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Veröffentlicht: 16.06.2017, 07:00 Uhr

Ortsunabhängigkeit Laptop + ich = Arbeit

Fluch und Segen des mobilen Arbeitens: Für etliche Berufe ist nicht mehr nötig als ein Computer mit Internetanschluss. Den Arbeitsort frei zu wählen macht vieles leichter – manches aber auch schwerer.

von
© Helmut Fricke Arbeiten im Grünen: Heutzutage ist das vielerorts theoretisch möglich. Die wenigsten machen aber davon Gebrauch; das Home Office ist verbreiteter.

Bis vor zwei Jahren war Mike Miler noch ein gewöhnlicher Büroarbeiter in Deutschland. Als Webdesigner bastelte und vermarktete er Bürosoftware für Existenzgründer. „Ich saß sechs Tage die Woche von früh bis spät am Schreibtisch“, sagt Miler. „Es war sehr stressig.“ Die kleine bayrische Agentur, für die er tätig war, hatte er selbst zusammen mit zwei Freunden gegründet, es gehörte zum guten Ton, sich für den Beruf aufzuopfern. Neben seinen vier Bürowänden und dem Bildschirm gab es wenig in Milers Leben. „Irgendwann spürte ich, dass ich da rausmusste“, sagt Miler. Er gab seinen Posten auf und flog nach Australien.

Nadine Bös Folgen:

„Die ersten zwei Wochen dort konnte ich gar nicht richtig genießen. Ich war das nicht gewöhnt – einfach rumzureisen.“ Dann schloss er sich einer Gruppe Rucksacktouristen an. Aus ein paar Wochen wurden Monate, schließlich eine Weltreise. Auf Fidschi kam er mit einer Tauchlehrerin ins Gespräch, die eine neue Website brauchte. „Da kenne ich mich aus“, sagte Miler und arbeitete drauflos. Auch die Freunde der Tauchlehrerin bewunderten die schöne neue Internetseite – und schlugen Miler vor, seine Programmierkenntnisse gegen Bezahlung anzubieten. Er begriff: Wenn er wollte, musste er gar nicht mehr heim. Ein Laptop und eine Internetverbindung reichten, um sich sein eigenes Start-up aufzubauen. Seither reist er arbeitend um die Welt und hilft Selbstständigen und Unternehmen beim Bauen ihrer Online-Präsenzen. Er macht Couchsurfing, wohnt in Ferienwohnungen oder Hostels. Sein Zimmer in München hat er untervermietet; demnächst will er es ganz aufgeben.

 
Ortsunabhängiges Arbeiten verbreitet sich immer mehr. Fluch oder Segen?

Mike Miler ist ein Extremfall dessen, was sich in der Karrierewelt derzeit an vielen Stellen tut: Für immer mehr Berufe reichen ein schlauer Kopf, ein Laptop und ein Smartphone aus. Das gilt längst nicht mehr nur für Solo-Selbstständige wie Miler, sondern auch für die Beschäftigten vieler Unternehmen: Bosch, Daimler, Merck – auf der Liste der Arbeitgeber, die den Arbeitsort für ihre Angestellten grundsätzlich freigegeben haben, finden sich immer mehr bekannte Namen. Das bedeutet natürlich nicht, dass von heute auf morgen ein Großteil der Belegschaft auf Fidschi sitzt und während der Arbeit die Zehen im Inselsand vergräbt. Es heißt aber doch, dass alle Mitarbeiter, die nicht gerade in der Fertigungshalle am Band stehen, zunehmend wählen dürfen, ob sie ins Büro kommen wollen oder woanders arbeiten – im Café, im Co-Working-Space, im Freibad oder zu Hause.

Umkehr der „Beweislast“

Inoffizielle Absprachen dazu gibt es schon länger. Aber immer mehr Unternehmen gießen sie nun in feste Betriebsvereinbarungen, die dazu führen, dass sich die „Beweislast“ zugunsten der Mitarbeiter umdreht. Nicht mehr der Chef erlaubt es, ausnahmsweise dem Büro fernzubleiben, und der Angestellte muss begründen, warum. Sondern der Angestellte darf grundsätzlich seine Arbeit von überall her erbringen, und der Chef muss begründen, wenn das mal nicht geht. „Die freie Wahl von Arbeitsort und -zeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter, liefert bessere Arbeitsergebnisse und stärkt die Kreativität“, sagt Christoph Kübel, Arbeitsdirektor von Bosch, wo das ortsunabhängige Arbeiten seit 2014 offiziell erlaubt ist. Mehr Ergebnisorientierung und weniger Präsenzkultur sei das Ziel. Personalfachleute glauben, dass noch mehr dahintersteckt. „Arbeitskräfte sind knapp, die Arbeitgeber müssen den Mitarbeitern etwas bieten“, sagt Katharina Heuer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. „Und gerade die gefragten Fachkräfte in IT- und Digitalberufen wollen raus aus den engen vier Bürowänden.“

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