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Veröffentlicht: 26.11.2014, 06:00 Uhr

Konformität im Berufsleben Was die Arbeit mit mir macht

Auch in den modernsten Unternehmen gilt: Wer erfolgreich sein will, muss sich anpassen. Der Konformismus verändert den Menschen aber von Grund auf. Doch ist das gut oder schlecht?

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© Reuters Roboter als Vorbild? Wer nach oben will, muss sich anpassen.

Viele empfinden gerade die ersten Arbeitswochen in einem neuen Unternehmen als anstrengend. Nicht nur, weil die Aufgaben neu sind, sondern weil das Umfeld neu ist. Stress entsteht, weil man ein Unwissender ist unter Wissenden. Denn ein Unternehmen ist ein sonderbares Gefüge mit geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, offiziellen und inoffiziellen Hierarchien; es produziert nicht nur Güter und Dienstleistungen, sondern ist auch ein Bedürfnisbefriedigungsort für Angestellte, Chefs, Unter-Chefs. Es sieht für einen neuen Mitarbeiter erst mal nicht selten so nebulös aus, wie Kafkas Schloss: Die Spielregeln sind unbekannt, die heimliche Agenda der Macht, die ganze Geschichte, wer mit wem, warum, was gar nicht geht - das verrückte Labyrinth.

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Ohne Anpassung steht man in der Welt dieser Organisation allein da. Das natürliche Verhalten ist: Erst mal in Ruhe beobachten, die Fühler ausstrecken. Dann kommt die Frage, inwieweit sich der Mitarbeiter konform verhält? Handelt es sich um einen Berufsanfänger, kann es der Moment sein, in dem er seine sprichwörtlichen Flügel verliert, die idealistischen Vorstellungen vom Beruf fallen lässt oder Pläne aufschiebt. Er wird pragmatisch.

Das ist der Grund der sogenannten „deformation professionelle“. Bald werden die Freunde sagen: Er ist nicht mehr der Alte. Die Arbeit verändert den Menschen stärker, als sich die meisten bewusst sind. Vormals linksradikale Doktoranden arbeiten wenige Monate in der Bank und singen plötzlich im Freundeskreis das Lied von freien Märkten. Lehrer sind irgendwann von ihrem Besser-Wissen so sehr überzeugt, dass sie auch mit Erwachsenen wie mit Kindern reden. Juristen sehen Streitfälle und Schadensersatzansprüche, wo andere Blumen, Gemälde oder Sportverletzungen sehen. Eitle Manager reden ungeniert verächtlich über „Geringleister“. Und Stewardessen laufen mit einem Lächeln durch die Welt, das nicht so ganz echt aussieht.

Den Angepassten droht der Burnout

Oberflächlich kann man sagen: Der Beruf färbt eben ab. Man nimmt die Marotten mit nach Hause - so wie die Laborantin, die auch in der eigenen Wohnung ständig den Boden desinfiziert, weil sie es im Chemielabor immer so machen. Oder der Fotograf, der auch in der Freizeit ständig draufhält. Das sind Ticks oder Anlagen, aber noch nicht unbedingt Deformation. Die Veränderung von inneren Haltungen ist nicht durch neue Gewohnheiten zu erklären, sondern mit einem Blick auf die Mechanismen der Anpassung. Der Wiener Organisationsforscher Michael Busch hat sich mit dem Thema befasst. Er meint, die Deformation durch Konformismus passiere eher Angestellten, die es in der Hierarchie weit gebracht haben. „Wer steigt eher auf, das Chamäleon oder der Einzelgänger?“, fragt er und antwortet selbst: „Vermutlich doch eher das Chamäleon.“

Die Organisationsforschung unterscheidet zwischen Einstellungs- und Anpassungskonformität. Das erste heißt: mit Meinungen oder Normen voll innerlich übereinzustimmen. Das zweite: sie nicht zu teilen, aber schweigend zu akzeptieren. Die Einstellungskonformen kommen in der Berufswelt gut zurecht. Den Angepassten droht der Burnout, so beschreibt es Michael Busch in einem neuen Buchbeitrag „Auszehrung der Mitarbeiter als Folge von Konformitätsdruck“ (Gabler). Hinzu tritt Stress, der Krankheiten begünstige. Es sollte „der Blick vermehrt auf die dunklen, krankmachenden Seiten der Teamarbeit gelenkt werden“, heißt es im Buch. Warum das? Heute gibt es, so der Stand der Forschung, in Unternehmen im Vergleich zu früher zwar seltener Druck, eine bestimmte Meinung zu vertreten.

Dafür finden sich häufiger Leistungsnormen vor. „Traut man sich in den modernen Arbeitswelten noch offen, auch mal nein zu einer Aufgabe zu sagen, das ist mir jetzt zu viel?“, fragt Michael Busch, der an der Fachhochschule Wiener Neustadt lehrt. Gerade in Organisationen, die auf Teamarbeit und flache Hierarchien setzten, sei das nicht der Fall, sei die „Leistungskonformität“ enorm. Das heißt: Wer weniger leistet, fliegt raus, wird gemobbt, geringgeschätzt, subtil ausgegrenzt. Apple oder Facebook, sagt Michael Busch, könnten es sich als innovative Marktführer nicht leisten, Meinungen zu unterdrücken. Dafür forderten sie Leistung in extremer Form. Vom verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs ist über sein Unternehmen das Zitat überliefert, „dass man zweitklassige Spieler nicht tolerieren kann“.

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