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IW-Report : Gibt es den Fachkräftemangel?

Besonders in technischen Berufen fehlen Fachkräfte; stellenweise entspannt sich die Lage aber. Bild: picture-alliance/ dpa

Kaum ein Arbeitsmarkt-Thema erregt die Gemüter so sehr wie der Fachkräftemangel: Gibt es ihn? Oder ist er eine Erfindung, ein Mythos gar? Eine neue Untersuchung versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

          Das Problem des Fachkräftemangels bereitet deutschen Unternehmen derzeit fast so viele Sorgen wie der Anstieg der Arbeitskosten. Das weisen etwa die Erhebungen der Industrie- und Handelskammern aus. Umso bemerkenswerter ist der Befund, dass es neuerdings in einzelnen Bereichen auch messbare Erfolge im vielbeschworenen Kampf gegen diesen Mangel gibt - sogar in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik („MINT“), die für die Industrie von besonderem Interesse sind.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wie eine vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vorgelegte Untersuchung zeigt, ist die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot zumindest in den entsprechenden Berufen für Hochschulabsolventen binnen Jahresfrist ein ganzes Stück geschrumpft. Das gilt allerdings nicht für Technikberufe, in denen typischerweise die klassische Berufsausbildung gefordert ist.

          Mehr erwerbstätige „MINT“-Akademiker

          Nach den neuen Berechnungen des Instituts fehlten hierzulande in den vergangenen zwölf Monaten durchschnittlich gut 52.000 Akademiker für technikorientierte Berufe. Das waren gut 30.000 weniger als vor einem Jahr. Auch in der Vorausschau auf das Jahr 2020 hat sich die Lage in diesem Segment ein Stück entspannt: Stellt man den altersbedingten Abgängen und der Nachfrage in der Wirtschaft die absehbare Zahl der Neueinsteiger gegenüber, bleibt rechnerisch noch eine Lücke von knapp 90.000 Akademikern; vor einem Jahr hatte die damalige Hochrechnung noch fast 160.000 angezeigt. Eine Hochrechnung aus dem Jahr 2008 hatte für das Ende dieses Jahrzehnts sogar eine Lücke von 220.000 vorausgesehen.

          Wichtige Gründe für die Trendumkehr sind nach Aussage von IW-Direktor Michael Hüther die gestiegene Zuwanderung vor allem aus der Europäischen Union und eine Stärkung der entsprechenden Studiengänge an deutschen Hochschulen. Tatsächlich habe sich die Zahl der hierzulande erwerbstätigen „MINT“-Akademiker seit dem Jahr 2005 um fast ein Viertel auf 2,4 Millionen erhöht. Unter den Neuzuwanderern im Erwerbsalter hätten 43 Prozent einen Hochschul-, Meister- oder Technikabschluss - verglichen mit 26 Prozent unter den Inländern, ergänzte Thomas Sattelberger, früherer Personalvorstand der Deutschen Telekom und Leiter einer Fachkräfteinitiative der Arbeitgeber. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes kamen im vergangenen Jahr per saldo 437.000 Zuwanderer.

          Rückkehr zur Rente mit 63 wird Problem verschärfen

          Anders als im Fall der akademischen Qualifikationen ist in den klassischen Facharbeiterberufen gerade keine Entspannung in Sicht. Die vom IW nach gleichem Muster für das Jahr 2020 hochgerechnete Lücke für diesen Bereich beläuft sich weiterhin auf 1,4 Millionen Personen. Während in den vergangenen Jahren die absolute Zahl dieser Facharbeiter leicht auf 9,4 Millionen angestiegen ist, ging ihr Anteil an der Gesamtzahl der Beschäftigten zurück. Zudem hätten naturgemäß die wenigsten Zuwanderer Facharbeiterqualifikationen, die einer hiesigen Dualen Berufsausbildung entsprechen.

          Umso größer ist nach Auffassung von IW und Arbeitgeberverbänden der Schaden, den die soeben von der großen Koalition beschlossene abschlagsfreie Rente ab 63 anrichte. Denn damit werde ausgerechnet den besonders knappen Facharbeitern in der Industrie ein Tor zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben eröffnet. Wer nicht „alle Hebel“ in Bewegung setze, um das Fachkräfteangebot zu stärken, verspiele Wachstumschancen der Volkswirtschaft, warnte Hüther. Für die akademischen Berufe ist die Rente ab 63 dagegen kein nennenswerter Rückschlag, da in der Regel Akademiker nicht die geforderten 45 Beitragsjahre erreichen.

          Als „ärgerlich“ stufte IW-Direktor Hüther vor diesem Hintergrund auch die holprige Umsetzung des in jüngster Zeit vielbeachteten Förderprogramms „MobiPro“ durch die Bundesregierung ein. Es war aufgelegt worden, um Jugendliche aus der EU auf dem Weg in eine Berufsausbildung hierzulande zu unterstützen. Wegen Geldmangels und Verwaltungsproblemen liegt es für den Rest des Jahres auf Eis.

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