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Veröffentlicht: 18.11.2014, 06:00 Uhr

Online-Arbeit Die Zukunft der digitalen Tagelöhner

Im Internet bieten Werbetexter, Programmierer und Übersetzer ihre Arbeit rund um die Welt an. Ihre Arbeitgeber bekommen sie nie zu Gesicht, ihre Leistung wird per Webcam kontrolliert. Was reizt an diesem Arbeitsmodell?

von Marie Baumann
© Reuters Manche Freelancer arbeiten vom Strand in Brasilien aus, andere mieten sich in einem Co-Working-Space ein.

Es ist noch gar nicht so lange her, da verbrachten Freiberufler lange Stunden mit der Suche nach dem nächsten Auftraggeber, mit der Anreise zum nächsten Projekt oder mit dem Verschicken von Rechnungen. Zumindest für einige von ihnen ist das heute einfacher. Auf Online-Plattformen wie oDesk, Freelancer und Twago können sie so gut wie alle Leistungen anbieten, die am Computer erledigt werden können, und das weltweit. Programmierer, Texter und Grafiker, aber auch Personal Assistants, früher nannte man sie Sekretärinnen, feilschen hier um Projekte.

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Das Geschäft mit der Online-Arbeit boomt, sagen die Betreiber der Vermittlungsplattformen. Alle 15 Sekunden wird bei den vor kurzem fusionierten Websites Elance und oDesk ein Auftrag eingestellt. Allein in Deutschland, versichert Nicolas Dittberner, der Deutschlandchef des Unternehmens, sei der Markt für solche Online-Dienstleistungen im vergangenen Jahr um 62 Prozent gewachsen.

Für die Auftraggeber ist Outsourcing übers Netz eine feine Sache, es ist günstig und flexibel. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen lohnt es sich, für selten anfallende Aufgaben einen Spezialisten im Netz anzuheuern, anstatt einen teuren Mitarbeiter anzustellen, der vielleicht nur selten gebraucht wird. Und die großen Namen ziehen langsam nach: Elance wirbt stolz damit, Microsoft, NBC und Unilever zu seinen Kunden zu zählen.

Vom Strand aus arbeiten

Auch für die Auftragnehmer hat das flexible System Vorteile. Gut ausgebildete Universitätsabsolventen erhoffen sich davon offenbar die Chance, bei ganz verschiedenen Projekten und Arbeitgebern Erfahrungen zu sammeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die zusammen von der amerikanischen Freiberufler-Vertretung „Freelancers Union“ und dem Unternehmen Elance-oDesk in Auftrag gegeben wurde. Mehr als zwei Drittel erwarten außerdem, dass die Unabhängigkeit von einem einzigen Arbeitgeber ihnen eine bessere Balance zwischen Arbeitsleben und Freizeit ermöglicht.

Auf den ersten Blick leuchtet das ein: Wer sich bei der Plattform anmeldet, bestimmt schließlich selbst, wie viele und welche Aufträge er annimmt. Wo, wann und wie lange er arbeitet, bleibt ihm überlassen. Auf den Plattformen tummeln sich zum Beispiel Europäer, die ihrer Arbeit von den Philippinen oder Brasilien aus nachgehen. Wer hätte früher schon vom Strand aus einen Arbeitgeber in Deutschland oder Amerika gefunden? Ohne feste Anstellung an Aufträge zu kommen - dafür waren vor allem persönliche Kontakte wichtig. Dank der Internet-Plattformen braucht man die nun nicht mehr. Ähnlich wie bei dem Online-Auktionshaus Ebay sorgt ein ausgeklügeltes Feedbacksystem für Vertrauen unter den anonymen Marktteilnehmern.

Nachdem ein Auftrag abgeschlossen ist, verteilen die Auftraggeber Sterne und schreiben Kommentare: „Großartige Zusammenarbeit“ oder „Hat das Projekt nie fertiggestellt und aufgehört, zu antworten“ liest man da. Wie lange der Freiberufler bei Zwischenfragen für die Antwort gebraucht hat, ob er Fristen versäumt hat und ob es Streitigkeiten gab, all das fließt in die Bewertung mit ein. Gute Noten sichern einen Platz ganz weit oben auf der Bewerberliste, aus denen sich die Unternehmen ihren Lieblingskandidaten heraussuchen. Wie wichtig das für künftige Aufträge ist, weiß jeder, der schon mal gegoogelt hat: Weiter als bis zur zweiten Seite kommt man bei den Suchergebnissen nie.

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