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Joblinge : Ausbildung auf Umwegen

Bild: Cyprian Koscielniak

Die Chancen für Jugendliche am Ausbildungsmarkt sind so gut wie lange nicht. Doch wer einen schlechten Schulabschluss hat, um den machen viele Unternehmen einen Bogen. Das private Projekt Joblinge bemüht sich, diese Hürden abzubauen. Ein Besuch in Leipzig.

          Beim Unkrautjäten trennt sich die Spreu vom Weizen. Rund zwei Dutzend arbeitslose Jugendliche aus Leipzig traten im Frühjahr ihren Dienst in der Rabatte eines Leipziger Altenheims an. Zwei Tage mühsamer Arbeit sollten fürs Berufsleben elementare Tugenden offenbaren: Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin. Diese gemeinnützige Arbeit stellt eine Art Aufnahmetest dar für ein privates Projekt, das arbeitslose Jugendliche in Ausbildung bringen soll. Es heißt Joblinge.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          31 Kandidaten hatte das Jobcenter zum Einsatz ins Grüne geschickt, 24 Plätze waren zu vergeben. Wer muss gehen? „Am Anfang hatte ich Skrupel, jemanden heimzuschicken“, gibt Projektleiter Matthias Kretschmer zu. Aber das Urteil begleitender Pädagogen habe ihm geholfen, die Auswahl zu treffen. „Wer an zwei Tagen zweimal zu spät kommt, der hat es nicht verstanden“, sagt der 44 Jahre alte Lehrer.

          Eintrittskarte in eine bessere Zukunft

          Florian Fengels war klar, dass er die Prüfung bestehen wollte. Sie sollte zur Eintrittskarte in eine bessere berufliche Zukunft werden. Nach dem Hauptschulabschluss hatte er seine Heimat in Nordrhein-Westfalen aus privaten Gründen Richtung Leipzig verlassen und sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten. Nach einigen vergeblichen Versuchen waren die Joblinge seine letzte Hoffnung, das Hilfsarbeitermillieu alsbald zu verlassen. Kein halbes Jahr später hat der 22 Jahre alte Mann sein Ziel erreicht. Am 1.August begann seine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Gießereimechaniker bei der Hydro Aluminium Gießerei im sächsischen Rackwitz. In einem Punkt ist sich Fengels sicher: „Ohne die Joblinge hätte ich das nicht geschafft.“

          Das Joblinge-Projekt gibt es seit 2007. Damals wurde es von der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG und dem Beratungsunternehmen Boston Consulting Group (BCG) ins Leben gerufen. „Auslöser für den Projektstart waren die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die schlechten beruflichen Perspektiven für Jugendliche, die mit der Schule nicht zurechtkamen“, erinnert sich Ulrike Garanin, Partnerin bei BCG. Ein Jahr später startete im bayerischen Zwiesel das erste Projekt. Weitere vier Jahr später hat sich zwar die Situation am Arbeitsmarkt deutlich verbessert. Deutschland hat in Europa die niedrigste Jugendarbeitslosenquote, und gerade in Ostdeutschland suchen viele Unternehmen und Betriebe händeringend nach Auszubildenden. Gleichzeitig gibt es bundesweit immer noch rund eine Viertelmillion Arbeitsloser unter 25 Jahren, und die Zahl der sogenannten Altbewerber, die in den vergangenen Jahren leer ausgingen und auf eine neue Chance warten, ist ähnlich hoch. Unter Letzteren ist der Anteil derer besonders hoch, die keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss haben. Für sie hat sich trotz des allgemeinen Aufschwungs zuletzt wenig geändert. „Bewerber mit schlechten Abschlüssen haben in formalen Verfahren so gut wie keine Chance“, berichtet der Leipziger Projektleiter Kretschmer. „Die fallen durch das allererste Raster.“

          Hilfe beim Sprung über die formalen Hürden

          An diesem Punkt setzt das Joblinge-Projekt an. Jugendlichen mit praktischen Fähigkeiten soll beim Sprung über die formalen Bewerbungshürden geholfen werden, indem sie direkt in Kontakt mit den Unternehmen kommen. Die Unterstützung der lokalen Arbeitgeber ist deshalb von hoher Bedeutung. „Wir sind vor allem dort aktiv, wo wir Büros haben, unsere Netzwerke nutzen und unsere Kunden motivieren können mitzumachen“, erklärt BCG-Mitarbeiterin Garanin. Derzeit gibt es sechs als gemeinnützige AGs gegründete Standorte - Leipzig, Berlin, Frankfurt, Köln und zwei Städte in Bayern. Der nächste soll bald im Ruhrgebiet eröffnet werden. Die Kosten für dieses „Social Franchising“ werden zu 80 Prozent durch den Europäischen Sozialfonds gedeckt, den Rest teilen sich die jeweilige Stadt und die Partner. Im Herbst soll der tausendste Teilnehmer begrüßt werden. Die Vermittlungsquote in eine Ausbildung beträgt 60 Prozent.

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