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Veröffentlicht: 03.04.2017, 14:00 Uhr

Management Teilzeit in der Chefetage

Chef sein, aber nur zwei Tage in der Woche am Arbeitsplatz – geht das überhaupt? Ja! Sogar Mittelständler versuchen es. Damit es klappt, muss aber einiges beachtet werden.

von Oliver Schmale
© Getty Teilzeit lässt sich organisieren. Aber wirklich für alle?

Führen trotz Teilzeit: An Frauen, die sich dieser Herausforderung annehmen, haben sich viele Unternehmen gewöhnt. Männer, die das Gleiche tun, gelten dagegen als Exoten. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum Unternehmen ihren Mitarbeitern so etwas ermöglichen. Meist geht es darum, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. In einem anderen Fall muss eine Führungskraft aus privaten Gründen ihre Arbeitszeit reduzieren. Oder ein Arbeitgeber muss mit den Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit seine Attraktivität steigern, weil es ansonsten schwerfällt, eine anspruchsvolle Stelle zu besetzen oder bewährte Mitarbeiter auf Dauer zu halten.

Die Marquardt-Gruppe, ein Familienunternehmen mit 9300 Mitarbeitern in der Welt, ist im baden-württembergischen Rietheim-Weilheim bei Tuttlingen ansässig. „Das ist nicht der Mittelpunkt Europas“, gibt Personalleiter Thomas Braun zu. Um etwa qualifizierte Mitarbeiter an den Betrieb zu binden, seien flexible Arbeitszeitmodelle nötig. Die Entscheidung für ein solches Modell auf Management-Ebene sei daher länger diskutiert worden. „Eine Frage war, wie reagiert die Belegschaft auf dieses Modell?“ Die zunächst befürchtete Skepsis unter den Mitarbeitern sei jedenfalls ausgeblieben, heißt es. Bereits 2011 ist die interne Entscheidung gefallen, auch Führungskräften Arbeit in Teilzeit zu ermöglichen.

 
Teilzeitarbeit wird immer gängiger. Aber geht das in jeder Position oder ist die Chefetage ausgenommen?

Im obersten Management-Zirkel des Mechatronik-Spezialisten nutzen diese Option zwei Personen. Dabei muss aber laut Personalleiter folgender Aspekt geklärt sein: „Zu welchen Zeiten ist die Führungskraft persönlich erreichbar?“ Es sei schließlich schwer, persönliche Eindrücke von Büromeetings per E-Mail zu vermitteln. Der 50 Jahre alte Ludger Schöcke ist dabei jeweils zwei Tage in der Woche für fünf Stunden an seinem Arbeitsplatz präsent. Der Naturwissenschaftler, der seit Jahren im Personalbereich tätig ist, ist gegenwärtig für zehn Mitarbeiter verantwortlich. „Wichtig ist eine gute persönliche Beziehung zu den Beschäftigten“, sagt er.

Transparenz macht alles leichter

Schöcke ist insgesamt 20 Stunden in der Woche für seinen Arbeitgeber tätig. Da seine Aufgaben vor allem in der Personal- und Organisationsentwicklung liegen, ist die konzentrierte Arbeit zu Hause ideal. Dabei kann er seine Heimarbeit so einteilen, dass sie mit den Anforderungen der Familie in Einklang zu bringen ist. Dringende und unaufschiebbare Sachen zwischen ihm und seinen Kollegen werden kurzfristig am Telefon geklärt.

Für Schöcke ist die Teilzeitarbeit auch aus gesundheitlichen Gründen eine ideale Lösung. Vor gut sechs Jahren hatte er einen Schlaganfall. „Für mich gab es danach nur zwei Optionen: mit einer halben Stelle zurückzukommen oder aufzugeben“, sagt er. Sein Chef betont, die damals gefundene Lösung sei auch ein guter Weg, um erfahrene Mitarbeiter zu halten. Außerdem sei es wichtig, Transparenz zu schaffen, warum ein Mitarbeiter diesen Weg geht. Dass Schöcke auch manchmal mehr als 20 Stunden pro Woche tätig ist, gibt er unumwunden zu. Er besuche auch Workshops, da könne man nicht nach ein paar Stunden einfach gehen. Der Personalleiter von Marquardt räumt zudem ein, dass mit Teilzeitarbeit im Ausland sehr viel lockerer umgegangen wird.

Nach einer im Januar vorgestellten Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung können flexible Arbeitszeiten die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt verstärken. Das sei dann der Fall, wenn diese Beschäftigungsformen überwiegend nur von Frauen genutzt werden. Bundesweit 80,8 Prozent der Teilzeitbeschäftigten waren 2015 Frauen. Wie die Autorin der Studie, Yvonne Lott, erläutert, tun sich deutsche Unternehmen mit Teilzeitarbeit auf Leitungspositionen immer noch sehr schwer: „Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten mit Management- oder weitergehenden Führungsaufgaben lag zuletzt bei 11 Prozent“, klagt sie, „bei herausgehobenen Führungsposten waren es nur 6,5 Prozent.“ Dass es der Karriere schadet, die Arbeitszeit wegen der Kinderbetreuung zu verringern, erlebten aber auch Männer, wenn sie mehr als zwei Monate Elternzeit nähmen.

Führungspositionen lassen sich auch teilen

Markus Weber von der Personalberatung Dr. Maier + Partner merkt an, dass die gesamte Thematik auf Management-Ebene durchaus kritisch betrachtet wird. Für viele sei das immer noch ein Karrierekiller. Deshalb steigen auch nicht viele in so ein Modell ein. „Es gibt auch nicht viele Unternehmen, die diese Modelle praktizieren, vor allem nicht in der Kombination, dass sich zwei Führungskräfte eine Führungsposition teilen und beide in Teilzeit arbeiten.“ Gesellschaftlich sei das immer noch nicht anerkannt – vor allem nicht bei Männern. Das habe viel mit überkommenen, tradierten Rollenbildern zu tun, die immer noch vorherrschen.

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