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Karriere „Man braucht einen, der mit großen Stiefeln vorangeht“

25.03.2005 ·  Spitzenzeugnisse und eine große Allgemeinbildung - davon könnte durchaus der berufliche Erfolg abhängig sein. Doch es gibt noch mehr: Welche Faktoren auf der Karriereleiter wirklich nach oben führen.

Von Kerstin Liesem
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„Meine Villa, mein Porsche, meine Firma.“ Auf Klassentreffen läßt sich das Phänomen besonders gut studieren: Ehemals mittelmäßige bis schlechte Schüler trumpfen auf. Das Leben hat ihnen beruflichen Erfolg beschert. Daneben steht der ehemalige Klassenprimus mit neidvoll geröteten Augen. Wo er doch Tag und Nacht für die Schule geschuftet hat!

Wohlgemerkt, das ist nicht immer so. Es gibt durchaus Menschen, deren schulischer Erfolg nahtlos in eine berufliche Karriere übergeht. Dennoch: Auch das Gegenteil kommt nicht selten vor. Was aber ist das Geheimnis des Erfolgs? Welche Faktoren führen auf der Karriereleiter nach oben? Wer eine seriöse Antwort auf diese Frage sucht, darf sich nicht allein auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen, sondern muß die Wissenschaft zu Rate ziehen.

Indikator für Lernfähigkeit

„Brainstormings, wie sie von manchen Firmen zur Erstellung eines Anforderungsprofils für Führungskräfte gemacht werden, sind völlig wertlos“, sagt Heinz Schuler, Professor für Psychologie an der Universität Hohenheim und wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens „S&F Personalpsychologie“. Denn nur empirische Studien und Analysen führten zu einem verläßlichen Ergebnis. Wissenschaftlich belegt ist die große Bedeutung allgemeiner Intelligenz, die in speziellen Tests gemessen werden kann.

Sie ist laut Schuler eine der wichtigsten Voraussetzungen für Führungspersönlichkeiten. „Spezielles Fachwissen ist weniger für sich genommen wichtig denn als Indikator für die Lernfähigkeit.“ Entscheidend für den beruflichen Erfolg ist laut Schuler jedoch eine allgemeine verbale Intelligenz: Man muß in der Lage sein, komplexe Texte schnell zu verstehen und die Informationen auf das Wesentliche zu verdichten.

Rasches Einarbeiten und Überzeugungsarbeit

„Mensch, werde wesentlich“, zitiert Karl Bosshard, Leiter der Büros Hamburg und Hannover der Managementberatung Kienbaum, die Aufforderung des Dichters Angelus Silesius. Und die Wissenschaft gibt ihm recht: Die Fähigkeit, Relevantes von Irrelevantem unterscheiden zu können, ist Studien zufolge äußerst wichtig für beruflichen Erfolg. Zur allgemeinen Intelligenz zähle aber auch, sich überdurchschnittlich schnell und gründlich in neue Themen einarbeiten zu können. Und ganz wichtig: andere überzeugen und eigene Ideen verkaufen zu können. „Es gibt Führungskräfte im unteren und mittleren Management, die haben hervorragende Ideen und Ansätze. Aber sie können sie nicht verkaufen“, sagt Bosshard. Die Folge: Sie werden nicht befördert, obwohl sie genügend Kenntnisse und Wissen hätten.

Selbstvertrauen, so hat Schuler herausgefunden, ist neben allgemeiner Intelligenz ein weiterer wichtiger Karrieremotor. „Man braucht immer einen, der mit großen Stiefeln vorangeht.“ Wer nach dem Motto „Wer anders soll mir vertrauen, wenn ich mir nicht selbst vertraue“ durchs Leben schreite und dabei demonstrativ die eigene Furchtlosigkeit zur Schau stelle, habe Kar-rierevorteile. Notorische Zauderer und Selbstzweifler hätten es hingegen wesent-lich schwerer, die Karriereleiter zu erklimmen. „Das hat ganz stark mit der Ausstrahlung zu tun. Wer läßt sich schon gerne von jemandem führen, der selbst unsicher ist?“

Nicht Charisma, sondern Vertrauen

Bei erfolgreichen Persönlichkeiten ist das Selbstvertrauen oft eng verbunden mit einem Faktor, den Experten mit positiver Affektivität umschreiben. Darunter versteht man einen gewissen Grundoptimismus und eine positive Grundeinstellung: die Fähigkeit, Frustrationen einstecken zu können, ohne sich dauerhaft die Laune verderben zu lassen. Dennoch warnen die Wissenschaftler vor allzu großem Selbstbewußtsein. „Führungspersönlichkeiten mit übersteigertem Selbstvertrauen, die zu Narzißmus neigen, können für ihre Untergebenen durchaus gefährlich sein“, fand Schuler heraus. Denn sie neigten zur Selbstüberschätzung, trauten sich zuviel zu und würden somit unberechenbar. „Ein offenes, konstruktives Feedback der Mitarbeiter gegenüber einer solchen Führungsperson ist kaum mehr möglich.“

Auch der Management-Vordenker und Chef des Malik Management Zentrums Sankt Gallen, Fredmund Malik, warnt in seinem Buch „Gefährliche Managementwörter“ vor dem voreiligen Ruf nach charismatischen Führungspersönlichkeiten. Denn geschichtlich hätten charismatische Führer fast immer Katastrophen bewirkt. Echte Führer bräuchten hingegen kein Charisma. „Sie führen durch Selbstdisziplin und durch Beispiel, nicht durch Slo-gans und Hurrageschrei.“ Nicht Charisma sei ihr Kapital, sondern Vertrauen.

Aus Fehlern lernen

Durch besondere Verträglichkeit und Einfühlsamkeit muß sich trotzdem nicht auszeichnen, wer nach oben will. Laut Schuler sind diese Eigenschaften zwar äußerst angenehm für das Team, aber in der Regel keine Karrierebeschleuniger. Durchset-zungsfähigkeit hingegen wird im Kanon der Karriere-Pusher ganz oben genannt. „Durchsetzungsfähigkeit ist Macht, gepaart mit Dominanz“, erklärt Wolfgang Scholl, Professor für Organisations- und Sozialpsychologie an der Berliner Humboldt-Universität. Wer bisher die spitzen Ellenbogen noch nicht ausgefahren hat, um in seinem Unternehmen zu punkten, braucht dennoch nicht zu verzweifeln. Denn Schuler ist überzeugt, daß man die einzelnen Komponenten, die die Durchsetzungsfähigkeit ausmachen, lernen kann.

So könne man das Verhandlungsgeschick effektiv trainieren. Durch Übung könne auch die Effektivität von Verkaufsgesprächen gesteigert werden. Aber erst Durchsetzungsfähigkeit, verknüpft mit der sogenannten Internalität, verleiht das Rüstzeug für eine Führungsposition. „Internalität ist die Neigung, sich für eigenes Verhalten und Verhaltensergebnisse als selbstverantwortlich zu sehen“, erklärt Schuler. Der Impuls dürfe dann aber nicht lauten „Ich bin nicht gut genug und mache nicht weiter“. Den Kopf in den Sand zu stecken, wäre der falsche Weg. Vielmehr müsse aus Mißerfolgen der Schluß gezogen werden, es beim nächsten Mal besser machen und etwas dazulernen zu wollen.

Leistungswille mit Leidenschaft

Dazu gehören eine ganze Portion Ausdauer, Beharrlichkeit und Eigeninitiative. Auch diese drei Faktoren sind ganz maßgeblich für den beruflichen Aufstieg. Die Einstellung müsse sein: Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann beim zweiten oder dritten Mal. Beharrlichkeit, Ausdauer und Initiative wirken sich langfristig nur dann positiv aus, wenn ihr Motiv Leistungsstreben ist. Diesen unbedingten Leistungswillen nennt Gerd Strohmeier, Privatdozent an der Universität Passau und selbst erfolgreicher Nachwuchswissenschaftler, an erster Stelle, wenn er nach dem Geheimnis seines beruflichen Erfolges gefragt wird. „Auch hier gilt die physikalische Formel: Arbeit ist Leistung durch Zeit. Viele übersehen, daß auch der Faktor Zeit bei der Beurteilung der Leistung eine Rolle spielt.“

Zum unbedingten Leistungswillen gehört für Strohmeier auch die Leidenschaft. „Man kann doch nur gut in seinem Fach sein, wenn man Leidenschaft dafür entwickelt.“ Wer sein Verhalten hingegen allzusehr und allein auf die Tugenden Pflichtbewußtsein und Zuverlässigkeit stützt, hat nach wissenschaftlichen Erkenntnissen den Erfolg nicht auf seiner Seite. „Solche Menschen sind dann die ewigen Buchhalter“, meint Schuler. Viel wichtiger, als sich an Altbewährtem festzuklammern, sei eine gewisse Offenheit für neue Handlungen und Aktivitäten. Das Vertrauen, eine neue Situation anzugehen und zu meistern.

Kriterium Körpergröße

Die Fähigkeit, zeitgemäß und situativ zu führen, hält Top Level Personalberater Bosshard für eine entscheidende Qualität von Führungspersönlichkeiten. „Gerade in der jetzigen Umbruchszeit brauchen Führungskräfte diese Eigenschaften. Ein Besitzstandsdenken ist völlig fehl am Platze.“ Dagegen sei die Extraversion, also die Beziehungsfähigkeit, ein häufig überschätztes Persönlichkeitsmerkmal, fand Schuler heraus. Nur in zwei Bereichen sei es erfolgsrelevant: für Führungskräfte in bestimmten Verkaufsbranchen bei häufig wechselnden Kontakten.

Aber nicht nur psychische Komponenten - Eigenschaften und Wesensmerkmale - spielen für den beruflichen Erfolg eine Rolle. Erstaunlicherweise haben auch physische Persönlichkeitsmerkmale eine nicht zu unterschätzende Relevanz. Wer bisher glaubte, die Körpergröße sei lediglich bei der Partnerwahl ein entscheidendes Auswahlkriterium, der irrt. Laut Schuler ist dieses Relikt aus der Steinzeit tief in unseren Genen verankert: „Größere Menschen konnten die Feinde besser abwehren.“

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Auch heute noch habe man wohl das Gefühl, daß größere Menschen die besseren Führungspersönlichkeiten seien. Das gelte für Männer und - in etwas geringerem Maße - auch für Frauen. Zu beobachten sei, daß große Hochschulabsolventen schon zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn besser bezahlt werden als kleinere Berufseinsteiger. Neben der Körpergröße als Erfolgsfaktor spiele aber auch die Gesundheit und die allgemeine Fitness eine wesentliche Rolle.

Erfolg ist also ein Bündel von ganz ver-schiedenen Faktoren und Merkmalen. Treffen sie in einer Person zusammen, dann kann aus ihr eine große Führungspersönlichkeit werden. Es kann - muß aber nicht. Denn was, wenn ihre Fähigkeiten nie entdeckt werden? Denn zum Erfolg gehört auch das vielzitierte Quentchen Glück. „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, auf das richtige Umfeld treffen, all das sind wesentliche Faktoren für den beruflichen Erfolg“, sagt Bosshard aus seiner Beratungserfahrung. Oder wie der amerikanische Großindustrielle Henry Ford einmal gesagt hat: „Erfolg besteht darin, daß man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind.“

Buchhinweise:

Heinz Schuler: Psychologische Personalauswahl. Einführung in die Berufseignungsdiagnostik, Hogrefe, Göttingen

Fredmund Malik: Gefährliche Managementwörter. Und warum man sie vermeiden sollte. F.A.Z.-Institut für Management-, Markt-und Medieninformationen GmbH, Frankfurt

Quelle: F.A.Z., 26.03.2005, Nr. 71 / Seite 55
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