Karriere und Partnerschaft sind nicht immer leicht zu vereinbaren. Vor allem, wenn das Paar nicht in derselben Stadt arbeitet. Rolf Drees weiß das aus eigener Erfahrung: „Ich mag meine Arbeit sehr, aber es ist schon überwiegend der Kopf, der da am Montag Morgen sagt: Auf nach Düsseldorf.“ Seit sieben Jahren ist der Fünfundvierzigjährige mit seiner Freundin zusammen, seit zwei Monaten pendelt er zwischen Frankfurt und Düsseldorf. Kein optimaler Zustand, findet er: „Man ist ja nicht mit jemandem zusammen, weil man froh ist, daß man auseinander ist, sondern ich bin mit meiner Freundin zusammen, weil ich mit ihr gemeinsam leben will.“
Doch in seiner Heimatstadt fand der Frankfurter, nachdem er 13 Jahre Pressesprecher von Union Investment war, keine passende Stelle. Dafür aber im 1 Stunde und 35 Minuten mit dem Zug entfernten Düsseldorf: die Leitung der Presse- und Finanzanalyseabteilung bei der WGZ Bank. „Es ist eine sehr interessante Aufgabe, in die ich nahtlos wechseln konnte. Hier kann ich meine Erfahrungen als Finanzanalyst und als Pressesprecher miteinander kombinieren.“ Für den guten Arbeitsplatz nimmt er eine Fernbeziehung in Kauf.
Eine Art Wertewandel
Ähnlich haben sich Schätzungen zufolge vier Millionen Paare in Deutschland bisher entschieden, die Tendenz ist steigend. Viele von ihnen sind Akademiker. Das läßt sich leicht nachvollziehen: Die Stellen, die für Menschen mit einer hohen Qualifikation interessant sind, gibt es nicht immer in der bevorzugten Stadt. Aber auch Leute mit einem niedrigeren Ausbildungsgrad müssen häufig pendeln, wenn sie keinen Arbeitsplatz vor Ort finden.
Hinzu kommt eine Art Wertewandel: Menschen heute haben andere Vorstellungen von einem erfüllten Leben als früher, das trifft besonders auf Frauen zu. Ebenso wie die meisten Männer möchten sie nicht auf einen interessanten Beruf verzichten. Das beobachtet die Berliner Paarpsychologin Berit Brockhausen: „Es geht bei der Partnerschaft nicht mehr in erster Linie um eine Versorgungsgemeinschaft. Der Wunsch nach Eigenständigkeit in der Beziehung spielt dagegen eine wesentliche Rolle.“
Die Konsequenz sind dann häufig sogenannte „Doppel-Karrieren-Paare“. Wenn beiden berufliche Selbstverwirklichung am Herzen liegt, dann bleibt manchmal nichts anderes, als dem Job hinterherzuziehen und die Liebe in einer anderen Stadt zurückzulassen. „Früher war das viel klarer geregelt durch das Ernährermodell: Die Frau zog eben dem Mann hinterher. Das ist heute anders“, sagt die Psychologin.
Gelebte Gleichberechtigung
Belgin Rudack war klar, daß sie arbeiten wollte: „Ich habe mit meinem Mann schon sehr früh darüber gesprochen. So war ihm das ganz bewußt und mir aber auch, daß er jemand ist, der gerne arbeitet.“ Das Paar hat seinen gemeinsamen Hauptwohnsitz zwar in Köln, aber Belgin Rudack leitet seit April von Frankfurt aus das Retail- und Privatkundengeschäft der Region Süd der SEB-Bank. Ein Gebiet, das von der Finanzmetropole bis zum Bodensee reicht. Für diese Stelle pendelt sie seit zwei Monaten. Doch für das Paar ist es nichts Neues, sich unter der Woche wenig zu sehen. In ihrer zwölfjährigen Ehe waren beide häufig getrennt unterwegs.
Die Managerin ist überzeugt, daß Pendlerbeziehungen auf Dauer funktionieren können, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen: „Es ist sehr wichtig, daß man auf Augenhöhe ist, daß man nicht nur von Gleichberechtigung spricht, sondern sie auch lebt. Mein Mann kann meinen Anspruch nachvollziehen und auch, daß man für so einen Job viel Unabhängigkeit braucht.“ Schließlich arbeitet Herr Rudack selbst in leitender Position einer Bank. Klar ist für beide: Unter der Woche steht der Job im Vordergrund, aber bestimmte Zeiten sind für die Zweisamkeit reserviert. „Der Freitagabend ist zum Beispiel unser Abend. Da gehen wir schön essen, reden über die Woche und machen Pläne. Überhaupt versuchen wir das Wochenende und den Urlaub sehr intensiv zu gestalten.“
Opfer für seine Ideale und Wünsche
Doch nicht nur die persönliche Ebene ist eine wichtige Basis für eine gute Fernbeziehung. Auch eine durchdachte Alltagsorganisation ist notwendig, weiß Rudack aus Erfahrung. „Man muß vorausschauend planen: Wann geht wer einkaufen, wann treffen wir uns mit welchen Freunden. Das ist manchmal schon eine gewisse Belastung, bei der Spontanität nicht immer möglich ist.“ Aber für seine Ideale und Wünsche müsse man eben Opfer bringen, Karriere und Familie könnten miteinander vereinbart werden. Klar ist der Achtunddreißigjährigen adretten Frau aber: „Das geht nur in dieser Form, wenn man keine kleinen Kinder hat.“ Und nur, solange keine Ausnahmesituationen eintreten. „In einer Krisensituation ist mir ganz klar: Ich würde mich immer für meinen Mann entscheiden. Aber soweit die nicht gegeben ist, muß man für Sachen Kompromisse schließen, die einem außer der Beziehung noch wichtig sind.“
Ähnlich denkt Finanzanalyst Rolf Drees. „Alles kann man eben nicht haben, man muß möglichst viele Kriterien unter einen Hut bringen.“ Das sehe seine Freundin, die bei der Staatsanwaltschaft in Offenbach arbeitet, auch so. „Offenbach ist nicht einfach verlegbar. Und es ist in diesen Zeiten nicht sinnvoll, seinen Job im öffentlichen Dienst aufzugeben.“ Also stand es nicht zur Diskussion, daß die Partnerin mit nach Düsseldorf zieht. Der Preis ist der getrennte Alltag. „Ich finde es schon schade, daß man sich weder morgens noch abends sieht. Das Leben ist doch viel zu kurz. Man sollte neben einer interessanten Arbeit auch möglichst viel Zeit mit den Menschen verbringen, die man mag und die einem wichtig sind. Da trifft es sich gut, daß viele neue Kollegen nicht nur kompetent, sondern auch sympathisch sind.“
„Sehnsucht hat da auch etwas positives“
Eine Beziehung auf Distanz ist selten erwünscht. „Für die meisten ist eine Fernbeziehung eher eine Lösung auf Zeit“, sagt Berit Brockhausen. Menschen in Distanzbeziehungen sind deswegen aber in der Regel nicht unglücklicher, als diejenigen, die sich jeden Tag sehen. „Es gibt Paare, die die Vorteile einer Fernbeziehung gut nutzen. Manche sind über Telefon und E-Mail viel mehr im Gespräch als Partner, die immer zusammensein können. Da wird der andere nicht so einfach selbstverständlich. Sehnsucht hat da auch etwas Positives.“
Vielen reichen die Sonnenseiten einer Fernbeziehung aber auf Dauer dann doch nicht aus. So war es für Dorothea Siegfried aus Berlin. Sie hatte ihren Freund im Sommer 2003 im Urlaub kennengelernt, genau zwischen Hamburg und Berlin lag das Hotel. Wie ein Omen, denn es war der Anfang der Pendlerbeziehung für die gelernte Reiseverkehrskauffrau, die damals bei Air Berlin in der Pressestelle als PR-Assistentin arbeitete. „Wir haben uns eigentlich immer abgewechselt mit der Fahrerei, haben uns jedes Wochenende gesehen. Außerdem haben wir täglich telefoniert, E-Mails geschrieben und so weiter.“ Das war erst einmal positiv. „Wir mußten nicht unser Leben komplett auf den Kopf stellen.“ Aber bald wurde dem Paar klar, daß sie keinen getrennten Alltag mehr führen wollten.
„Die Tiefe fehlt schon, wenn man sich nur am Wochenende sieht. Jeder geht dann immer allein in sein Leben zurück.“ Sie beschlossen zusammenzuziehen. Keine leichte Entscheidung: Einer von beiden mußte dafür seine Stadt und seine Arbeit verlassen. „Mein Freund hat ein eigenes Unternehmen. Er konnte nicht aus Hamburg wegziehen, aber ich hatte auch keinen schlechten Job.“ Doch am Ende „habe ich mich für die Liebe entschieden, dafür ein neues Leben aufzubauen“ und Air Berlin verlassen. Ihre beruflichen Erfahrungen benutzt sie in Hamburg jetzt dazu, sich im Tourismusbereich selbständig zu machen. „Ich gehe meinen Weg weiter, indem ich meine Kenntnisse nutze. Ich stehe voll hinter meiner Entscheidung.“
