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Jura-Absolventen Steiler Aufstieg im Heißluftballon

20.10.2011 ·  Die großen Anwaltskanzleien versuchen, die besten Jura-Absolventen möglichst früh an sich zu binden - mit allen Mitteln.

Von Felix Lange
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„Sind Sie ein High Potential mit Ambitionen?“ Die großen Buchstaben auf dem Plakat, das im Aufgang zum Juristischen Seminar der Universität Münster angebracht ist, ziehen die Blicke der Studenten auf sich. „Dann wählen Sie den kürzesten Weg für eine erfolgreiche Karriere!“ Der kürzeste Weg führt laut Plakat über das „Best Graduates Law Game“, das im Internet als „Recruiting Event exklusiv für High Potentials“ beschrieben wird. Fünf renommierte, international tätige Anwaltskanzleien werben mit dieser Kampagne um die besten deutschen Jura-Absolventen. Wer sein Erstes oder Zweites Juristisches Staatsexamen absolviert hat, kann teilnehmen. 10.000 Euro erhält derjenige, der in Einzelinterviews und auf sogenannten Inhouse-Tagen der Kanzleien den besten Eindruck hinterlässt. Daneben winken den Kandidaten Preise wie eine Alpenüberquerung im Heißluftballon oder ein Rennwochenende am Nürburgring mit Testfahrt als Kopilot. Wer einen hochqualifizierten Jungjuristen kennt und diesen zur Teilnahme bewegt, dem winken immerhin noch 1000 Euro.

Das „Best Graduate Law Game“ wird zwar in diesem Jahr zum ersten Mal durchgeführt, allerdings versuchen führende Anwaltskanzleien qualifizierte Absolventen schon seit geraumer Zeit früh an sich zu binden. Laut Doris-Maria Schuster, Partnerin der Frankfurter Kanzlei Gleiss Lutz, werden Verbindungen schon in den ersten Semestern an den Universitäten unter anderem auf Karrieremessen geknüpft. Zudem finden viele Berufseinsteiger den Weg zu ihrem späteren Arbeitgeber über Praktika oder die Referendarstation vor dem Zweiten Staatsexamen. Die Anwältin schätzt die Quote auf mehr als 50 Prozent. Grund für die frühe Kontaktaufnahme und die gezielte Rekrutierung ist der Mangel an Bewerbern mit den geforderten Qualifikationen. Nach der „Azur 100“-Studie, die regelmäßig die hundert attraktivsten Arbeitgeber für Juristen in Deutschland ermittelt, klafft eine Lücke zwischen geplanten Neueinstellungen und tatsächlichen Neueinsteigern. Von den führenden Großkanzleien in Deutschland erreichten 2010 nur die Wirtschaftsrechtskanzleien Freshfields und CMS Hasche Sigle ihre selbstgesteckten Ziele, während andere wie Hengeler Mueller, Linklaters, Gleiss Lutz, Hogan Lovells und Clifford Chance die Stellen nicht wie gewünscht besetzen konnten.

Nicht ohne „Doppelprädikat“

Dass die Sozietäten nicht genügend Nachwuchs finden, erklärt sich zum einen aus den hohen Anforderungen an die gesuchten Kandidaten. Als formales Kriterium verlangen die Kanzleien das „Doppelprädikat“, das bedeutet die Jungjuristen müssen in der Regel ihr Erstes und Zweites Staatsexamen mit mindestens neun Punkten („vollbefriedigend“) abgeschlossen haben. Dazu wirken sich ein ausländischer Master of Laws (LL.M.) und eine Doktorarbeit positiv auf Bewerbung und Bezahlung aus. Außerdem betonen die Kanzleien, dass ihnen die Persönlichkeit der Kandidaten wichtig ist, die möglichst durch Studienortswechsel, Auslandsaufenthalte oder Aktivitäten außerhalb des Studiums geprägt worden sein sollte.

Die Zahl der Absolventen, die dieses Anforderungsprofil erfüllt, ist überschaubar. Nach Angaben des Bundesjustizministeriums haben im Jahr 2009 in Deutschland 1786 Kandidaten (13,9Prozent) den staatlichen Teil des Ersten Staatsexamens mit „vollbefriedigend“ oder besser abgeschlossen. 1918 aller Referendare schlossen das Zweite Staatsexamen (17,2 Prozent) mit Prädikat ab. Rechtsanwältin Schuster geht von einer „Potentialgruppe“ von rund 800 bis 1000 Personen aus, die neben den verlangten Noten auch die übrigen Qualifikationen mitbringen - und am Anwaltsberuf interessiert sind.

Am liebsten zum Auswärtigen Amt

Trotz der 80.000 bis 125.000 Euro im Jahr, die führende Kanzleien den Berufseinsteigern zahlen, entscheiden sich viele der Hochqualifizierten für andere Berufe. Das „Trendence Graduate Barometer“ führt seit Jahren das Auswärtige Amt als beliebtesten Arbeitgeber von jungen Juristen. Die Europäische Kommission landete 2011 hinter den Wirtschaftskanzleien Freshfields und Hengeler Mueller auf Rang vier. Zudem interessieren sich qualifizierte Absolventen für den Richterdienst, das Notariat und die Universitätslaufbahn oder auch für Unternehmen.

Den „war for talents“, den Kampf um die Talente, habe es in der Juristerei schon immer gegeben, sagt Anwältin Schuster. Durch den Geburtenrückgang und die zunehmend größere Bedeutung, die junge Leute der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beimessen, nehme der Wettbewerb jedoch zu. Die Kanzleien bemühen sich zunehmend, sich dem Markt anzupassen und ihre Attraktivität für die Jungjuristen zu erhöhen. So halten nicht alle Kanzleien starr am Doppelprädikat als Einstellungsvoraussetzung fest. Um Unzufriedenheit mit der hohen Arbeitsbelastung zu begegnen - teilweise jenseits von 60 Stunden je Woche -, strebt Gleiss Lutz wie andere Kanzleien auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine Flexibilisierung der Arbeitszeit an. Auf die Kritik, dass nur ein Bruchteil der Berufsanfänger zum Partner mit gewinnabhängigem und damit deutlich höherem Verdienst aufsteigen kann, hat Freshfields vor vier Jahren mit der Einrichtung der Position des „Principal Associate“ reagiert, die mehr Verantwortung und höhere Vergütung verspricht. Hengeler Mueller wiederum setzt auf ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm für Berufsanfänger. Zudem versuchen einige Sozietäten, die Juristen wieder durch steigende Gehälter zu motivieren.

Zudem werden etwa Juristen aktiv umworben, die nach dem Ersten oder Zweiten Staatsexamen den LL.M. an amerikanischen oder britischen Spitzenuniversitäten erwerben. Matthias Goldmann, der dies 2011 an der New York University tat, berichtet, dass ihn etwa ein Dutzend Einladungen renommierter Sozietäten zu Interviews in den Kanzleien oder zu edlen Kennenlernabendessen erreichten. Hengeler Mueller organisierte zum Beispiel im Rahmen einer solchen Veranstaltung eine Privatführung in einer New Yorker Galerie, die Werke von Robert Rauschenberg präsentierte. Freshfields förderte einige deutsche LL.M.-Studenten mit Reisestipendien in Höhe von 5000 Euro. Auf eine eher ungewöhnliche Rekrutierungsmethode setzte die Kanzlei Bird & Bird. Bei einem Interview wurden 15 Masterstudenten ausgewählt, die dann die Partner der Kanzlei in einem besonderen Ambiente kennenlernen durften: während eines Helikopterfluges über Manhattan.

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