22.04.2006 · Auf der Frankfurter Jobmesse für Juristen laufen die Anwaltskanzleien den Jura-Absolventen hinterher und locken vielversprechende Kandidaten mit grellen Auftritten. Einige Voraussetzungen muß der Nachwuchs allerdings erfüllen.
Von Corinna BudrasDie blonde junge Frau in dem dunkelroten Hosenanzug hat leider keine Zeit für ein kurzes Gespräch. „Ich muß zu meinem nächsten Termin“, erklärt sie hastig und deutet mit einer schnellen Handbewegung zu einem der vielen Stände an der Nordseite der großen Messehalle. „Eigentlich bin ich schon zu spät.“ Heute ist ein wichtiger Tag für Stephanie F., heute könnte sich ihre Karriere als Anwältin entscheiden. Zumindest werden wichtige Weichen gestellt. Es ist der Tag der „Juracon“, einer Jobmesse für Juristen im Frankfurter Messe Forum. Hier können Jura-Absolventen die großen internationalen Anwaltskanzleien - die „Law Firms“ - treffen und sich ein Bild von ihren potentiellen Arbeitgebern machen.
Um einen möglichst umfassenden Eindruck zu bekommen, hastet Stephanie mit ihren bunten Tüten voller Informationsmaterial weiter zu ihrem nächsten Gespräch am Stand der amerikanischen Kanzlei Sidley Austin. Zuvor hatte sie sich schon beim deutschen Sozietät Luther mit einer Rechtsanwältin unterhalten und am Stand von Kirkland & Ellis International ihre Bewerbungsunterlagen präsentiert. Gerade hat sie erst die Halbzeit in ihrem stundenlangen Bewerbungsmarathon erreicht. Um 10 Uhr hat die Messe begonnen, bis 16 Uhr wird noch ein Termin den anderen jagen.
Grelle Farben, großflächige Bilder
Der 29 Jahre alte Nikolaus M. hat sich in seiner Planung mehr Luft gelassen. Er hatte bereits im Vorfeld seine Bewerbungsunterlagen eingeschickt und mit fünf Kanzleien Termine vereinbart. Diese umfangreicheren Kandidatengespräche finden nicht am Stand des jeweiligen Unternehmens statt, sondern in einem Separee im ersten Stock, von dem man einen eindrucksvollen Überblick über die Messehalle mit ihren insgesamt 64 Ausstellern hat. Schnell wird dabei deutlich: Die „Law Firms“ geizen nicht mit ihren Reizen, um vielversprechende Kandidaten an ihre Stände zu locken.
Grelle Farben, großflächige Bilder, Süßigkeiten, Schlüsselanhänger, Tassen - hier wird kaum ein Trick ausgelassen. Draußen mag die Gesellschaft an fünf Millionen Arbeitslosen verzweifeln, mögen die Zukunftsaussichten schlecht und die Ängste groß sein. Hier drinnen ticken die Uhren anders. Hier laufen die Anwaltskanzleien den Jura-Absolventen hinterher, locken mit Einstiegsgehältern von 70.000, 80.000 Euro - vorausgesetzt die Kandidaten haben zwei Prädikatsexamina von mindestens neun Punkten und ausreichende Englischkenntnisse. Ein internationaler Master-Abschluß wäre schön, aber eine Promotion ist nicht mehr absolut notwendig.
Je mehr, desto besser
Wer diese Voraussetzungen erfüllt, darf in dem Separee Platz nehmen und sich eine halbe Stunde lang präsentieren. Drei Tische für je zwei Gesprächspartner stehen in jeder Reihe und vermitteln zumindest einen Hauch von Intimität, wenn über den Werdegang der Kandidaten und die Perspektiven bei dem potentiellen neuen Arbeitgeber gesprochen wird. Dabei versuchen die Gesprächspartner insbesondere herauszubekommen, ob der Kandidat „eine Anwaltspersönlichkeit hat und ein kommunikativer Typ ist“, erläutert Frank Laudenklos von Freshfields Bruckhaus Deringer, mit rund 550 Anwälten Deutschlands größte Kanzlei.
Wenn auch der persönliche Eindruck überzeugt, werden offizielle Bewerbungsgespräche mit weiteren Anwälten folgen. Meist geht das sehr schnell. Die Kanzleien suchen ständig Nachwuchs, auf eine freiwerdende Stelle muß nicht gewartet werden. Fünfzig, sechzig, siebzig neue Anwälte versuchen die großen Büros in diesem Jahr einzustellen. Je mehr, desto besser. Meist fehlt es nicht an den nötigen Stellen, sondern am vielversprechenden Nachwuchs. Die Jobmesse sei bei der Suche ein wichtiger Baustein, betont Laudenklos. Die fachliche Qualität der Bewerber sei in den vergangenen Jahren sehr konstant geblieben. Allerdings seien die Kandidaten sehr viel internationaler geworden. „Die Studenten achten inzwischen viel öfter darauf, in ihren Praktika interessante Erfahrungen im Ausland zu sammeln“, beobachtet er.
„Hier braucht sich niemand zu bewerben“
Wer hier durch das Raster fällt, kann sich zwar an dem reichhaltigen Schokoladenangebot bedienen, doch mit weiterführenden Bewerbungsgesprächen ist nicht zu rechnen. Diese Erkenntnis enttäuscht so manchen Besucher. Die 33 Jahre alte Anne F. hatte etwas anderes von der eintägigen Messe erwartet, die zum achten Mal stattfindet: „Diese Veranstaltung richtet sich nicht an die große Masse, sondern an einen elitären Kreis, bei dem man sich ohnehin fragt, ob die das überhaupt nötig haben.“ Auch die 30 Jahre alte Sonja K. hätte sich vom Deutschen Anwaltverein oder den regionalen Rechtsanwaltskammern allgemeine Informationen über den Anwaltsberuf gewünscht - über die Marktlage, Wachstumsbereiche, Karrierechancen auch jenseits der internationalen Kanzleien. Doch solche Informationen finden sich hier kaum.
Auch die Welt der internationalen Anwaltsbüros wirkt nicht auf jeden Besucher attraktiv. Die 28 Jahre alte Anke S. fühlt sich durch die Präsentationen der Großkanzleien eher abgeschreckt. „Hier braucht sich niemand zu bewerben, der nicht fünfsprachig aufgewachsen ist und die Familienplanung bereits abgeschlossen hat“, erklärt sie ernüchtert. Zudem ist sie über die mangelnde Verbindlichkeit einiger Gespräche irritiert. Einem Unternehmen wollte sie ihre Bewerbungsunterlagen überreichen, doch ihre Gesprächspartnerin hat sie auf den Postweg verwiesen.
„Lieber mit einer kleineren Großkanzlei“
Für die Eliteabsolventen legen sich die Anwaltsbüros hingegen mächtig ins Zeug: In den halbstündig stattfindenden Kanzleipräsentationen bemühen sich die Partner nach Kräften zu überzeugen. Rund 20 Besuchern - weit mehr als die Hälfte davon sind Frauen - erklärt etwa Jan Bauer von der Kanzlei Gleiss Lutz, „warum wir die Besten sind“: klare Karrierepläne, die in fünf Jahren zur Vollpartnerschaft führen, Promotionsprogramme, Auslandsaufenthalte und ein rotierendes Tutorensystem, Teilzeitangebote für Frauen - muß man mehr sagen? Vielleicht noch ein Wort zu den Arbeitszeiten, doch die spielen bei diesen Präsentationen kaum eine Rolle. Viele Kandidaten haben darüber allerdings schon eine realistische Vorstellung. Nikolaus M. möchte ungern mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten und auch nicht unbedingt jedes Wochenende für den Beruf opfern. Weil er auch Zeit für eine Familie haben möchte, versucht er es „lieber mit einer kleineren Großkanzlei“.
Peter Nägele, Partner der amerikanischen Kanzlei Mayer Brown Rowe & Maw, sieht den Reiz der Veranstaltung auch in der Gelegenheit, Marketing für die Kanzlei zu machen und zu erfahren, wie sich andere Anwaltsbüros in der Öffentlichkeit präsentieren. Mayer Brown versucht die Kandidaten mit großflächigen Gesichtern ihrer eigenen Anwälte zu locken: Eine junge Frau mit blonden langen Haaren blickt freundlich lächelnd von der Wand des Messestandes. „Sie ist übrigens auch im wahren Leben so“, stellt Nägele klar. Dabei betont auch er, daß die Kanzlei vor allen Dingen „auf der Suche nach Persönlichkeiten ist“. So habe man kürzlich eine neue Anwältin mit einem bewegten Lebenslauf eingestellt. Sie war mit ihren Eltern im Alter von 17 Jahren aus Moldavien nach Deutschland geflohen und hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt, erzählt er bewundernd. Da ging es auch einmal ohne Prädikatsexamen.