamen Rauswurf eines Passagiers an Bord des United-Jets zeigte. Dieser Kunde musste seinen Sitz am Fenster deshalb räumen, weil Flug 3411 überbucht war und Platz geschaffen werden musste für eine Crew, die zum Einsatz in einer anderen Stadt erwartet wurde. Der Passagier, ein Arzt aus Louisville/Kentucky, wurde bei dem brutalen Rauswurf durch das Sicherheitspersonal schwer verletzt. Ein Vorfall, der dank millionenfacher Verbreitung in sozialen Medien für weltweite Empörung sorgte und Munoz öffentlich in Zugzwang brachte.

Ulrich Friese Folgen:

Der 58 Jahre alte Vorstandschef wirkte zunächst wie ein abgebrühter Manager, als er in einem internen Rundschreiben den Vorfall zwar bedauerte, sich dort aber gleichzeitig über den renitenten Passagier aus Kentucky beklagte. Erst zwei Tage später folgte der obligatorische Kniefall in der Öffentlichkeit, als sich der Konzernlenker in amerikanischen Medien – und später auch vor dem Untersuchungsausschuss in Washington – als reuiger Sünder zeigte und vor laufenden Kameras endlich versprach: „So etwas wird bei uns nie wieder passieren.“

46895073 Lebensretter: Herzspezialisten des Northwestern Memorial Hospital in Chicago © Wayne Slezak Bilderstrecke 

Schlimmer konnte es für die drittgrößte Fluggesellschaft der Vereinigten Staaten, die mehr als 80.000 Mitarbeiter beschäftigt und zur Zeit etwa 143 Millionen Passagiere im Jahr transportiert, kaum kommen. Munoz muss nach dem peinlichen Skandal hart kämpfen, um gegenüber den Erzrivalen Delta und American Airlines nicht noch mehr Kunden und Marktanteile zu verlieren. Auch auf die in Aussicht gestellte Beförderung muss Munoz länger warten. Danach sollte er wohl Mitte 2018 in Personalunion zum Chef des Verwaltungsrates (Board) aufrücken. Doch sein Aufstieg im Konzern ist quasi auf Bewährung ausgesetzt, beschreibt ein ehemaliger Weggefährte die verkappte Strafaktion.

Der Industrieprofi mutete sich mit Tagesgeschäft zu viel zu

Mit beruflichen Turbulenzen und persönlichen Tiefschlägen ist Munoz durchaus vertraut. Vor knapp zwei Jahren wechselte der in Kalifornien geborene Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln eher zufällig in die Luftfahrtindustrie. Denn als damaliger Chef des amerikanischen Eisenbahnbetreibers CSX wurde er zunächst als unabhängiges Mitglied in den United-Board berufen. Er stieg jedoch binnen Kürze zum internen Krisenhelfer auf, als sich die Führungskrise der Fluggesellschaft zuspitzte.

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Als im September 2015 der langjährige United-Chef Jeff Smisek wegen einer Korruptionsaffäre abdanken musste, waren sich die übrigen Verwaltungsräte über den idealen Nachfolger rasch einig. Ihre Wahl fiel einstimmig auf Munoz, der sich nach seinem BWL-Studium bei Markenartiklern wie Coca-Cola, Pepsi Cola oder AT&T profilierte und früh von einem Wirtschaftsmagazin zu den 100 einflussreichsten Managern mit hispanischen Wurzeln im Lande gezählt wurde. Was die Wahl zudem erleichterte: Statt lange nach einem externen Kandidaten für den Spitzenposten des Konzerns zu fahnden, stand mit Munoz kurzfristiger Ersatz aus dem Board parat.

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