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Karriere Karriereberatung und Sinnsuche

19.07.2005 ·  Coaching: Was in den Führungsebenen begann, hat sich heute in vielen Unternehmen durchgesetzt. Auch in Deutschland gibt es Tausende Karrieretrainer. Doch nicht alle sind seriös, „Coach“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

Von Josefine Janert
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Der Begriff stammt aus dem Sport. Da läuft ohne den Coach fast nichts. Er trimmt den Schwimmer, die Turnerin, die Fußballnationalmannschaft auf Höchstleistungen. Er analysiert die Schwächen und Vorzüge der Athleten und feilt mit ihnen die Taktik aus. Wenn ein Tor fällt, reißt er die Arme in die Höhe, und wenn nicht, ballt er die Fäuste. Seit einigen Jahren bekommt er immer neue Kollegen. Es gibt Gesundheitscoachs, Coachs für ausgewogene Ernährung und für die Suche nach dem Partner.

Auch in der Wirtschaft tummeln sich Coachs. Ähnlich wie der Betreuer im Sport begleiten sie ihren Kunden auf dem Weg zu Höchstleistungen. Coach heißt Trainer, aber im Geschäftsleben gibt es da einen Unterschied. Unternehmen heuern einen Trainer an, um Mitarbeiter in der telefonischen Annahme von Reklamationen zu schulen. Er erklärt, wie sie aggressive Anrufer beruhigen und übt im Rollenspiel ein typisches Gespräch. Ein Coach hingegen unterstützt seinen Kunden dabei, auf dem Karriereweg voranzukommen.

Zwar werden hier und da Gruppencoachings angeboten, aber meist sitzt der Coach nur einer Person gegenüber. Im Unterschied zu einem Psychotherapeuten interessiert er sich wenig für Kindheit und Familie seines Kunden. Wer psychisch krank ist, dem wird er kaum helfen. Es geht um rasche, pragmatische Lösungen. Ein Coaching ist in beruflichen Umbruchsituationen angebracht, sagt der Psychologe Jürgen Hesse, der in Berlin als Coach arbeitet: „Es bietet sich auch an, wenn jemand in seiner Arbeitswelt fest verankert ist, aber mit einem Außenstehenden bestimmte Probleme durchdenken will.“

Hamburg, München und Frankfurt am Main

Üblich sind drei bis zehn Sitzungen von knapp einer Stunde zum Honorar von je 120 bis 200 Euro. Der Frankfurter Coach Uwe Böning meint: „Ich würde davon abraten, einen Vertrag über endlose Wochen und Monate zu unterschreiben. Statt dessen sollte man sich gleich zu Beginn über Themen und Ziele des Coachings einigen.“ Böning ist im Deutschen Berufsverband Coaching (DBVC). Die Stars unter den Coachs nehmen mehr, Anfänger auch fünfzig Euro.

Sabine Schulz (Name geändert) ist Sportlehrerin. Mehrere Jahre arbeitete sie als freiberufliche Trainerin und Ernährungsberaterin in Hamburger Fitnessstudios. Sie war kurze Zeit als Arzthelferin angestellt, dann verlor sie ihren Job. Ihr Wunsch: ein Studio eröffnen und Entspannungskurse anbieten. Sie suchte geeignete Räume und stellte ein Programm zusammen. Doch obwohl sie als Freiberuflerin schon häufig Faltblätter entworfen hatte, wollte ihr die Werbekampagne in eigener Sache nicht gelingen. Die Kunden blieben aus. Die 35 Jahre alte Frau suchte sich einen Coach. Während der Sitzungenbrachte er sie dazu, ihre Chancen realistischer einzuschätzen und ihr Geschäftskonzept zu ändern.

„Mit meinem Lebensgefährten kann ich zwar auch über das Studio reden“, sagt Schulz. „Aber er scheut sich davor, mir auch mal etwas Unangenehmes zu sagen. Er will mir die Hoffnung nicht nehmen.“ Wieviel Coachs es in Deutschland gibt, weiß niemand. Vermutlich einige tausend, die meisten arbeiten in den Wirtschaftsstandorten Hamburg, München und Frankfurt am Main. In Berlin arbeiten relativ wenig Coachs, da große Firmen fehlen - und damit lukrative Auftraggeber, denn die Dienstleistung wird auch von Unternehmen gebucht. In der öffentlichen Verwaltung hat sich Coaching nicht durchgesetzt. Generell sind die meisten Auftraggeber Akademiker. „Die können mit dem Begriff am ehesten etwas anfangen“, sagt der Frankfurter Coach Hermann Refisch. „Konfliktsituationen gibt es natürlich in allen Berufen.“ Vielleicht liegt es auch daran, daß sich eine Friseurin oder ein Maurer die Honorare nicht leisten können.

Jeder darf den Titel tragen

Im Unterschied zu „Arzt“ oder „Jurist“ ist die Berufsbezeichnung Coach nicht geschützt. Jeder darf den Titel „Coach“ auf seine Visitenkarte setzen. An den Hochschulen, in Gemeindeverwaltungen und in Cafes liegen daher mancherorts Faltzettel aus, auf denen zweifelhafte Berater sich erbieten, bei der Bewerbung und bei Konflikten im Job zu helfen. Ist auch der Lebenslauf abgedruckt, zeigt sich rasch, daß diese Coachs wohl selbst ein Coaching nötig hätten. Sie waren oft kaum längere Zeit bei einer Firma angestellt und haben sich in den vergangenen Jahren von einem Studienprojekt zum nächsten gehangelt. Nun wollen sie anderen Menschen erzählen, wie es im Geschäftsleben langgeht.

Um sich von diesen Kollegen abzugrenzen, haben deutsche Coachs gleich mehrere Berufsverbände gegründet und Qualitätsstandards festgelegt. Sie verpflichten sich dazu, über ihre Kunden zu schweigen und regelmäßig an Weiterbildungen teilzunehmen. Vor allem aber geht es darum: Ein seriöser Coach hat ein Studium abgeschlossen und verfügt über mehrere Jahre Berufserfahrung. Auch ein Mensch, der Schlosser, Bankkauffrau oder einen anderen Ausbildungsberuf gelernt hat und längere Zeit in einer Führungsposition tätig war, kann als Coach arbeiten.

Eine weitere Empfehlung lautet: Der Coach soll mindestens dreißig Jahre alt sein, denn ein Mittzwanziger hat kaum genug erlebt, um die Tragweite von beruflichen Entscheidungen zu erfassen. Der Coach darf gern auch älter sein, sagt Axel Janßen vom Deutschen Verband für Coaching und Training (DVCT): „Ein fünfzig Jahre alter Kunde möchte in der Regel nicht mit einem wesentlich Jüngeren reden.“ Die Berlinerin Uta Glaubitz mag den Begriff Coaching überhaupt nicht. „Vor ein paar Jahren signalisierte er noch berufliche Veränderung“, sagt die Philosophin. „Inzwischen ist er verbraucht, weil sich Hinz und Kunz so nennen.“

Berufsfindung

Glaubitz hat ein anderes zugkräftiges Schlagwort für ihre Arbeit gefunden: Berufsfindung. Sie gibt Gruppenseminare und Einzelberatungen, während derer eine Dolmetscherin ihre Liebe zum Gärtnern wiederentdeckt und ein Kunsthistoriker beschließt, Architekturkritiker zu werden und Stadtführungen über Baukunst anzubieten. Die Berufsfinderin spricht mit ihren Kunden auch darüber, auf welcher finanzieller Basis sie ihre Träume realisieren: Notfalls jobben sie anfangs in einem Call-Center, um ihre Miete zu zahlen. Glaubitz' Strategie ist es, ihre Kunden zu den Wünschen zurückzuführen, die sie auf Druck von Familie und Bekannten einst verworfen hatten. „Wenn ein Junge sagt: ,Ich werde mal Zirkusclown', raten ihm alle davon ab, weil das kein richtiger Beruf sei“, meint sie. „Ein Lavastrom von ,Ja, aber' ergießt sich auf ihn.“ Der Coach als Assistent bei der Sinnsuche?

Coachs werden auch von Menschen gebucht, die sich im Betrieb ausgebremst fühlen und die unter den Sticheleien von Kollegen leiden. Da wäre der junge Akademiker, der eine Führungsposition bekleidet, aber nicht weiß, was in der Firma von ihm erwartet wird. Ein anderer glaubt, daß er auf der Liste derer steht, die demnächst entlassen werden. Einer von Jürgen Hesses Kunden war mit seiner Arbeit unzufrieden und wollte sich auf dem Markt neu orientieren. „Nach dem Coaching kannte er sein Leistungsprofil besser und wußte, was er nach außen darstellt“, sagt Hesse. Oft geht es schlicht darum, über Berufliches mit einer Vertrauensperson zu reden. „Verschwiegenheit ist in vielen Geschäftssituationen oberstes Gebot“, sagt Hermann Refisch. Da ist der Coach der einzig mögliche Gesprächspartner.

Von oben nach unten

Coachs werden allerdings auch von Unternehmen ins Haus geholt, um die Arbeitsprozesse zu verbessern und die Reibung zwischen den Abteilungen oder einzelnen Personen gering zu halten. Uwe Böning sagt, daß man Ende der siebziger Jahre in den Vereinigten Staaten unter Coaching das geschickte Führen von Mitarbeitern verstanden habe: Der Chef sorgt dafür, daß sie sich entsprechend ihrer fachlichen und persönlichen Reife entwickeln können. „Coaching wurde im Topmanagement eingeführt“, resümiert Böning. „Inzwischen hat es sich bis ins mittlere Management durchgesetzt, zum Teil auch auf der unteren Ebene.“ In einigen deutschen Firmen gibt es Pools mit erfahrenen Coachs, aus denen die Chefs nach Bedarf wählen. Andere Unternehmen buchen die Coachs ad hoc. Gute Beziehungen sind nötig, um an solche Aufträge zu gelangen.

In einem Automobilkonzern wird Führungskräften, die von außen in die Firma kommen, das Coaching ausdrücklich empfohlen. Sie sollen sich gut in die neue Umgebung einfügen und ihr Veränderungspotential ausschöpfen. Bei einem Softwarehersteller nutzen die Chefs das Coaching, um ihre Geschäftsstrategien zu durchdenken und eine Balance zwischen Arbeits- und Berufsleben herzustellen.

Neutrale Sicht Außenstehender

Viele Kunden reden gern mit einem Coach, der ihren Arbeitsbereich kennt. Ein Banker weiß, welche Spielregeln in der Finanzwelt Usus sind, eine Juristin ist mit der Weltsicht ihrer Kollegen vertraut. Andere Kunden schwören auf die möglicherweise neutralere Sicht eines Außenstehenden. Verstärkt drängen Psychologen auf den Coachingmarkt. Ein Teil hat eine Ausbildung in NLP, dem Neurolinguistischen Programmieren.

Sie nutzen diese Methode beispielsweise dazu, um mit dem Kunden über seine berufliche Zukunft zu reden. Wie sieht sie aus? Wie riecht sie? Wie schmeckt sie? „Wie wird der vierzigste Geburtstag sein?“ fragt der Hamburger Coach Valentin Nowotny. „Welche Gäste kommen? Welche Reden werden gehalten?“ Dann stellt sich heraus, daß der Kunde mit vierzig anders leben will als mit dreißig. Er wird sich neu orientieren, andere Ziele ins Auge fassen. Sabine Schulz wird ihr Studio behalten. Statt wie anfänglich geplant nur Entspannungskurse anzubieten, hat sie Gymnastik und Yoga ins Programm aufgenommen. Das läuft besser. Während des Coachings habe sie sich „ihrer selbst versichert“, sagt sie - und deshalb die Entscheidung fällen können.

Quelle: F.A.Z., 16.07.2005, Nr. 163 / Seite 49
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