http://www.faz.net/-gyl-741xo

Karriere für Autisten : Spezialisten für den Zahlendschungel

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Viele Autisten haben keine Arbeit oder sind mit ihrer Tätigkeit unterfordert. Dabei haben sie enorme Fähigkeiten etwa im Umgang mit Zahlen. Einige Unternehmen haben diese Marktlücke entdeckt - und damit hochspezialisierte Informatiker gewonnen.

          Hajo Seng wusste lange nicht, was falsch ist an ihm. Seng ist 49 Jahre alt und arbeitet als IT-Spezialist. Brüche kennzeichnen seinen Lebenslauf. Oft ist er gescheitert und musste neu anfangen. Lange Zeit schien es keinen Grund dafür zu geben. Außer ihn selbst, seine Unnahbarkeit, sein manchmal sonderbar scheinendes Verhalten. Seng schaut während des Gesprächs meist zur Seite, sitzt angespannt in seinem Stuhl. Seine Kaffeetasse umschlingt er schützend mit beiden Händen. Blickt er einem in die Augen, wirkt es künstlich, gewollt. Er sagt, er musste es erst lernen.

          Vor vier Jahren wurde bei ihm offiziell Asperger-Autismus diagnostiziert. Doch der erste Hinweis liegt über zwei Jahrzehnte zurück: Mit Mitte zwanzig machte er Zivildienst in einer Einrichtung für schwerbehinderte Kinder. Auch Autisten waren dort. Mit ihnen kam er auffällig gut zurecht, konnte sie beruhigen, wenn sie wütend waren. Er hatte „einen Draht“ zu ihnen, wie er sagt. Seine Kollegen fanden damals, dass auch er ihnen autistisch vorkomme. Die Einsicht sickerte nur langsam durch, sie war nicht leicht zu akzeptieren. Seng wusste damals nur wenig über Autismus. Doch die Erkenntnis wurde schließlich zur Erlösung. Endlich gab es eine Erklärung für seine Probleme, seine Schwächen, die er lange nicht akzeptieren wollte.

          Wenig reden, viel konzentrieren

          Seng arbeitet heute in der IT-Abteilung der Staatsbibliothek Hamburg. Dort kümmert er sich um die Server, sorgt dafür, dass das Netzwerk funktioniert und versucht die Katalogsoftware nutzerfreundlicher zu machen. „Ich bin da sehr zufrieden“, sagt Seng. Ein Arbeitsplatz ohne laute, ablenkende Geräusche, er muss nicht viel reden. Seng kann sich konzentrieren und fällt nicht auf. Viele Kollegen hier seien speziell, erzählt er, er steche also nicht heraus. Nebenbei engagiert er sich bei „autworker“, einem Selbsthilfeverein für Autisten.

          So gut wie heute ging es Seng nicht immer. Früher kam er schwer zurecht im Leben, in der Schule, der Uni und später bei seinen Arbeitgebern. Mathematik und Informatik sind sein Ding, für Zahlen, Symmetrien und Logik hat er Talent. Er arbeitete als Programmierer, kümmerte sich um Computernetze. Doch er scheiterte an seinen Vorgesetzten, den Kollegen, dem Konkurrenzdruck. Er verstand sie nicht. Wenn er zum Beispiel ein Sprichwort hörte, nahm er es wörtlich: „Der hat Tomaten auf den Augen.“ „Ich sehe sie nicht?!“

          Ein Talent für Codes

          Seng litt unter einem Anderssein, auf das er sich lange keinen Reim machen konnte. Das machte ihn depressiv. Er verstand nicht, wie die Menschen um ihn herum zueinanderfanden, wie sie sich verabredeten, kommunizierten. All das Unausgesprochene, die Zwischentöne des sozialen Miteinanders waren wie ein Code, den er nicht auflösen konnte. Er wollte dazugehören, blieb jedoch außen vor.

          Dabei hat Seng ein Talent für Codes. Schon vor der Einschulung entschlüsselte er Bücher, brachte sich Lesen und Schreiben bei. Dennoch kam er in die Sonderschule. Er reagierte nicht, wenn man ihn ansprach, war ein stiller, in sich gekehrter Junge. Am Ende machte er Abitur. Auf der Sonderschule wäre er heillos unterfordert gewesen.

          Weitere Themen

          Britische Gastronomie bangt vor dem Brexit Video-Seite öffnen

          Unbesetzte Arbeitsplätze : Britische Gastronomie bangt vor dem Brexit

          Nur noch wenige Briten sind bereit, für kleines Geld lange Tage in Pubs, Restaurants und Bistros auf der Insel zu arbeiten. Bislang füllten EU-Ausländer diese Lücke. Doch mit dem Brexit könnten künftig bis zu 60.000 Jobs jährlich in der Branche unbesetzt bleiben.

          Sächsischer Befreiungsschlag

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.

          Die Unverzichtbaren Video-Seite öffnen

          Wahlspezial : Die Unverzichtbaren

          Deutschland wird nicht allein in Berlin gemacht. Die Menschen, ohne die nichts geht, arbeiten nachts oder in ihrer Freizeit, retten Leben oder den Freitagabend. Die F.A.S. erzählt 14 Geschichten über die Stützen der Gesellschaft. Ein Auszug.

          Topmeldungen

          Krise in Katalonien : Mit harter Hand gegen die Separatisten

          Die Zentralregierung greift härter als erwartet durch, aus Protest gehen hunderttausende Katalanen auf die Straße. Regionalpräsident Puigdemont bezeichnet Madrids Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens als „schlimmste Attacke“ gegen die Region seit der Franco-Diktatur.
          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Mayers Weltwirtschaft : Griechenlands Bankrott

          Es ist nicht zu erwarten, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Europa muss aufhören, sich etwas vorzumachen.

          Parlamentswahl in Tschechien : Populist Babis klarer Sieger

          Nichts scheint Andrej Babis aufzuhalten. Trotz zahlreicher Affären gewinnt der umstrittene Milliardär die Wahl in Tschechien klar. Wohin steuert der „tschechische Donald Trump“ das Land in der Mitte Europas nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.